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Montag, 20.11.2017

Interview | Beitrag vom 11.11.2017

Manifest 1918 - 2018"Europa ein neues Gesicht geben"

Étienne François im Gespräch mit Ute Welty

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Ein Denkmal erinnert an den Weihnachtsfrieden 1914 und ein Fußballspiel, das damals zwischen deutschen und englischen Soldaten ausgetragen wurde. (AFP - Paul Ellis)
Ein Denkmal erinnert an den Weihnachtsfrieden 1914 und ein Fußballspiel, das damals zwischen deutschen und englischen Soldaten ausgetragen wurde. (AFP - Paul Ellis)

2018 wird überall in Europa des hundertjährigen Endes des Ersten Weltkrieges gedacht werden. In einem Manifest fordern nun Historiker, Politiker und Publizisten aus 17 Ländern, dieses Gedenken zum Anlass für eine neue europäische Perspektive zu nehmen.

Das Gedenken an 100 Jahre Ende des Ersten Weltkrieges 2018 mit einer erneuerten europäischen Perspektive verknüpfen - dafür plädieren Historiker, Publizisten, Politiker und Künstler aus 17 Nationen in einem Manifest, das am Samstag veröffentlicht wurde.

Völkerverständigung und Demokratie sollen die Zukunft Europas prägen

"Wichtig für uns war, daran zu erinnern, dass man sich nicht nur an die Vergangenheit erinnern sollte, sondern dass man auch den Blick auf die Zukunft wirft", sagte der Historiker Étienne François, einer der Initiatoren des Manifests, im Deutschlandfunk Kultur. Gerade angesichts der populistischen und nationalistischen Herausforderung in Europa gelte es, auf der Basis von Demokratie, Menschenrechten, Völkerverständigung und dem Völkerrecht die Zukunft zugestalten.

Hier einen Auszug aus dem Manifest zum Nachhören:

"Erlauben Sie, dass ich als Franzose einfach daran erinnere, dass wir in Frankreich zurzeit einen Präsidenten haben, der zahlreiche kluge Vorschläge für eine Revitalisierung von Europa gemacht hat", sagt François.

"Und wenn Deutschland und die anderen Länder einige dieser Vorschläge diskutieren könnten, um ein neues Gesicht an Europa zu geben, dann wäre das sicher die richtige Form der Begehung des hundertjährigen Friedens 1918."

Der Historiker Étienne François (Deutschlandradio / Manfred Hilling)Der Historiker Étienne François (Deutschlandradio / Manfred Hilling)

Es gelte dabei, die positiven Ansätze der Friedensordnung, die es nach 1918 durchaus gegeben habe, aufzugreifen und zu nutzen. "Wir haben die Gestaltung der Zukunft in unseren Händen", betont der Historiker. "Nutzen wir die Chance aus!" (uko)


Das Manifest im Wortlaut:

1918–2018: Ein Manifest

Es sollte der Krieg sein, der alle Kriege beendet. Als vor fast einhundert Jahren, am 11. November 1918, der Erste Weltkrieg an der Westfront endete, schien eine neue Epoche der Geschichte anzubrechen, geprägt von Frieden, Demokratie und Menschenrechten, von nationaler Selbstbestimmung und internationaler Verständigung. Das Frauenwahlrecht begann seinen Siegeszug. Der Völkerbund sollte internationales Recht durchsetzen. Und bei vielen Menschen außerhalb Europas weckte das Versprechen von Selbstbestimmung auch Hoffnung auf das Ende des Kolonialismus.

Doch alle Seiten, Sieger und Besiegte, neue und alte Nationalstaaten, verspielten diese Chance zu einer dauerhaften Friedensordnung – in Europa und der ganzen Welt. Zwei Jahrzehnte danach begann mit dem deutschen Überfall auf Polen der nächste Großkonflikt mit noch schlimmeren Verheerungen, höheren Opferzahlen und unvorstellbaren Verbrechen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gewann Westeuropa im transatlantischen Bündnis Zeit für eine stabile und friedliche Entwicklung und schuf mit der Europäischen Einigung ein Projekt des Friedens und des Wohlstandes, das aus den Schrecken der jüngsten Vergangenheit Lehren zog. Doch heute, fast 30 Jahre nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Diktaturen und der Vereinigung des Kontinents, sind Demokratie, europäische Integration und auch der Frieden wieder in Gefahr. Etliche der gegenwärtigen Spannungen und Krisen erinnern an jene Schwierigkeiten, die durch die nach 1918 geschlossenen Friedensverträge gelöst werden sollten. Was damals ungelöst geblieben ist, erfährt heute erschreckende Aktualität. Lag der schweizerische Historiker und Diplomat Paul Widmer doch richtig, als er 1993 formulierte, Europa habe zwar die Folgen des Zweiten Weltkriegs leidlich bewältigt, laboriere aber weiter an denen des Ersten?

Das Russland Putins tut sich schwer, die Unabhängigkeit der Ukraine, die vor einhundert Jahren zum ersten Mal ausgerufen wurde, zu akzeptieren, und erst recht ihren Weg nach Westen. Ähnliches gilt für Georgien und die baltischen Staaten, die ebenfalls nach dem Ersten Weltkrieg erstmals eigenständig wurden. Die Staatenordnung, die nach 1918 im Nahen und Mittleren Osten entstand, hat sich nicht als haltbar erwiesen. Die Türkei leidet heute mehr denn je unter dem Phantomschmerz, die Bedeutung des Osmanischen Reiches verloren zu haben. Heute lebt die Menschheit erneut in einer multipolaren, instabilen und krisenhaften Welt - ähnlich wie nach 1918.

Im kommenden Jahr werden all diese Fragen zusätzliche Aktualität bekommen. Viele Länder Europas werden das Centennium ihrer staatlichen Unabhängigkeit oder ihres Sieges feiern. Andere werden eher an Niederlagen und deren Folgen erinnern. In West und Ost haben populistische Bewegungen, die parlamentarischer Demokratie und europäischer Integration skeptisch gegenüberstehen, an Zulauf gewonnen. Es droht eine neue Welle des Nationalismus. Wird es gelingen, dem Gedenken an das Ende des Ersten Weltkrieges dennoch eine - erneuerte - europäische Perspektive zu geben?

Es geht um mehr, als allein an die Opfer eines schrecklichen Krieges und an seine Folgen zu erinnern. Zu würdigen sind die Bedeutung des Friedens für Europa und die Welt, die Ideen eines universalen Völkerrechts und der rechtsstaatlichen Demokratie. Der erste Anlauf, diesen Werten nach 1918 weltweit Gestalt zu geben, scheiterte. Mit der Gründung der Vereinten Nationen und der Verabschiedung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte wurde nach 1945 ein zweiter Versuch unternommen. In Europa kam dies aber zunächst nur der westlichen Hälfte zugute.

Nach dem Ende des Kalten Krieges schienen sich diese fundamentalen Werte endgültig durchzusetzen. Doch heute stehen sie unübersehbar und fast überall wieder unter Druck. Die einhundertste Wiederkehr des Kriegsendes und des Bemühens nach 1918, eine umfassende Friedensordnung herzustellen, ist der geeignete Zeitpunkt, über Grenzen hinweg ein deutliches Zeichen zu setzen für Menschenrechte und Meinungsfreiheit, für Rechtstaatlichkeit und Einhaltung des Völkerrechts. Dazu wollen wir aufrufen!

Initiatoren: Markus Meckel, Politiker, Berlin; Etienne Francois, Historiker, Berlin; Bettina Greiner, Historikerin, Berlin; Oliver Janz, Historiker, Berlin; Sven Felix Kellerhoff, Publizist, Berlin; Martin Lengemann, Fotograf, Berlin; Gorch Pieken, Historiker, Potsdam; Stefan Troebst, Historiker, Leipzig


Das Interview im Wortlaut:

Ute Welty: Fast will man sagen, Historiker aller Länder, vereinigt euch, denn Fachleute aus Polen, Spanien, Großbritannien, den USA und Deutschland haben gerade vor neun Minuten, nämlich um genau 7:00 Uhr, ein Manifest veröffentlicht, das eine Perspektive entwickeln will in Hinblick auf das Ende des Ersten Weltkriegs 1918. Dazu gehören neben Historikerinnen auch Politiker, Publizistinnen und Künstler - und das hier haben die Vertreter von 17 Nationen gemeinsam unterschrieben:

"Heute lebt die Menschheit erneut in multipolaren, instabilen und krisenhaften Welt, ähnlich wie nach 1918. In West und Ost haben populistische Bewegungen, die parlamentarischer Demokratie und europäischer Integration skeptisch gegenüberstehen, an Zulauf gewonnen. Es droht eine neue Welle des Nationalismus. Wird es gelingen, dem Gedenken an das Ende des Ersten Weltkrieges dennoch eine erneuerte europäische Perspektive zu geben? Die einhundertste Wiederkehr des Kriegsendes und des Bemühens nach 1918, eine umfassende Friedensordnung herzustellen, ist der geeignete Zeitpunkt, über Grenzen hinweg ein deutliches Zeichen zu setzen für Menschenrechte und Meinungsfreiheit, für Rechtstaatlichkeit und Einhaltung des Völkerrechtes."

Auszüge aus dem Manifest, das heute früh veröffentlicht wird, und dieses Manifest beruht unter anderem auf der Initiative von Étienne François, langjähriger Professor für Geschichte an der TU Berlin und als gebürtiger Franzose vor allem natürlich an den französisch-deutschen Themen interessiert. Guten Morgen, Herr François!

Étienne François: Guten Morgen!

"Mischung aus gutem Willen und schlechten Entscheidungen"

Welty: Womit wir es heute zu tun haben, das ist vor einhundert Jahren verbockt worden. Diesen Umstand umschreiben Sie sehr viel eleganter, als ich das gerade tue, aber im Ernst, wann, wo und von wem ist vor fast einhundert Jahren der entscheidende Fehler gemacht worden?

François: Die entscheidenden Fehler waren mehrere. Einer der Fehler war zum Beispiel die Tatsache, dass die USA, die sich sehr, sehr stark für eine neue Strukturierung der Völker, den sogenannten Völkerbund, eingesetzt haben, sich dann zurückgezogen haben aus den europäischen Affären.

Ein zweiter Fehler des Ersten Weltkriegs war, dass Frankreich zwar für eine allgemeine Friedensordnung war, aber vor allem dafür sich einsetzte, dass Deutschlands Kraft reduziert wird und dazu einen Revanchewillen bei Deutschland auslöste oder die Zerstörung des osmanischen Reiches und der K.u.k.-Monarchie und die Ersetzung durch einige Länder, die nicht stabil genug waren, um zu überleben. Das sind nur einige der Aspekte, die später kamen.

Das will nicht sagen, dass von Beginn an dieser Frieden zum Scheitern verurteilt waren, aber es gab eine sonderbare Mischung aus gutem Willen und schlechten Entscheidungen, die die Zukunft kompromittierte.

Die meisten haben Lehren aus der Vergangenheit gezogen

Welty: Welche Chance gibt es denn, diese Fehler wieder auszumerzen, oder hat sich da irgendwann auch ein historisches Zeitfenster endgültig geschlossen?

François: Die Chancen gibt es, insofern als die meisten Länder, vor allem die Gesellschaften in so gut wie allen europäischen Ländern Lehren aus dieser Vergangenheit gezogen haben: aus dem Scheitern des Friedens, wie man sich ihn wünschte nach 1918. Aus dem Frieden, wie er nach 1945 wiederhergestellt wurde. Auf der Basis von Menschenrechten, Völkerverständigung, Völkerrecht, richtige Demokratie. Das sind die Wünsche, worüber sich alle einig sind und mit denen man die Zukunft gestalten sollte.

Das Wichtige für uns war, daran zu erinnern, dass man sich nicht nur an die Vergangenheit erinnern sollte, sondern dass man auch den Blick auf die Zukunft wirft. Wir haben in unseren Händen die Gestaltung der Zukunft, nutzen wir die Chance aus.

Welty: Sie wollen ja die Idee eines universellen Völkerrechts mehr würdigen, auch die rechtsstaatliche Demokratie stärken, das sind die richtigen Forderungen des Manifestes – reicht es denn, dazu ein solches Manifest setzen zu wollen in Zeiten von Twitter und YouTube, ist das noch eine adäquate Form?

François: Es ist eine Form wie andere. Der beste Beweis dafür, dass diese Form noch nicht ganz überholt ist, ist einfach die Tatsache, dass Sie mit mir darüber sprechen…

Welty: Erwischt.

François: … und als Vertreter der Gruppe. Und der Erste übrigens, den ich nennen wollte, ist Markus Meckel, denn die Initiative kommt von ihm vor allem. Aber was ich ganz gut finde in dieser Initiative, ist, dass sie von vielen Menschen unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlicher Länder herkommt, die einen positiven und optimistischen Blick auf die Zukunft werfen wollen. Das ist das Entscheidende.

Positive Ansätze der Friedensordnung von 1918 nutzen

Welty: Warum haben Sie das Ende des Ersten Weltkriegs als Anker gewählt und nicht den Anfang?

François: Ja, weil im Grunde jeder weiß, dass der Beginn des Ersten Weltkriegs ein Fehler par excellence war. Jeder weiß auch, dass der Erste Weltkrieg die Urkatastrophe Europas und der Welt war zu Beginn des 20. Jahrhunderts und dass wir immer noch uns mit einigen Folgen davon auseinandersetzen. Und deswegen wollen wir zurück[schauen] auf 1918, ein Jahr vor dem Ende des Ersten Weltkriegs, jedenfalls in Westeuropa, damit eine Diskussion europaweit beginnt über die Art und Weise, wie man Lehren daraus ziehen kann und wie man aus den positiven Ansätzen der Friedensordnung von 1918 eine bessere Zukunft für Europa gestalten könnte.

Und es ist durchaus möglich – erlauben Sie, dass ich als Franzose einfach daran erinnere –, dass wir in Frankreich zurzeit einen Präsidenten haben, der zahlreiche kluge Vorschläge für eine Revitalisierung von Europa gemacht hat – ich hoffe, dass wir bald eine neue Mehrheit in Deutschland haben. Und wenn Deutschland und die anderen Länder einiger dieser Vorschläge diskutieren könnten, um ein neues Gesicht an Europa zu geben, dann wäre das sicher die richtige Form der Begehung des hundertjährigen Friedens 1918.

Welty: Étienne François gehört zu den Initiatoren des Manifests, das Historiker, Politiker, Publizisten und Künstler aus 17 Nationen jetzt gerade veröffentlicht haben. Ein Aufruf für Rechtsstaatlichkeit und Demokratie fast einhundert Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs. Herr François, haben Sie herzlichen Dank!

François: Vielen Dank Ihnen auch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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