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Filme der Woche / Archiv | Beitrag vom 07.07.2010

"Mahler auf der Couch"

Hannelore Heider über einen Film zwischen Pathos, Ironie und Kitsch

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Ein Ehe-, ein Eifersuchtsdrama im Wien der Jahrhundertwende. Vater und Sohn Adlon haben rechtzeitig zu Mahlers 150. Geburtstag einen Film vorgelegt, der sowohl korrekt recherchierte Biografie als auch Dramoulette im schönsten Wiener Schmäh ist.

Der Zeitraum ist auf den Sommer 1910 begrenzt, als Gustav Mahler, tief verstört von der Affäre seiner jungen Frau Alma mit dem ebenfalls jungen Architekten Walter Gropius, Rat sucht beim berühmten Psychoanalytiker Sigmund Freud. Denn die durch einen (absichtlich?) falsch adressierten Liebesbrief offenkundig gewordene Untreue hat den alternden Komponisten in eine tiefe Sinnkrise und kreative Blockade gestürzt. Freund will den ob dieser Untreue empörten Genius eigentlich nicht empfangen, am Ende landet er trotzdem auf der berühmten Couch in Freuds Urlaubsdomizil.

Was da zutage kommt, ist an Banalität eigentlich nicht zu übertreffen, aber immerhin sind in dieses Ehedrama lauter Berühmtheiten involviert, neben den schon genannten marschieren zum Beispiel auch Gustav Klimt oder Max Burghardt auf. So erfahren wir, wie die Beziehung zu der schönen und von vielen begehrten, jungen Frau zustande kam und wie die Knechtschaft der Ehe und die Tyrannei des berühmten Ehemannes die anfängliche Liebesbeziehung zuschanden ritt. Erst die Affäre mit dem sie wirklich glühend liebenden Gropius hat ihre Lebensgeister wieder geweckt.

Es ist eine Emanzipationsgeschichte und damit gewisser Maßen auch die Rehabilitierung der mit dem Image einer leichtfertigen Frau behafteten Alma Mahler, die von Barbara Romaner lebendig und sinnlich gespielt wird. Damit ist sie ein schöner Gegenpol zu den alten Zauseln Freund und Mahler, die in ihren sicher pointiert abgegebenen Dialogen leider nicht viel Interessantes zu bieten haben - wie überhaupt der Film zwar Esprit ausstrahlt, aber wenig in die Tiefe geht. Es ist ein schönes Zeitgemälde in expressiv intensiven Farben und Mahlers grandioser Musik, vornehmlich der 10. Sinfonie, das gut konsumierbar ist, aber wenig erhebend bleibt.

Gute Schauspielerleistungen nicht nur der Hauptdarsteller, sondern auch der als Zeitzeugen fungierenden Mutter Schindler (Eva Mattes) und Schwester Mahlers (Lena Stolze) kaschieren, dass der Film uns eigentlich mit Klischees abspeist und im Ton unentschieden zwischen Pathos, offensichtlicher Ironie und schlichtweg Kitsch pendelt.

Deutschland/Österreich 2010; Regie: Percy Adlon, Felix Adlon; Darsteller: Johannes Silberschneider, Karl Markovics, Barbara Romaner, Friedrich Mücke, Eva Mattes, Lena Stolze, Nina Berten, Michael Dangl; FSK: ab 12 - Länge: 101 Minuten

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