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Lesart | Beitrag vom 15.11.2017

Marcel Beyer über das "Wörterbuch der Gegenwart""Tiere können perfekt kommunizieren"

Marcel Beyer im Gespräch mit Joachim Scholl

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Der Schriftsteller Marcel Beyer auf der Frankfurter Buchmesse 2014 (dpa / picture alliance / Arno Burgi)
Der Schriftsteller Marcel Beyer auf der Frankfurter Buchmesse 2014 (dpa / picture alliance / Arno Burgi)

Was wäre eigentlich, wenn wir keine Sprache hätten? Diese Frage stellt Marcel Beyer und meint: Beim Sprechen käme man vielleicht auch mit einer gewissen Anzahl von Lauten aus - wie die Vögel. Panik befalle ihn aber bei der Vorstellung, ihm wäre die Möglichkeit zu schreiben genommen.

Ein "Wörterbuch der Gegenwart" formt sich seit einiger Zeit im Berliner Haus der Kulturen der Welt – in einer Veranstaltungsreihe, in der namhafte Persönlichkeiten aus Kunst, Wissenschaft und Politik ausgewählte Begriffe und Wort mit ihren verschiedenen Bedeutungsebenen vermessen.

Gestern waren zwei vielfach ausgezeichnete Schriftsteller zusammengespannt, der Büchner-Preisträger Marcel Beyer und die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller. Das Thema: ihr Begriff der Sprache für das "Wörterbuch der Gegenwart". 

Für Schriftsteller seien Wörterbücher immer interessant, sagte Marcel Beyer im Deutschlandfunk Kultur:

"Man kann immer wieder in Wörterbüchern Entdeckungen machen, man kann sich darin verlieren. Und ich finde: Das ist eine sehr interessante Idee, gewissermaßen ein Live-Wörterbuch in einer Veranstaltung der Gegenwart zu schaffen."

Würden 40 Laute für die Alltagskommunikation reichen?

In seinem Text für den Abend "Sprechen, schreiben, lesen" unternimmt Beyer ein Gedankenexperiment und fragt: Was wäre, wenn ich keine Sprache hätte? "Tiere können perfekt kommunizieren, mit offenbar viel einfacheren Mitteln als wir das tun", erklärte Beyer. Zwar gebe es bei Tieren auch so etwas wie Dialekte, aber bei bestimmten Vogelarten würden einige Laute über die ganze Welt hinweg gelten.

"Warum klappt das bei denen so gut? Und warum sind wir als Menschen so kompliziert? Was würde mir eigentlich fehlen, wenn ich ein Vogel wäre und mich wie ein Vogel äußern würde?"

Über den Tag hinweg würde er nicht viel reden, so der Schriftsteller. Ein paar Worte am Morgen mit seiner Frau oder ein "Danke" oder "Auf Wiedersehen" im Supermarkt, das sei nicht sehr viel. Für derartige Situationen könne man ja auch mit 40 verschiedenen Lautäußerungen wie die eines Vogel "ganz gut klarkommen". Beim Schreiben des Textes "Sprechen, schreiben, lesen" sei ihm aber bewusst geworden, dass das Schreiben für ihn unerlässlich sei. "Mich befällt Panik bei der Vorstellung, mir wäre die Möglichkeit zu schreiben genommen."

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