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Fazit | Beitrag vom 17.09.2017

Marc Chagalls Frühwerk in BaselDie ganze Welt spielt verrückt

Von Johannes Halder

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Meret Meyer, die Enkelin von Marc Chagall, besucht die Ausstellung "Chagall - Die Jahre des Durchbruchs 1911-1919" in Basel. (dpa / picture alliance)
Meret Meyer, die Enkelin von Marc Chagall, besucht die Ausstellung "Chagall - Die Jahre des Durchbruchs 1911-1919" in Basel. (dpa / picture alliance)

Hier verdrehen Betrunkene buchstäblich ihren Kopf, Körper krümmen sich, als wären sie aus Gummi – und die ganze Welt spielt verrückt. Das Kunstmuseum Basel zeigt in einer neuen Ausstellung das Frühwerk von Marc Chagall.

Bis 1906, da war er 19 Jahre alt, hatte Marc Chagall angeblich noch kein einziges Bild gesehen. Im jüdischen Milieu seiner Heimatstadt Witebsk galt das Malen als Sünde, erst als Student in Sankt Petersburg lernt er die Moderne kennen, und als er 1911 mit einem Stipendium nach Paris kommt, erlebt er einen Kulturschock: Picasso, van Gogh, der Kubismus, Delaunay – die Avantgarde stürzt auf ihn ein, doch Chagall geht seinen Weg, sagt Museumschef Josef Helfenstein:

"Erstaunlicherweise findet er sofort seinen eigenen Stil. Also man merkt, er gehört eigentlich zu niemandem, zu keiner dieser Strömungen. Und das finde ich eigentlich das Faszinierende an der ganzen Sache."

Die Welt ist schon früh aus den Fugen, und man weiß nie, ob aus Verzückung oder aus Verzweiflung. Chagall, von Heimweh geplagt, malt sich die Welt zurecht, wie er sie sieht. Er malt Betrunkene, die buchstäblich den Kopf verdrehen; Körper krümmen sich, als wären sie aus Gummi; eine Kuh liegt im Zimmer, der Tisch mit dem Samowar gerät ins Wanken, die ganze Welt spielt verrückt.

Nichts so sehr gehasst wie Hirnarbeit

"Paris durch das Fenster", ein Großformat von 1913 wie aus dem Bilderbuch: Draußen vor dem Fenster fliegen Fußgänger durch die Luft, im Hintergrund der Eiffelturm, die Eisenbahn fährt auf dem Kopf und der Mann am Bildrand weiß gar nicht, wohin er schauen soll – Chagall malt ihm ein doppeltes Profil. Er malt auch eine stürmische Liebesszene, in die sich unversehens eine rote Ziege drängt – mit solchen Szenen sucht Chagall wohl Halt in der fernen Heimat.

"Er erzählt quasi seine Erinnerungen an diese Welt, die so unendlich weit weg ist – es ist ja wie eine vergangene Welt, die Armut, aber auch die Schönheit dieses ländlichen Lebens, die Bauern, die Tiere, diese sehr intensive oder intime Beziehung zwischen Tier und Mensch, die Einfachheit des Lebens in diesen Holzhäusern, die Märkte und all das. Also das alles erlebt er ganz anders in Paris, wo er in einer Großstadt gelandet ist und wo die Moderne natürlich längstens angekommen ist."

Judentum und Christentum, Volkstümliches und Modernes – zwei Welten mischen sich in diesen Bildern. Chagall merkt später an, in Paris habe er seine zweite Geburt erlebt. Kapitale Werke wie "Der Viehhändler" oder "Ich und das Dorf" sind hier zu sehen, beide mit detaillierten Studien vorbereitet, der Zauber ist penibel kalkuliert. Dem Kubismus schaut er dazu ein paar formale Tricks ab, aber die Theorie dahinter ist ihm egal. Er habe nichts so sehr gehasst wie Hirnarbeit, bekennt er. Seine Bilder stecken dafür voller Geschichten.

"Er ist wirklich ein Poet, und ich glaube, das war auch der Grund, warum die Dichter ihn wahnsinnig gemocht haben."

Dem Dichter Apollinaire hat er ein großes, wunderbares Bild gewidmet und mit Gold- und Silberstaub bestreut. Doch keine Spur von Kitsch, nirgendwo in dieser ganzen Schau.

"Er malt quasi, was er sieht"

1913 reist Chagall nach Berlin und stellt dort seine in Paris entstandenen Bilder aus. Von dort geht es weiter in die Heimat nach Witebsk, er will seine Verlobte Bella holen. Doch dann bricht 1914 der Erste Weltkrieg aus, Chagall sitzt in der Falle.

"Es führt zu einem radikalen Rückzug. Er lebt wieder bei seinen Eltern, und das bedeutet, das ist wirklich eine andere Welt, sehr lokal, sehr arm, auch eine Umgebung ohne jede Kunst und ohne Avantgarde. Und er malt quasi, was er sieht, d.h. er malt das, was er aus dem Fenster heraus sieht, auf der Straße."

Ein neuer Realismus macht sich bemerkbar, die Bilder werden dunkler, die Motive alltäglich. Auch Chagall muss Wehrdienst leisten, allerdings in der Kaserne. Ein ganzer Kriegsraum in der Schau zeigt seine Tuschezeichnungen von verwundeten Soldaten, von Abschiedsszenen und klagenden Müttern.

Eine Attraktion der Schau sind die vier großen Porträts von Rabbinern, von denen Chagall eines kyrillisch signiert hat.

"Die sind nie zusammen gezeigt worden seit hundert Jahren. Und das war ein Traum, dass man die vier jetzt mal zusammenbringt."

Chagall gibt verbittert auf

Eine Vitrine mit Judaica sowie historische Fotografien vermitteln einen Eindruck vom religiösen Brauchtum und dem ärmlichen Milieu in Chagalls weißrussischer Umgebung. Und die beiden letzten Säle der Schau sind rot getüncht wie die Revolution. Die hat Chagall natürlich auch erlebt, er wird sogar bolschewistischer Kunstkommissar in seiner Heimatstadt, lässt zum Jahrestag der Revolution begeistert die Straßen dekorieren und gründet eine Kunstschule, an der auch El Lissitzky und Malewitsch lehren, die allerdings eine andere Richtung vertreten als der malende Poet.

Chagall gibt verbittert auf und zieht nach Moskau, ein Opfer der Revolution wie so viele Künstler. So schwer enttäuscht ist der Maler, dass er 1923, wieder in Paris, ein Bild malt, das erst 1947 fertig wird: der "Engelssturz" – ein roter Engel, der kopfüber in die Tiefe fällt. Das Gemälde, mit dem er die Tragödie der Revolution ausdrückt, hängt ganz am Schluss der Schau, und ein besseres Bild hätte man dafür gar nicht finden können.

Die Ausstellung ist im Kunstmuseum Basel bis zum 21. Januar 2018 zu sehen.

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Zum 30. Todestag von Marc Chagall - Bedrückter Kommentator der Weltgeschichte
(Deutschlandfunk Kultur, Aus der jüdischen Welt, 27.03.2015)

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