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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 11.03.2017

Marina Achenbach: "Ein Krokodil für Zagreb"Ein Leben voller Brüche

Von Maike Albath

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Marina Achenbach: Ein Krokodil für Zagreb, erschienen bei Edition Nautilus (picture alliance / Nicolas Armer / dpa/ Verlag: Edition nautilus (Promo) )
Marina Achenbach: Ein Krokodil für Zagreb, erschienen bei Edition Nautilus (picture alliance / Nicolas Armer / dpa/ Verlag: Edition nautilus (Promo) )

In Zagreb trifft die junge Journalistin Seka im Februar 1938 auf den Intellektuellen Ado von Achenbach und sein exzentrisches Haustier. Das ist der Auftakt einer turbulenten Liebesgeschichte mit vielen Wendungen, erzählt in dem autobiografischen Roman "Ein Krokodil für Zagreb" - aus der Perspektive der Tochter.

Als die junge Zeitungsreporterin Seka an einem Februartag 1938 in Zagreb einen deutschen Emigranten aufsucht, um ihn über seine Flucht vor Hitler zu befragen, trifft sie in dessen Zimmer ein Krokodil an. Ado von Achenbach, Theatermann, Intellektueller und überzeugter Kommunist, hat das Reptil aus Deutschland mitgebracht, es war ein Geschenk seines Onkels vom Orinoko, und die 20-Jährige ist nicht nur von seiner exzentrischen Tierliebe gefesselt. Auch ihre elegante Mutter zeigt sich hingerissen von Herrn von Achenbach und nimmt ihn mit auf eine Reise an die Küste. Das kann Seka nicht auf sich sitzen lassen. Obwohl ihre großbürgerlichen Eltern andere Heiratspläne für die schwer zu bändigende Tochter haben, entscheidet sie sich für Ado und stellt sich allen Unwägbarkeiten mit unbeirrbarer Tatkraft.

Die turbulente Liebesgeschichte der Eltern und die Lebenswege von Vater und Mutter bilden den Kern der poetischen Vergangenheitserkundung von Marina Achenbach. Die Journalistin, 1939 in Zagreb geboren und Mitbegründerin der Wochenzeitung "Der Freitag", legt ein bezwingendes autobiografisches Familienporträt vor und nimmt die Umbruchphase nach 1918 in Jugoslawien ebenso in den Blick wie die Nazizeit in Deutschland, die Aufbauphase in der DDR und den Balkankrieg der 1990er Jahre.

Dichtes Gewebe von Legenden und Anekdoten 

Achenbachs schlaglichtartige Erzählweise überzeugt: In kurzen Szenen vergegenwärtigt sie die Herkunft von Seka und Ado, deren Ehe und Bruchstücke der eigenen Kindheit, gibt sich als Arrangeurin zu erkennen und skizziert ihre aktuelle Gefühlslage. Das Ganze gewinnt dadurch etwas Prismatisches, was dem Charakter von Erinnerungen entspricht. Ihre Mutter besaß ein balkanisches Fabuliertalent und die Autorin muss jetzt selbst die Deutungshoheit über das dichte Gewebe von Legenden und Anekdoten gewinnen.

Das Material könnte kaum spannungsreicher sein. Als deutsche Truppen in Zagreb einmarschieren, sind ihre Eltern zur Übersiedlung nach Berlin gezwungen. Ados Mutter Paula ist eine geborene von Pringsheim und Jüdin, bewohnt als Landratswitwe aber immer noch standesgemäß eine Belle Étage im Spreebogen. Berlin wird bombardiert, Seka flüchtet mit den Kindern nach Ahrenshoop, man deportiert Paula nach Theresienstadt, Ado landet bald im KZ Leuna. Nach 1945 gehört ihr schillernder Mann zum DDR-Adel, baut in Weimar eine Schauspielschule auf, verwickelt sich in Liebschaften.

Es kommt zur Trennung. Seka geht eine Liaison mit dem Publizisten Alfred Kantorowicz ein, den sie später heiratet, doch die Ehe mit dem dauergekränkten Gelehrten hält nur kurz. Sekas bohemienhafte Existenz passte nicht zum Dogmatismus der DDR, sie ist viel zu aufmüpfig und unangepasst, als Jugoslawin verdächtigt man sie des Titoismus. Nach Ados überraschendem Tod hält sie nichts mehr. 1957 siedelt sie mit ihren Kindern in die Bundesrepublik über und lässt sich in München nieder. Im Zeitraffer durchquert Achenbach die letzten Jahre ihrer Mutter, die hochbetagt stirbt und bis zum Schluss auf der Seite der Unangepassten steht. Ein Krokodil für Zagreb ist das Mosaik eines Lebens voller Brüche, eine Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Marina Achenbach: Ein Krokodil für Zagreb
Edition Nautilus, Hamburg 2017
224 Seiten, 19,90 EUR

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