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Samstag, 16.12.2017

Zeitfragen | Beitrag vom 30.11.2017

Männliche WechseljahreVon Lustverlust und überschüssigem Bauchfett

Von Katja Bigalke

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Fragezeichen im Kopf eines Mannes. (imago)
Männer erleben die Andropause als Krise - und reden nicht gern darüber (imago)

Nachlassende Libido, Hitzewallungen und Stimmungsschwankungen – dies sind Symptome, die vielen bekannt sein dürften als Begleiterscheinungen der weiblichen Menopause. Dass aber auch viele Männer mit steigendem Alter unter diesen Beschwerden leiden, ist eher unbekannt.

"Das macht sich bemerkbar, indem man verwundert ist darüber, dass die Möglichkeiten Sex zu haben nachlassen, dass es nicht mehr jeden Tag stattfindet, sondern nur noch einmal die Woche. Mit einer solchen persönlichen Situation hat man mit 40 nicht gerechnet."

"Das merkt man, diesen Wendepunkt, wo Kräfte nachlassen wo die Haare ausfallen, man die Falten nicht mehr wegkriegt, auch mit der besten Crème nicht und man weiß: das war jetzt so der Höhepunkt."

"Der Motor springt nicht mehr so schnell an, es kocht auf kleinerer Flamme - was für blöde Bilder."

Bilder, die in jedem Fall, sehr anschaulich beschreiben, dass auch bei Männern ab Mitte 40 etwas nachlässt: Sei es Kraft, Energie, Lust oder Potenz. Sind die Symptome stark ausgeprägt, dann landen Männer mitunter bei Tobias Jäger, Facharzt für Urologie in die Urologischen Praxisklinik Essen. Und der macht zunächst eines: Er lässt anhand einer Blutabnahme, den Testosteronspiegel bestimmen. Denn der sinkt ab einem gewissen Alter: Mal schneller, mal weniger schnell. 

"Es ist eine ziemlich lineare Kurve, die ab dem 40., 45. Lebensjahr in die Knie geht, pro Jahr etwa 1 bis minus 2%. Dann kommt hinzu, dass im höheren Alter ein Eiweißmolekül gebildet wird, das Testosteron bindet und das Testosteron, das an das Eiweißmolekül fixiert ist, steht dem Körper für die eigentliche Funktion nicht mehr zur Verfügung."

Sinkender Testosteronspiegel

Und je tiefer und schneller der Testosteronspiegel sinkt, desto eher und näher kommt man dem Bereich, der medizinisch als Testosteron-Mangel definiert wird.

"Der normale Testosteronspiegel ist relativ breit gefasst: Wenn man das in der Einheit Nanogramm pro Deziliter betrachtet, dann ist der normale Spiegel zwischen 2,5 bis 8,3 Nanogramm pro Deziliter zu finden. Und das ist ja schon ein erheblicher Schwankungsbereich. Das bedeutet, dass ein junger Mann eher im oberen Normalbereich zu finden ist, und wenn er zwischen dann ab dem 40. bis 45. Lebensjahr diesen Testosteronverlust von 1-2 % erlebt, dann wird er auch mit 60 oder 70 Jahren noch nicht im zu niedrigem Bereich angelangt sein. Ein Testosteronspiegel von unter 2,5 Nanogramm pro Deziliter ist in dem Moment aber tatsächlich als eindeutig niedriger Wert definiert.  Wobei die Diagnose immer der symptomatische Testosteronmangel ist. Wir würden nicht dazu raten, einen Laborwert zu behandeln, sondern immer die Symptomatik in den Kontext stellen."

Allerdings sind die Symptome verhältnismäßig unspezifisch. Gustav Fröhlich zum Beispiel verlor irgendwann zwischen 40 und 50 die Fähigkeit durchzuschlafen:

"Ich habe Schlafstörungen richtig, das mit dem Durchschlafen ist nicht mehr so wie früher. Ich habe deshalb auch eine Verhaltenstherapie gemacht, die war erfolgreich, aber nur kurzfristig. Das ist ein Dauerthema bei mir."

Aber ist die Schlafstörung nun das Symptom eines zu stark sinkenden Hormonspiegels? Das muss überhaupt nicht sein. Kann aber.

"Gerade diese weichen Symptome, die halt etwas schwerer messbar und greifbar zu machen sind: Also psychische Symptome: Abgeschlagenheit, Müdigkeit, Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen, das sind Dinge, die ganz häufig als erste Symptome auftauchen, das sind Symptome, die schon bei Testosteronspiegel im Grenzbereich auftreten. Je tiefer der Spiegel wird, desto mehr geht es dann in den organischen Bereich."

Bei Männern verläuft der Prozess schleichend

Im Gegensatz zum plötzlichen Hormonabfall in den weiblichen Wechseljahren, denen bestimmte Nebenwirkungen einigermaßen eindeutig zugeschrieben werden können, verläuft der Testosteronschwund beim Mann allerdings oft so schleichend, dass die frühen Symptome gar nicht erst als möglicher Ausdruck eines sinkenden Hormonspiegels in Betracht gezogen werden. Deswegen findet es Jäger gut, dass der Begriff "Andropause" in letzter Zeit häufiger in den Medien auftaucht. Er will sensibilisieren für diese Phase, die - wenn Männer überhaupt schon mal von ihr gehört haben – für sie vor allem für eins steht:

"Die Fähigkeit Erektionen zu bekommen wird weniger, und kürzer ..."

"Das ist diese panische Angst vor dem Symptom, keinen Sex mehr haben zu wollen, ich würde das nicht so weit eingrenzen, keine Erektion mehr zu bekommen aber keinen Sex mehr zu wollen ..."

Ein Thema, über das niemand gerne redet.

"Unter Männern wird darüber gar nicht gesprochen, weil wenn ein Mann zugibt, dass er sexuelle Probleme hat, dann ist er schon mal ein Versager."

"Es gibt nur die Rede darüber - in schwulen Kreisen – keine Chance mehr zu haben bei den jungen Männern. Das ist wirklich 'ne Schallgrenze bei über 50 Jahren. Das ist die Symptomatik wie darüber gesprochen wird."

Dabei geht die Symptomatik der Andropause weit über die Sexualität hinaus:

"Das ist sehr vergleichbar mit den Wechseljahren bei der Frau. Auch das Testosteron spielt im männlichen Organismus an verschiedensten Stellen eine Rolle. In den meisten Fällen wird das Testosteron sowohl vom Arzt als auch vom Patienten mit der Muskulatur und der Sexualität in Verbindung gebracht, aber das ist nur ein sehr kleiner Ausschnitt aus der Funktion des Testosterons. Das Testosteron hat ganz wichtige Stoffwechselfunktionen. Beispielsweise hat es Einfluss auf den Zuckerhaushalt. Das Testosteron ist beim Mann in der Lage, den Zucker in die Muskulatur einzuschleusen und dann auch zu verbrauchen. So dass es eine klare Korrelation gibt zwischen niedrigem Testosteronspiegel und dem Diabetis Mellitus. Zum anderen gibt es bei der Cholesterinverstoffwechselung klare Zusammenhänge mit dem Testosteronspiegel und letztlich solche Dinge, die man auch von den Frauen mit dem Östrogenmangel kennt – auch der Knochenstabilität ist vom Testosteron abhängig. So dass wir bei einem Mangel auch bei Männern Osteoporose erleben - was sonst eher ungewöhnlich ist."

Die Lebensführung spielt eine große Rolle

Die Therapie sieht im Fall eines diagnostizierten Hormonmangels die regelmäßige Gabe von Testosteron in Form von Spritzen oder Gels vor. Allerdings habe der Testosteronmangel in den meisten Fällen auch viel mit der Lebensführung zu tun, meint Jäger. 

"Die häufigste Ursache ist Übergewicht. Wenn Männer durch Bewegungsmangel oder übermäßige Kalorienzufuhr an Bauchfett zunehmen, dann ist in dem Bauchfett eine Aromatase untergebracht, die sorgt dafür, dass Testosteron in Östrogen verwandelt wird. In dieser Zwickmühle, in der die Männer dann stecken, fällt es ganz schwer, das Bauchfett wieder loszuwerden, weil der Testosteronspiegel an der Stelle zu wenig ist. Und darum ist sportliche Aktivierung und auch sicher ein Blick auf die Ernährung erstmal die Basis einer solchen Therapie. Oftmals funktioniert das für die Männer aber deutlich leichter, wenn man zumindest in der Anfangsphase den Mangel behebt über eine medikamentöse Therapie. Wenn die Männer es dann aber geschafft haben, ihre Konstitution zu verbessern in sechs Monaten, dann ist es möglich die Testosteronzufuhr von außen wieder zu stoppen."

Bodybuilder spannt Rückenmuskulatur an (imago/Ikon Images)Wie sich Männer am liebsten sehen - aber aus einem Mann über 50 wird kein Schwarzenegger mehr (imago/Ikon Images)

Die männlichen Wechseljahre – es gibt sie, auch wenn sie etwas anders verlaufen als bei den meisten Frauen. Aber am Ende müssen wohl alle da durch. Mal mit mehr, mal mit weniger Nebenwirkungen. Alleine diese Erkenntnis könnte den Blick auf das Altern für beide Geschlechter durchaus ein wenig entspannen. Denn die Hormontherapie wird den Wunsch nach der Rückkehr der Jugend auch für den Mann nicht erfüllen:

"Das berücksichtigt man schon, dass man nicht den älteren Herrn so einstellt wie Arnold Schwarzenegger in den besten Jahren."

Und manchmal ist man vielleicht auch ganz froh, bestimmte Phasen so langsam hinter sich zu lassen.

"Ich bin in der Andropause seit Jahren und ich muss sagen, das ist ganz schön, weil ich nicht ständig Zeit an Sex denken muss."

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