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Tonart | Beitrag vom 05.09.2016

Marina Baranova: "Hypersuites"Kunstvolle Variationen auf barocke Meister

Von Jonathan Scheiner

Das 1746 von Elias Gottlob Haußmann gefertigte Gemälde von Johann Sebastian Bach (1685-1750) ist nach Aussage des Bachhauses Eisenach das einzige überlieferte Bildnis des Barockmusikers, für das der Meister persönlich Modell gesessen haben soll (picture alliance  /dpa / Bachhaus Eisenach)
Barock-Kompositionen von Johann Sebastina Bach, Couperin und Händel inspirierten die ukrainische Pianistin Marina Baranova zu ihren "Hypersuites" (picture alliance /dpa / Bachhaus Eisenach)

Barockmusik als Sprungbrett für akustische Abenteuer: Das bietet das neue Album "Hypersuites" der ukrainischen Pianistin Marina Baranova. Wenn sie Bach oder Händel höre, entstünden in ihrem Kopf "Hyperlinks", sagt sie. Mit so viel Modernität wurde Barock-Musik selten gespielt.

Das ist keine gewöhnliche Jazz-Aufnahme, wie wir sie spätestens seit Chick Coreas "Children Songs" oder Keith Jarretts "Köln-Konzert" kennen. Das ist das neue Album von Marina Baranova. Die junge ukrainische Pianistin interpretiert hier Komponisten des Barock, genauer gesagt von Couperin, dem sie seinen französischen Landsmann Rameau und die beiden Deutschen Bach und Händel an die Seite stellt. Ein landläufiges Repertoire, geradezu gewöhnlich. Aber wie die Pianistin das macht, das ist schon atemberaubend. Und das nicht nur wegen dieser Virtuosität:

Der Pfiff des Albums besteht in der Art und Weise, wie die Barock-Kompositionen begriffen werden. Hier werden nicht die Originalnoten vom Blatt heruntergespielt. Hier dient die Komposition vielmehr als Sprungbrett in ein Abenteuer. Das entspricht dem Geist barocker Tondichtung.

Nur nach Noten zu spielen, ist schlechter Geschmack

Je nach Anlass wurden die Stücke anders gespielt, gemäß dem Motto: Nur nach Noten zu spielen, ist schlechter Geschmack! Marina Baranova nennt ihre Stücke deshalb "Hypersuites". Folgerichtig taucht sie auch als Co-Komponistin auf, zum Beispiel auch bei "Hypersuite on Händel":

"Und dann habe ich gedacht: Warum spiele ich nicht in diese Suite Variationen von anderen Kompositionen, nicht von Händel selbst, (sondern) aus verschiedenen Epochen? Ich habe dann gedacht, das sind eine Art Hyperlinks, die in meinem Kopf entstehen, wenn ich Barock betrachte. So habe ich dann angefangen, nachzuforschen, was die Barockmusik so faszinierend macht. Die Aufführungspraxis im Barock ist wirklich unfassbar, was die sich erlaubt haben. Diese Freiheit, die sie sich genommen haben."

So erzählt Marina Baranova über die Herangehensweise und sagt weiter: 

"Noten haben sie damals wie eine Landkarte wahrgenommen. Was du damit machst, ist Dir überlassen. Und deshalb waren alle Aufführungen sehr unterschiedlich. Es gab keine zwei gleiche oder zwei ähnliche Aufführungen. Möglicherweise kennen wir das heute aus dem Jazz, so eine Wegbeschreibung, und Du kannst damit machen, was Dir deine Phantasie erlaubt."

Die Kunst der fließenden Übergänge

Die Übergänge zwischen den unterschiedlichen Teilen wurden nicht ruppig-collagenhaft gestaltet wie das etwa der Komponist John Zorn schon machte. Vielmehr fließen die Teile geschmeidig ineinander, fast unmerklich, auch wenn es zuweilen kräftig im Gebälk des Konzertflügels ächzt.

"Meistens sind das keine Zitate, sondern Teile von mir, die ich entweder komponiert oder improvisiert habe. Also ich habe mir tatsächlich erlaubt, diese Hyperlinks musikalisch einzubauen und zu zeigen. Also herauszugehen aus einem Stück und dann wieder zurückzukehren, ganz im Sinne von barocker Aufführungspraxis. Und natürlich habe ich d i e Hyperlinks eingebaut, die für mich als moderne Person aktuell sind. Also ich verwende auch mal öfter die Techniken, die ein DJ verwendet, wenn er etwas auflegt."

Die Mutter spielte klassische Musik, der Vater Jazz

Und was hat bei einer solchen Vorgehensweise nicht so alles Platz bei einer Frau, die ihren eigenen Konzertflügel nach einem Konzert mit nur einer handvoll Besuchern von einer ihr bis dato fremden Person geschenkt bekam? Einer Musikerin, die mit Freunden in Clubs geht, um DJs zu bestaunen und die obendrein in zwei Musikwelten groß wurde: Marina Baranova spielt Klavier, seit sie drei Jahre alt ist. Der Klang des Instruments war allgegenwärtig in ihrem Elternhaus in Charkiw. Im einen Zimmer spielte ihre Mutter Klassik, und im nächsten Zimmer ihr Vater Jazz.

Und so kann es nicht erstaunen, dass die klassisch ausgebildete Pianistin mit einem Schumann-Album debütierte, um dann mit einem Duo-Album mit dem türkischen Trommler Murat Coskun nachzulegen. Und ihre fruchtbare Zusammenarbeit mit dem Meisterklezmer Giora Feidman dauert schon über zehn Jahre an. Ein gewaltiger Musikkosmos, der sich auch in ihren "Hypersuites" spiegelt.

Kein Wunder also, dass als letztes Stück des Album ein Remix des Soundtüftler Hauschka alias Volker Bertelmann auftaucht. Das wäre gar nicht nötig gewesen, um die Aktualität dieses Albums herauszustreichen. Denn mit so viel Modernität wurde Barock selten gespielt. Und mit so viel Schönheit ebenfalls nicht.

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