Seit 01:05 Uhr Tonart

Freitag, 22.06.2018
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Buchkritik | Beitrag vom 31.05.2018

Marlon James: "Der Kult"Über die Deformierung einer Gesellschaft

Von Sigrid Löffler

Beitrag hören Podcast abonnieren
Buchcover: "Marlon James: Der Kult"

2005 erschien eine erste Übersetzung von Marlon James' Roman "John Crow’s Devil". Doch sie blieb unbeachtet. 2015 dann erhielt der Autor den Man-Booker-Preis und kam damit zu großer Popularität. "Der Kult" ist nun eine vielversprechende Neuübersetzung.

Der internationale Erfolg des Romans "Eine kurze Geschichte von sieben Morden", der dem jamaikanischen Autor Marlon James 2015 den Man-Booker-Preis einbrachte, weckte das Interesse auch für den Debütroman dieses Prosa-Erzählers. "John Crow’s Devil" war 2005 in einem kleinen New Yorker Nischenverlag erschienen, nachdem er vorher von fast achtzig Verlagen abgelehnt worden war. Die anfängliche Verkennung eines großartigen neuen Autors gehört ja zu den Erfolgslegenden der Buchszene, von James Joyce bis Joanne Rowling und Stephen King.

Ein atmosphärisch dichter Roman-Erstling

Im Gefolge der deutschsprachigen Ausgabe der "Kurzen Geschichte von sieben Morden" wurde nun Marlon James’ Erstlingsroman zum zweiten Mal auf Deutsch herausgebracht, diesmal unter dem Titel "Der Kult". Die deutsche Erstausgabe unter dem Titel "Tod und Teufel in Gibbeah" war bereits 2009 erschienen, weitgehend unbemerkt.

"Der Kult" ist ein erstaunlich erzählstarker, atmosphärisch dichter und formbewusster Roman-Erstling mit phantastischen, magisch-realistischen Einsprengseln. Schauplatz ist ein fiktives Dorf im Hinterland Jamaikas im Jahr 1957, also in der Endzeit der britischen Kolonialherrschaft über den karibischen Inselstaat, der 1962 die Unabhängigkeit errang. "Der Kult" ist ein Roman über religiösen Wahn, Voodoo-Praktiken, sexuelle Verwirrung und den Ausbruch von Massenhysterie und exzessiver Gewalt unter dem Einfluss eines charismatischen Predigers, der sich Apostel York nennt. Er ist auch eine Parabel über die Deformierung einer Gesellschaft durch die Machtergreifung eines fanatischen Demagogen, der die Grenzen zwischen Gut und Böse, Gott und Teufel, Wahrheit und Lüge verwischt.

Der mythische Kampf zweier Prediger

Erzählt wird der mythische Kampf zweier Prediger um die spirituelle Macht über die Seelen der Dorfgemeinde – ein Kampf, der apokalyptische Ausmaße annimmt. Mitten im Gottesdienst wird der Pastor Hector Bligh vom hereinstürmenden Lucas York brutal niedergeschlagen und aus seiner Kirche und seiner Wohnung verdrängt. Bligh, ein Alkoholiker mit dem Spitznamen «Der Rumprediger», war ein laxer Pastor, der den spirituellen Hunger seiner Gemeinde vernachlässigte.

Apostel York hingegen, ein wortgewaltiger Untergangsprediger und geschickter Manipulator von biblischen und apokryphen Texten, bemächtigt sich der Gemeinde mit einschüchternden Zorn-Gottes-Predigten, verwandelt seine Diakone in eine Killer-Gang, die das Dorf terrorisiert, und hysterisiert mit seinen Lügen die Dörfler bis zum Lynch-Mord. «Wer ist bereit, für den HERRN Gewalt anzuwenden?», donnert er von der Kanzel. Offenbar jeder.

Das Dorf soll mit in den Abgrund

Marlon James ordnet den beiden Predigern zwei gleichfalls verfeindete Frauenfiguren zu: Blighs Helferin ist eine Witwe, deren geheime Macht sich am Romanende offenbaren wird; und Apostel York gibt James die hysterische Betschwester und heimliche Voodoo-Praktikantin Lucinda an die Seite, deren Selbstzerstörungsgier Yorks Vernichtungslust in nichts nachsteht. "Ich werde dieses Dorf mit mir in den Abgrund reißen", verspricht York – und fast gelingt es ihm auch.

Die grausamen Roman-Ereignisse werden oft angekündigt, begleitet und ins Surreale erhoben durch bizarre Erscheinungen – etwa Schwärme von aggressiven Geiern und Tauben, die auf die Menschen einhacken. Da huldigt Marlon James einem magischen Realismus à la García Márquez. Gleichwohl offenbart sein Debüt eine kraftvolle und eigenständige karibische Erzählstimme, nicht zuletzt durch den Einsatz des Patois, der kreolischen Mundart Jamaikas. Schade, dass der Übersetzer diese prägende Eigenart der Romanprosa durch ein gewöhnliches Alltags-Deutsch völlig einebnet und damit unkenntlich macht.

Marlon James: Der Kult
Aus dem Englischen von Wolfgang Binder
Heyne Verlag, München 2018. 288 Seiten, 22 Euro

Buchkritik

weitere Beiträge

Literatur

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur