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Fazit / Archiv | Beitrag vom 25.01.2015

Marlene-Dietrich-BiografiePoetische Huldigung aus den 30er-Jahren

Von Günter Kaindlstorfer

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Die Schauspielerin Marlene Dietrich als Lola-Lola in einer Szene des Ufa-Films "Der blaue Engel" von 1929 (dpa / picture alliance )
Die Schauspielerin Marlene Dietrich als Lola-Lola in dem Ufa-Film "Der blaue Engel" von 1929 (dpa / picture alliance )

Es ist eine kleine literarische Sensation: Im Zsolnay-Verlag erscheint ein biografisches Porträt Marlene Dietrichs, geschrieben von Alfred Polgar, dem großen Feuilletonisten der Wiener und Berliner Moderne der 20er- und 30er-Jahre. Der bisher unveröffentlichte Text zeichnet ein idealisiertes Bild der Diva.

Alfred Polgar hat sich auf Anhieb in sie verliebt. Im September 1927 tritt Marlene Dietrich an der Seite Peter Lorres in den Wiener Kammerspielen auf – in dem US-amerikanischen Krimi-Reißer "Broadway", in dem die aparte Berlinerin als schussfreudiges Revuegirl namens "Ruby" figuriert. Premierenbesucher Polgar verguckt sich auf Anhieb in die kühle Blonde mit dem vamphaften Charisma.

"Es ist ein Etwas über aller Schönheit, Anmut und Begabung, das eine Frau wie Marlene Dietrich so anziehend macht auch für Frauen, ein beunruhigender, nicht restlos in die Kategorie 'ästhetisch' einzuordnender Reiz, dem sich völlig zu entziehen auch dem Widerspenstigen kaum gelingt."

Polgar und Marlene freunden sich an, vor allem später, als Polgar seinen Lebensmittelpunkt nach Berlin verlegt. Man trifft sich mit Kortner und anderen Bühnengrößen in der noblen Bar des "Hotels Eden" am Bahnhof Zoo, Polgar eignet der Diva Bücher zu, man korrespondiert miteinander. Die Texte des Wiener Feuilletonisten hat die Dietrich seit je geschätzt, wie Polgars Biograph Ulrich Weinzierl weiß:

"Polgar gehörte zu Marlene Dietrichs Lieblingsautoren, das kann man schon nachlesen in einem kleinen Büchlein von Manfred George über die Dietrich aus dem Jahr 1930. Sie hat bewundert seine Kritiken, sie hat bewundert seine Feuilletons, und es gibt eine ganze Reihe von Bänden Polgars, die er ihr gewidmet hat."

Polgar revanchiert sich auf seine Weise

Nach der Machtergreifung der Nazis – Marlene Dietrich hat es in Hollywood längst zu Starruhm gebracht – flieht Alfred Polgar nach Wien und später, nach dem "Anschluss" Österreichs, ins französische Exil. Es geht ihm dreckig, wie den meisten Emigranten: kein Geld, kaum Veröffentlichungsmöglichkeiten und die ständige, berechtigte Angst vor einer deutschen Invasion. In dieser Situation wird Marlene Dietrich, über die Vermittlung eines gemeinsamen Schweizer Freundes, von den USA aus für Alfred Polgar tätig, wie Ulrich Weinzierl berichtet:

"Sie hat sofort einen Scheck auf 500 Dollar ausgestellt und geschickt, das sind immerhin heute 12.000 oder 13.000 Schweizer Franken."

Porträtfoto des österreichischen Schriftstellers und Theaterkritikers Alfred Polgar (1873 - 1955) (undatiertes Archivbild) (dpa / picture alliance / Hatzinger)Der österreichische Schriftsteller und Theaterkritiker Alfred Polgar (1873 - 1955) (dpa / picture alliance / Hatzinger)

Eine noble Geste, der noch weitere folgen sollen. Marlene Dietrich, Antifaschistin durch und durch, hat Alfred Polgar wie vielen anderen Exilanten unter die Arme gegriffen: mit Geld, mit Kontakten, mit Protektion. Polgar revanchiert sich auf seine Weise. 1937 nimmt er eine Marlene-Dietrich-Biografie in Angriff. Allein, der Text, 1938 vollendet, wird nie erscheinen. Nach dem "Anschluss" Österreichs findet sich kein Verlag mehr, der das Projekt realisieren würde. Erst heute, ein Dreivierteljahrhundert nach ihrem Entstehen, erblickt Polgars Monographie das Licht der Öffentlichkeit. Herausgeber Ulrich Weinzierl:

"Dieser Text ist einerseits eine poetische Analyse des Phänomens Marlene Dietrich, andererseits ist es selbstverständlich eine Hommage: Alfred Polgar hat Marlene Dietrich bewundert, er war fasziniert von ihr. Nun war das sicher kein Einzelschicksal, in den 20er-Jahren und noch viel, viel länger..."

Knapp siebzig Druckseiten umfasst Polgars Marlene-Hommage, der längste Text, den der "Meister der kurzen Form" je zu Papier gebracht hat.

"Marlene filmt. Sie filmt die elegante Verführerin, deren Lieblingsspaziergang der über Leichen ist, den Vampir, abgekürzt: Vamp, auf schwellende Kissen hingeschlängelt à la serpent, der Gentlemen, das Blut oder zumindest das Geld aussaugt, kurz die so unwiderstehliche wie kalte und böse Frau, bei deren Anblick das Männerherz an das Frackhemd klopft wie das Schicksal an die Pforte."

Neue, faszinierende Facette

Es ist ein idealisiertes, ein durch und durch positives Bild, das Alfred Polgar, wie auch nicht, von Deutschlands größer Diva zeichnet. Die Schattenseiten der Dietrich – von denen man Mitte der 30er-Jahre wenig bis gar nichts wusste – kommen natürlich nicht zur Sprache. Dafür begibt sich Polgar, für ihn ungewohnt, durchaus auf das Terrain des höheren Tratsches:

"Es ist unrichtig, dass Marlene, um abzunehmen, sich nicht nur das Essen, sondern auch den Schlaf versagt. Sie schläft. Viel und gern. Unter den Kopfkissen, die sie benützt, befindet sich ein gutes Gewissen. Das nimmt sie auch auf alle ihre Reisen mit. Es stimmt, dass sie Luftbäder für ein wichtiges Mittel der Hautpflege hält. Ebenso das Frottieren der Haut mit Bürsten und Frottiertuch. Auf das 'make up' legt sie großen Wert, besorgt aber das meiste der kosmetischen Arbeit an sich mit eigener Hand. Nur das Nachziehen der Augenbrauen (die in den letzten Jahren flacher geworden sind) überlässt sie einem Spezialisten auf diesem Gebiet."

Geistvoll, ironisch und voll der feuilletonistischen Leichtigkeit – so kommt Alfred Polgars biographische Hommage an Marlene Dietrich daher. Mit der Entdeckung dieses Texts wird man die Biografie der Dietrich nicht umschreiben müssen – eine neue, faszinierende Facette fügt Polgars poetische Huldigung dem Bild der Diva allerdings durchaus hinzu. 

 

Alfred Polgar: "Marlene – Bild einer berühmten Zeitgenossin", hrsg. von Ulrich Weinzierl
Zsolnay-Verlag, Wien
156 Seiten, 18,40 Euro
Das Buch "Marlene – Bild einer berühmten Zeitgenossin" wird am 25. Januar 2015 im Wiener Burgtheater präsentiert. Mehr Informationen auf der Homepage des Wiener Burgtheaters
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