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Thema / Archiv | Beitrag vom 10.12.2010

"Man spricht ja von der sexuellen Versklavung"

Leiterin der AG Trostfrauen im Koreaverband über Zwangsprostituierte im asiatisch-pazifischen Krieg

Lee Soo-San im Gespräch mit Ulrike Timm

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Hiroshima nach der Zerstörung durch die Atombombe, 6.8.1945 (AP Archiv)
Hiroshima nach der Zerstörung durch die Atombombe, 6.8.1945 (AP Archiv)

Erst Jahrzehnte nach dem asiatisch-pazifischen Krieg geben Zwangsprostituierte aus den japanischen Militärbordellen ihr Schweigen auf. "Sie haben sich schuldig gefühlt, sie haben sich dafür geschämt", sagt Nataly Jung-Hwa Han, Leiterin der AG Trostfrauen im Koreaverband.

Ulrike Timm: Die Koreanerin Lee Soo-San ist zurzeit in Deutschland, um über ihre Geschichte zu sprechen, eine Geschichte, die so schlimm ist, dass sie mehr als 50 Jahre lang darüber geschwiegen hat: Sie war Zwangsprostituierte für die Japaner im asiatisch-pazifischen Krieg 1937 bis 1945. Ein Dokumentarfilm erzählt von diesen Frauen, deren Schicksal man in Japan immer noch nicht sehen will. Rebecca Roth mit Einzelheiten.

Beitrag

Lee Soo-San, heute 82 Jahre alt, vor Jahrzehnten im Krieg Zwangsprostituierte, an Körper und Seele verbrannt, und jetzt fühlt sie sich noch einmal um ihre Würde gebracht durch die Hinhaltetaktik der japanischen Regierung. Im Studio ist jetzt Nataly Jung-Hwa Han, sie leitet die AG Trostfrauen im Koreaverband. Herzlich Willkommen, Frau Han!

Nataly Jung-Hwa Han: Ja, guten Tag!

Timm: Frau Han, rund 200.000 Zwangsprostituierte hat es in japanischen Militärbordellen gegeben, also ebenso viele Leidensgeschichten mehr oder weniger ähnlich der von Frau Lee Soo-San. Wie kommt es, dass erst seit Anfang der 1990er-Jahre diese Frauen zu sprechen begonnen haben, also lange nach dem Krieg, der 1945 zu Ende ging?

Han: Ja, erst mal war es ja junge Frauen, die aus den Kolonien, zunächst aus Korea und Taiwan, verschleppt wurden, und als es dann nicht genügend Frauen gab, hat das japanische Militär dann im ganz asien-pazifischen Raum, praktisch aus Indonesien, Philippinen und aus allen besetzten Gebieten dann auch vor Ort die Frauen rekrutiert, 200.000 schätzen wir, wir wissen nicht genau, wie viele es gab, das war ja alles inoffiziell.

Man spricht ja von der sexuellen Versklavung, Sklaverei, ... haben sich nicht getraut, die Frauen, darüber zu erzählen. Sie haben sich schuldig gefühlt, sie haben sich dafür geschämt. Und erst 1989, in den 80er-Jahren, hat eine koreanische Professorin namens (…), ... sie war damals auch selber, also sie ist heute auch 83 Jahre alt, hat sie sich damals gewundert, dass niemand darüber sprach.

Und so hat sie damals initiiert, dass es eben eine Hotline gegeben hat, und aber die Frauen sich nicht getraut haben nach wie vor, sich zu melden. Und sie haben dann die japanische Regierung 1991 dazu aufgefordert, der Wahrheit nachzugehen, und da hat die japanische Regierung gesagt, nein, sie hätten damit gar nichts zu tun. Und darauf begann sozusagen die sogenannte Trostfrauenbewegung.

Timm: Das ist ja häufig so, dass bei Vergewaltigung sich die Opfer schämen, dass die Opfer gemieden werden, womöglich sogar von ihren Familien verstoßen, nicht die Täter. Hat die asiatische Mentalität, die zurückhaltende Mentalität das lange Schweigen zusätzlich befördert?

Han: Ja, es ist ja eigentlich auch in Europa oder auch weltweit, glaube ich, ist es ein Phänomen, dass die Frauen sich nicht outen wollen, können. Ich denke, in der asiatischen Gesellschaft, wo eben die Reinheit und die Jungfräulichkeit der Frauen stark gefordert wurden auch zu dem Zeitpunkt, ist sicherlich ein Mitgrund gewesen, aber ich denke, das ist ein Problem, das es überall gibt.

Timm: Die Wut entzündet sich ja auch daran, dass die japanische Regierung mal ein Angebot gemacht hat einer Geldzahlung für diese Frauen, das war dann so eine Art verkappte Sozialhilfe - ihr bekommt Geld, weil ihr alt und arm seid, aber eben nicht im Kontext einer Vergewaltigung, einer Zwangsprostitution im Krieg. Hat die japanische Regierung bis heute dazu beigetragen, dass diese alten Frauen, in der Mehrheit alle über 80, jetzt so laut werden und auch ihr Anliegen politisch vertreten?

Han: Ja. Wie gesagt, dass das eben erst völlig abgestritten wurde und dann, ein Jahr später, haben sie sich mal entschuldigt, und dann später eben die sogenannten asiatischen Frauenfonds gegründet – aber das war keine offizielle, sozusagen von der Regierung aus eine offizielle Entschädigung. Und sogar gibt es eben sehr viele Stimmen in Japan, die Frauen hätten das freiwillig gemacht und hätten dafür auch Geld bekommen. Und all das natürlich schmerzt es den Frauen nachträglich, und deswegen kämpfen sie für ihre Rechte.

Timm: Jetzt ist diese Trostfrauenbewegung – schreckliches Wort –, die Bewegung ehemaliger Zwangsprostituierter inzwischen eine internationale, Sie arbeiten in Deutschland für den Koreaverband. Was genau möchten Sie denn jetzt noch konkret erreichen?

Han: Ja, diese Trostfrauenbewegung hat ja jetzt mittlerweile genau 20 Jahre Geschichte hinter sich, und im Jahre 2007 in den USA, im (…) eben eine Resolution verfasst wurde, und gegenüber der japanischen Regierung aufgefordert haben, sich aufrichtig zu entschuldigen und die Frauen zu entschädigen.

Timm: Die Aufforderung an die japanische Regierung ist da. Für wie groß halten Sie denn die Chance, dass ihr nachgegeben wird?

Han: Es sah eine Zeit lang ganz gut aus, weil in Japan eben ein Regierungswechsel stattgefunden hat, dass die liberale Partei oder Regierung nach 53 Jahren zurückgetreten ist. Und die jetzige Regierung, die sozialdemokratischen Parteien in einer Koalition, hatte, als sie in der Opposition war, sich eigentlich stark für die Frauen eingesetzt, für die betroffenen, und so hatten wir die Hoffnung gehabt, dass, wenn diese Partei in der Regierung ist, sich stark machen würde. Aber offenbar ist es nicht der Fall.

Timm: Meint Nataly Jung-Hwa Han in Deutschlandradio Kultur. Frau Han, diese Trostfrauen stammen aus 13 Ländern, sie sind heute mehrheitlich über 80, und Sie haben mit einigen auch regelmäßig Kontakt. Wie leben diese Frauen heute?

Han: Die Lebenssituationen sind sehr unterschiedlich, also ich kann im Moment von Südkorea sprechen. Anfang der 90er-Jahre also ging es den Frauen nicht sehr gut, weil vor allem die Frauen nicht heiraten konnten und keine Kinder bekommen konnten, und so waren sie auf sich alleine gestellt. Und mittlerweile erhalten sie von der südkoreanischen Regierung einen Teil ihres Lebensunterhalts und von der koreanischen Frauenorganisation, dass sie im Alter versorgt sind. Aber in Indonesien zum Beispiel sind noch ganz, ganz viele Frauen, wo die Regierung sich nicht drum kümmert, also die eigene Regierung, und ich glaube, dass es den Frauen nicht sehr gut geht.

Timm: Aber sie haben mehrheitlich eben nie wieder in ein normales, fröhliches Frauenleben zurückfinden können, keine Familie, keine Kinder kriegen können wegen zum Beispiel solcher Operationen, wie sie Frau Soo-San erlitten hat. Das bedeutet doch jahrzehntelange Einsamkeit in ihrem eigenen Land nach diesem Mord an dem eigenen Sein?

Han: Ja. Aber das Erstaunliche ist, dass gerade diese Frauen ... also von mehreren Fällen habe ich gehört, dass sie trotz ihrer Armut dann auch die armen Kinder adoptiert haben und ihre eigene Familie mit eben Waisenkindern gegründet haben. Das ist auch in Taiwan der Fall, in Korea, mir sind auch wirklich sehr viele Fälle davon bekannt. Das sind einfach starke Frauen, sie haben das wirklich ... Jetzt, wo sie auch darüber frei sprechen können, habe ich das Gefühl, dass es sie wirklich befreit, stark macht, und sie haben jetzt eingesehen, nicht, dass sie schuldig sind und dass sie sich nicht dafür schämen brauchen.

Timm: Nataly Jung-Hwa Han, sie leitet die AG Trostfrauen, das sind Zwangsprostituierte im asiatisch-pazifischen Krieg vor fast 70 Jahren, sie leitet die AG Trostfrauen im Koreaverband und setzt sich für die Rechte dieser Frauen ein. Vielen Dank für Ihren Besuch im Studio und alles Gute!

Han: Ja, danke für die Einladung!

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