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Samstag, 18.11.2017

Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 05.08.2016

LyriksommerDer Wettkampf kehrt auf die literarische Bühne zurück

Von Almut Schnerring und Sascha Verlan

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Der Poetry Slammer Moritz Kienemann mit ganzem Körpereinsatz auf einer Meisteschaft (dpa/picture alliance/David Ebener)
Der Poetry Slammer Moritz Kienemann mit ganzem Körpereinsatz auf einer Meisteschaft (dpa/picture alliance/David Ebener)

Konkurrenz belebe das Geschäft, heißt es, aber gilt diese Binsenweisheit auch für die Lyrik? Mit Poetry Slams und Rap-Battles ist auf jeden Fall die alte Idee des Wettbewerbs in die Lyrik zurückgekehrt.

Advanced Chemistry - Ich zerstöre meinen Feind:

"bum, bam, klatsch

ich hau dir auf die fratz mit den einzelnen worten oder mit 'nem ganzen satz

witsch, watsch, kladdaradatsch

meine reime sind ne überdimensionale fliegenklatsch

wumm -  meine gedanken schlagen ein, wie ein dumdum

geschoss in deinem kopf, du kommst nicht drumrum

welch szenarium, welch spektakulum

ich rühr in deinem kopf, wie in quark herum."

In der altgriechischen Mythologie ist der Wettstreit zwischen Apollon und Marsyas überliefert, ebenso ein fiktiver Agon zwischen Homer und Hesiod. Aus dem Mittelalter ist der Sängerkrieg auf der Wartburg bekannt, aber auch die dichterische Fehde zwischen Neidhardt und Walther von der Vogelweide, später folgten die Meistersinger, die ihre Dichtung im öffentlichen Wettstreit präsentierten, vergleichbar den mittelalterlichen Ritterturnieren.

Manchmal war es eine Jury, oft war es aber auch das Publikum, das durch seinen Applaus über Sieg und Niederlage entschied. Die europäische Literaturgeschichte jedenfalls ist voll von lyrischen Wettkämpfen, die offen auf der Bühne ausgetragen wurden, von Angesicht zu Angesicht:

"Der Ehrensitz ist mein, ich lass ihn nicht;

Nicht er, ich bin der Meister der Tragödie!"

Eng verknüpft mit diesem lyrischen Wettkampfprinzip ist ein erstaunliches Höher, Schneller und Weiter in der Dichtkunst, eine Rekordjagd, die vor allem im Formalen ausgetragen wird, da sich Inhalte nur schwer vergleichen und bewerten lassen.

Stabreim als magisches Stilmittel

Die Alliteration beispielsweise, der Stabreim ist eigentlich ein uraltes, magisches Stilmittel. Da sich sein Prinzip sofort erschließt, ist es im poetischen Wettstreit besonders beliebt:

blackalicious - Alphabet Aerobics:

"i be the big, bad body rockin bombay to boulevard bully back

better bring a bomb to the battlefield

bloody black beats bringing bottoms that boom

basically build barriers bewilder buffoons

listen now to words that begin with letter 'c'"

Jeder Regelverstoß ist sofort erkennbar, und auch die besondere Kunstfertigkeit wird schnell klar: Alliterationen mit X und Y spielen natürlich in einer ganz anderen Liga als Stabreime auf E und F.

1. Disziplin im lyrischen Mehrkampf: Der Stabreim!

blackalicious - Alphabet Aerobics:

"next we'll hear words that start with letter "d"

done did that done did this diddle don

domination don't dignify diction

doin' it deep down dialect daring

doomsday dut devastate during the duration."

1999 veröffentlichte die US-amerikanische Rap-Band Blackalicious einen Song, in dem sie sich von A bis Z einmal durchs Alphabet rappt, teilweise gereimt und im Sprechtempo rasant zunehmend, "Alphabet Aerobics" eben:

blackalicious - Alphabet Aerobics:

"universal, unique untouched

unadulterated, the raw uncut

verb vice lord victorious valid

violate vibes that are vain make em vanished

well would a wise wordsmith just

weaving up words weeded up, i'm a workshift

xerox, my x-ray-diation holes extra large

x-height letters, and xylophone tones

weiter unter den folgenden Passagen

Einspieler (Jens Sparschuh - Waldwärts):

damals, dieser dienstag

düstres, dumpfes dämmern

dreier dicker damen, die

dösend durch die daunen des devoten divans driften

dasein, delphisch."

Von A bis Z erlogen

Jens Sparschuh, Schriftsteller aus Berlin, hat einen ganzen Roman in Alliterationen geschrieben: "Waldwärts - Ein Reiseroman, von A-Z erlogen". Jedes der 26 Kapitel ist einem Buchstaben des Alphabets gewidmet.

Jens Sparschuh: "Man kann sich hundert Sachen ausdenken, bei den Franzosen, wo man 'n Buch schreibt, wo kein 'e' drin vorkommt, weiß gar nicht, wie der Bursche heißt, aber gibt 's ja richtige Zirkel, die so was machen."

Immer kann man denken, okay, das sind irgendwelche Spinner, man kann doch ganz normal sprechen wie du und ich, kann man sagen, aber es ist so 'ne Art Grundlagenforschung, wie in der Physik es 'ne  Grundlagenforschung gibt, was passiert, wenn man den Stoff durch 'nen anderen ersetzt oder sowas, genauso kann man in der Sprache doch Experimente machen und schauen, was passiert, wenn wir das jetzt so machen.

Jens Sparschuh - Waldwärts:

"dann drollig durch die daunen divern

du, du, dicker, du, du, dolly

dabei dreizehn dolle dinger drehn

dalli dolly, dalli, dapn du da deka

durch damast diverser dünner decken

dieses dunkle derby."

Einen Rap in Stabreimen? Einen Roman in Alliterationen? Alex Dreppec, Erfinder des Science Slam, Dichter und Spoken Word-Poet aus Darmstadt war das zu einfach.

Alex Dreppec:  "Ich hab in Stabreimen ge-SMS-t, weil ich auch entsprechende SMS-e bekam."

Er packte noch ein paar Schwierigkeitsgrade drauf und verfasste Alliterationsgedichte  nach Goethe'schem Vorbild in neuhochdeutschen Knittelversen, paargereimt und mit vier Betonungen pro Verszeile, dazwischen eine wechselnde Anzahl unbetonter Silben. Und wenn es sich gerade anbietet, baut Alex Dreppec gerne noch den einen oder anderen Binnenreim mit ein.

Alex Dreppec - Die Doppelmoral des devoten Despoten:

"diesen demokratisch delegierten despoten,

diesen dienstags dominanten, donnerstags devoten,

drückte damals derartig der drang der drüsen,

dass das delikate dekolleté, die drallen düsen

der durchtriebenen domina diesen drangsalierte,

dessen denken durchgängig determinierte."

"Die Doppelmoral des devoten Despoten. Stabreimgedichte von A-Z" heißt der Lyrikband, mit dem er auf den Poetry Slam-Bühnen in Deutschland große Erfolge feierte.

Alex Dreppec - Die Doppelmoral des devoten Despoten:

"der demagoge, der den datenschutz diffamierte,

dessen decknamen die diva dann demaskierte,

dementierte die details durchaus defensiv.

doch dann denunzierte den dieser detektiv,

damit draufging durch dessen direkten draht

des devoten despoten direktmandat."

Alex Dreppec: "Manche sagen ja Akrobatik, das lehn ich auch nicht ab, aber bei der Akrobatik ist das ja genau dasselbe, die Akrobatik muss ja auch noch ansprechend sein, also sie muss ja schön anzusehen sein und muss einem sonst noch irgendwas geben, allein weil ein Kunststück besonders schwierig ist, durchzuführen, würde sich das kein Mensch anschauen, sondern vielleicht im Gegensatz sagen, wieso nimmt er jetzt die Hälfte seines Fußes in den Mund oder sowas."

Mit dem Poetry Slam ist der Wettstreit zurück

Mit dem Poetry Slam und den oft improvisierten Rap-Battles im HipHop ist der Wettstreit auf die literarische Bühne zurückgekehrt. Und es ist gerade dieser sprachspielerische, auf mündlichen Vortrag und direkte Verständlichkeit abgestimmte Schreibansatz, der für Vorbehalte sorgte, nicht nur in der etablierten Literaturszene.

Nora Gomringer: "Die E-Literatur hat da so 'n bisschen eine blind site, die muss da 'n bisschen aufpassen auf sich, weil sie darf nicht diesen Anschluss verpassen. Und dieses ständige Belächeln der andern, die da eben wirtschaftlich sehr produktiv sind, da kann man drüber lächeln, wie man will, aber die Slammer sind Player in dem ganzen Gefüge."

Nora Gomringer ist Lyrikerin und lebt in Bamberg. Ihre ersten und entscheidenden Erfahrungen auf der literarischen Bühne allerdings hat Nora Gomringer in der Poetry Slam-Szene gemacht.

Nora Gomringer - Ursprungsalphabet: 

"Ursprungsalphabet
Ich bin Ariadne, die dem Faden, dem roten, dem wollenen folgt

Ich bin Briseis, die Achilles diente

bin Calypso und singe für Odysseus und hoffe, dass er mich nicht verlässt

Ich bin Diana mit dem Silberbogen, Silberpfeil, die Mondzicke

Ich bin ein guter Maler und heiße Hitler

I am Ferlinghetti crying over Allen, crying over Allen hoooowling over Allen."

Bas Böttcher: "Früher in der Schule hab ich mich in den Aufzug mit meinem besten Kumpel eingeschlossen, einer hat gegen die Wand geboxt, das war der Rhythmus. Und dazu haben wir eigentlich um die Wette gedichtet, aber es war immer so 'n spielerischer Wettstreit."

Der Poetry-Slammer Bas Böttcher. (imago / gezett)Der Poetry-Slammer Bas Böttcher. (imago / gezett)

Bas Böttcher hat die Poetry Slam-Szene in Deutschland mit aufgebaut und gehört bis heute zu ihren prägenden Stimmen. Für das Goethe-Institut ist er als Literaturbotschafter unterwegs und begeistert in seinen Workshops Jugendliche auf der ganzen Welt für Spoken Word und den Auftritt auf der literarischen Bühne.

Angefangen hat er in den frühen 1990er-Jahren als Rapper der Bremer HipHop-Gruppe Zentrifugal:

"ich spiel mit dem Satz und sieg!"

Bas Böttcher: "Erst später hab ich gesehen, dass es da auch eine kulturhistorische Grundlage dafür gibt und auch kulturhistorische Parallelen. Aber ich glaube, so dieser Wettstreit ist eigentlich 'ne urmenschliche Angelegenheit. Und im besten Falle dient das halt auch als Motor des Fortschritts, dass man eben an seinen Fähigkeiten arbeitet."

Bas Böttcher - Die Macht der Sprache:

"Und lerne ich eine Sprache neu kennen,

dann lehrt mich die Sprache, mich neu zu kennen.

Das macht die Sprache - die Macht der Sprache.

Und denke ich, ich beherrsche meine Sprache,

beherrscht womöglich meine Sprache mich.

Das macht die Sprache - die Macht der Sprache.

Und denke ich, ich spiele mit meiner Sprache,

dann spielt noch viel mehr meine Sprache mit mir.

Das macht die Sprache - die Macht der Sprache.

Und erweitert der Mensch seine sprachlichen Möglichkeiten,

dann erweitert die Sprache die menschlichen Möglichkeiten."

Bas Böttcher: "Im lyrischen Wettstreit kann man vor allen Dingen für sich selber gewinnen, ja, die Motivation, die Motivation für die eigene Arbeit. Und auch wenn viele Akteure das vielleicht nicht zugeben würden, profitieren sie natürlich auch von den Tricks des Gegners, indem sie halt merken, okay, das könnt ich übernehmen, oder hier gibt es Techniken, die hat er mir voraus, da muss ich jetzt vielleicht noch 'n bisschen nacharbeiten."

In den frühen 1990er-Jahren gab es abgesehen von den Europa-Tourneen der großen amerikanischen Acts und wenigen deutschen Bands keine Rap-Konzerte oder gar  -Festivals in Deutschland. Stattdessen veranstaltete die HipHop-Szene ihre sogenannten Jams, selbst organisierte Partys in Jugendhäusern oder Kulturzentren. Und da konnten alle auf die Bühne, die sich trauten, und ihre Skills, ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen. Da ging es darum, die Aufmerksamkeit des Publikums zu gewinnen und die anderen auf der Bühne zu beeindrucken … sonst war man nämlich das Mikrophon ganz schnell wieder los.

Der ganz besondere Flow des Raps

Dieser Streit um das Mikrophon auf der Bühne zeigt sich bis heute in der Hand- und Armhaltung vieler Rapper und Rapperinnen: das Mikrophon ganz nah am Mund und den Ellbogen spitz ausgestellt um zu vermeiden, dass sich jemand schnell Mikrophon und Aufmerksamkeit schnappt.

Die Fantastischen Vier - Hausmeister Thomas D:

"Wir sind die Fantastischen Vier

Und sind hier, mit jeder Menge Bier

Und viel Fraun, die sind nicht abgehaun

Die sind hier, um unsere Show anzuschaun

Ich könnt euch viel erzählen über Typen, die da denken

Sie wärn die allergrößten, doch ich glaub, ich kann 's mir schenken

Die fühlen sich so cool, dabei bin ich viel dreister

Ich bin Thomas D, und ich bin euer Hausmeister."

Thomas D. (v. l.), Smudo und Michael Beck (alias DJ Hausmarke) von der Stuttgarter Hip-Hop-Band "Die Fantastischen Vier", aufgenommen 2003 im Kölner Tanzbrunnen (picture alliance / dpa / Jörg Carstensen)Thomas D. (v. l.), Smudo und Michael Beck (alias DJ Hausmarke) von der Stuttgarter Hip-Hop-Band "Die Fantastischen Vier", aufgenommen 2003 (picture alliance / dpa / Jörg Carstensen)

Klangen die ersten Plattenveröffentlichungen von 1990 noch holprig nach dem Motto: "Reim dich oder ich fress dich", entwickelte sich innerhalb weniger Jahre dieser ganz besondere Flow im Rap und eine Reimkunst, die es in der deutschsprachigen Lyrik lange nicht mehr gegeben hatte:

2. Disziplin im lyrischen Mehrkampf: Der Reim!

RAG - Kreuzwortfeuer:

"ich geb dem lexikon das wissen, nehm dem nichts das sein.

red der stimme ins gewissen, geb dem ja das nein

beschütz die security, bring panik in die hysterie

und entzieh deinem album seine poesie.

durchschaue deine scheiben, geb der schönheit ihren reiz.

das vorbild für idole legt die arktis aufs eis.

führ die sonne hinters licht, überschatte die nacht,

geben dem sein das ich, haben die phantasie erdacht

beraub die blindheit des augenlichts, bewunder taten des taugenichts

sag den atheisten "ich glaub euch nichts!"

lehr der angst das fürchten, der wüste das dürsten

erteilen selbsternannten fürsten lizenzen zum dürfen

bis die einheit entzweit, mehr geleit als die einsamkeit

unfair zur gemeinheit ohne trittfeste beinarbeit.

feindbilder vereint, freiheit von ganz allein befreit,

ohne uniformen und normen, trotzdem eingereiht."

Die ersten Rap-Versuche in Deutschland hatten noch sehr auf den Endreim auf dem vierten Schlag des musikalischen Taktes gezielt. Von diesem starren Schema hatte sich die Gruppe RAG, die Ruhrpott AG Mitte der 1990er Jahre längst gelöst. In ihrem Song "Kreuzwortfeuer" finden sich Reime in wechselnder Frequenz und zu allen Taktzeiten, betont und unbetont.

Bas Böttcher - Liebeserklärung an eine Chinesin:

"Ich wank an deiner Bungalowwand lang und sing 'ne Sting-Song

Klingel ding-dong an deinem Eingang

Wag ein Alleingang und senke die Klinke

Es ist zu - zu dumm! Ich denke: Bingo!

Denn krumme Langfingerdinger drehn, war eh noch nie mein Ding."

Bas Böttcher hat in seiner "Liebeserklärung an eine Chinesin" die Frequenz und Komplexität der Reime noch einmal deutlich erhöht.

Bas Böttcher - Liebeserklärung an eine Chinesin:

"Ich schwing wie King Kong ausm Bungalowwindfang

Gefang von deim Lokk guck ich untern Vorhang

Ich schau voll verlang dein Teint und Tanga an

Ich belager dein Terrain mit 'nem Manga inner Hand und

Bring ausm Lamäng 'n paar Poeme."

Bislang unerreicht ist auf diesem Gebiet allerdings ein unbekannter Dichter aus dem Mittelalter, die Mediävistik nennt ihn Dürinc. Er hat ein Gedicht geschrieben, in dem sich jedes Wort auf ein anderes Wort im Text reimt, einen sogenannten Allreim. Und weil ihm das noch nicht schwierig genug erschien, hat sich Dürinc noch ein kompliziertes Reimschema überlegt: das erste Wort der ersten Strophe reimt sich auf das letzte Wort der zweiten Strophe, das zweite Wort der ersten Strophe reimt sich auf das vorletzte Wort der zweiten Strophe und immer so weiter, bis mit dem letzten Wort der ersten Strophe und dem ersten Wort der zweiten Strophe an der Strophengrenze zwei Reimwörter direkt aufeinander stoßen:

Sprecher:

"Spil      minnin wundir volbrinin man gît

î wîvin, der drûwin deil prîsin ir êre

schône: ich spê dâ hô sterke,

dî mich hân virladin.

Schadin          irgân ich hî merke.

sô lâ mê dich krône, hêre,

dir, wîsin, heil nûwin. wer lîvin î rît

an ringin wol sundir sinnin vil?"

Nora Gomringer hat 2015 den Ingeborg Bachmann-Preis bekommen

Die Reimstruktur dieses Gedichtes ist so komplex, dass sie nur schriftlich auf Papier nachvollziehbar ist. Und die Forschung ist sich hier nicht ganz einig, aber es ist wohl davon auszugehen, dass auch die Menschen im Mittelalter diesen Text nicht wirklich verstanden haben. Das ist der Preis: Je komplizierter und kunstvoller die Form, desto größer sind die Einschnitte in der inhaltlichen Aussagekraft eines Textes, weil die Regeln zu viele Wörter ausschließen, die nun nicht mehr in die sprachliche Form passen.

Bas Böttcher: "Auch wenn man sich das vielleicht gar nicht so gerne eingesteht, steht jeder Künstler auch immer in Konkurrenz zu anderen Künstlern. Und gerade in diesem Wettbewerb, glaub ich, fiebert das Publikum dann auch mit und hält dann zu der einen oder anderen Seite und möchte eben auch wissen, wie das ausgeht. Und ich glaube, das ist eben dieses ureigene Prinzip von Wettbewerb, dass das Publikum mitfiebert und dass es eben dadurch auch diese anziehende Wirkung hat."

Nora Gomringer: "Also wenn man dann irgendwann denkt, man möchte gern auch mit dem, was man tut, Geld verdienen, ist man natürlich sofort in 'ner Wettbewerbssituation. Und von daher ist das ein Wunsch von mir, nicht immer mich quasi face to face mit Kolleginnen und Kollegen messen zu müssen, aber hinter den Kulissen wird man ganz klar abgewogen und abge … lacht … ja, wird genau bemessen, welchen Wert man hat für diese Sache und für die Popularität der Sache."

Nora Gomringer, Hörspiel "Lockbuch" (Cordula Kropke )Nora Gomringer, Hörspiel "Lockbuch" (Cordula Kropke )

Nora Gomringer hat 2015 den Ingeborg Bachmann-Preis gewonnen und wurde auch davor schon vielfach mit Preisen ausgezeichnet, dem Joachim Ringelnatz-Preis oder dem Jakob Grimm-Preis für Deutsche Sprache.

Nora Gomringer: "Ein Poetry Slam an einem Abend durchgeführt, ist 'ne sehr ehrliche Sache, absolut."

Auch wenn die etablierte Literaturszene mit ihren Instituten, Verlagen und Zeitschriften, auch wenn die Literaturkritik den Werken der Spoken Word-Poetry und dem offen ausgetragenen Wettkampfprinzip eher ablehnend gegenübersteht, zelebriert sie dennoch ihre eigenen Preisvergaben und Wettbewerbe, etwa den Klagenfurter Bachmann-Preis.

Nora Gomringer: "Die Ähnlichkeit zwischen dem Wettbewerb in Klagenfurt und so einem gängigen Slam ist ja, dass man weiß, wie lang man da hat für den Auftritt. Ich wusste genau, ein Text von 25 Minuten, das ist wichtig. Der Text durfte vorher noch nirgendwo erschienen sein, also musste alles ganz originär und originell und ganz neu und sparkling sein also. Alles andere fühlte sich sehr anders an, war auch von der Anlage des Wettbewerbs, an einem Tag lesen ja nur vier Leute nacheinander, und nach jeder Lesung gibt 's eine sehr ausführliche Jury-Besprechung, also ich fühlte mich da nicht wie in einem Slam, wo ja wirklich die Stimmung und auch die Kritik quasi durch geistige Sofortübertragung und durch Stimmung, ja, Publikumsapplaus erfolgt. Und so war das ein ganz anderes Gefühl und ja, ich glaube aber, dass ich das gut geschafft hab auch dadurch, dass mich der Slam fit gemacht hat."

Der offen ausgetragene Wettkampf auf der literarischen Bühne, die Erfolge der Slam Poetinnen und Spoken Word-Artisten mag von der zeitgenössischen Literaturszene argwöhnisch betrachtet werden, für Bertolt Brecht war dagegen ganz klar:

"Ein Gedicht ist der Feind des anderen."

Und Theodor W. Adorno hat den Wettkampf gar zum konstituierenden Merkmal der Literatur erklärt, die Voraussetzung überhaupt für wahrhaftige Kunst:

"In dem Moment, da Kunst noch mit Bezug auf Wahrheit gedacht wird, können nicht zwei Kunstwerke friedlich nebeneinander existieren, die jeweils anders zu ihrer Epoche stehen, einen ganz anderen Begriff von ihr enthalten beziehungsweise behaupten. […] Wenn literarische Stile, Intentionen, Werke noch ernsthaft etwas wollen, muss Krieg zwischen ihnen herrschen. […] "

Nora Gomringer: "Die inhaltlichen Kriege führen die, die im wirtschaftlichen Spiel des ganzen Literaturwesens nicht so viel zu sagen haben, das macht sie zu sehr ehrlichen Kämpfern und sehr bemühten Leuten, aber sie sind denen, die mitspielen, die beim großen Spiel mittun, nahezu lästig. Und das kriegt man so 'n bisschen mit, diese Art der Stimmungsverschiebungen, sehr bedauerlich, aber ich glaube, das ist, solange der Kapitalismus herrscht, eine natürliche Beobachtung, so isses."

Eine lyrische Improvisation auf der Bühne ist dann besonders eindrucksvoll, wenn sie die Geschehnisse im Raum aufgreift und das Publikum mit einbezieht, wie es die Rapperin Fiva MC aus München in ihren Freestyle-Raps zelebriert:

Wirkliches Streitgespräch statt vorgefertigte Texte

Und auch ein lyrischer Wettstreit auf der Bühne wirkt dann am besten, wenn die Kontrahenten und Gegnerinnen aufeinander eingehen wie in einer Diskussion, wenn sich ein wirkliches Streit-Gespräch entwickelt und nicht vorgefertigte Texte reproduziert werden.

Diese Battle zwischen den beiden Rappern Aphroe und Radio P fand Ende der 1990er Jahre in Köln statt. Im Zuge der inhaltlichen und sprachlichen Verhärtung der Rap-Szene in Deutschland seit Beginn der 2000er Jahre, hat sich auch das Klima der lyrischen Wettkämpfe im HipHop verschärft.

Rainer Buland: "Das Thema Wettstreit wird in unserer Gesellschaft sehr einseitig verstanden als Konkurrenz. Wettstreit im Spiel ist ja aufgebaut darauf, dass wir einen Spielpartner haben, also nicht auf Vernichtung des Partners, nicht auf völliges Zunichtemachen des Partners, sondern als Spielpartner, mit dem ich gemeinsam ein interessantes Spiel entwickle. Und das wird in unserer Gesellschaft völlig falsch verstanden."

Rainer Buland leitet das Institut für Spielforschung in Salzburg, das einzige Forschungsinstitut seiner Art. Außerdem ist er Mitglied von "Spielquadrat", einer Gruppe, die sich interdisziplinär mit dem Spielgedanken beschäftigt.

Rainer Buland: "Was wir derzeit in dem großen Spiel der Finanzmärkte haben, im große Spiel der globalen Wirtschaft, das ist ein Wettstreit, der darauf beruht, dass man die Konkurrenz zunichte macht. Vernichtet. Im Spiel ist ein Wettstreit aufgebaut auf Fairness, auf Beachtung des Partners, dass man ihn auch künftig als Mitspieler hat, ja, wenn ich meinen Schachspieler-Partner dermaßen vernichten würde, wie die Global Players ihre Konkurrenz auf den Weltmärkten, die dann nicht mehr existiert, dann könnt ich mit dem nicht mehr Schach spielen. Also Wettstreit und Wettstreit ist etwas sehr verschiedenes."

Ging es in den Battles der 1990er Jahre noch darum, durch Wortwitz, ausgefallene Reime und verzwickte Metaphern das Publikum, die Gegner und Kontrahentinnen zu beeindrucken, geht es heute oft nur noch um die inhaltlich krasseste Beleidigung und persönliche Herabwürdigung der anderen.

Verbaler Streit statt tätliche Gewalt

War die Battle in den Anfangsjahren von HipHop noch eine wirkungsvolle Möglichkeit, Streitigkeiten verbal und nicht mit Faust und Waffe auszutragen, also letztlich friedenstiftend, reiht sich die Rap-Battle heute nahtlos ein in ein gesellschaftliches Klima von Internet-Mobbing und Hate Speech.

Rainer Buland: "Im 20. Jahrhundert in unserer westlichen Gesellschaft denken wir immer, wenn wir an Wettkampf denken und so weiter, dass ein guter, exzellenter Spieler der wäre, der am schnellsten gewinnt. Da sind wir völlig einseitig in unserer Gesellschaft verblendet. Ein guter, exzellenter Spieler ist der, der gemeinsam mit jemandem anderen eine gute Unterhaltung machen kann. Das war im 18. Jahrhundert sehr, sehr ausgeprägt, also ein Kavalier in einer Compagnie, wie es damals hieß, in einer Spielgesellschaft, wenn der immer effektiv alles gewinnt, dann würde man von dem nie sagen, dass er ein Kavalier ist, hätte ihn sowieso von der Gesellschaft aufgeschlossen. Viel mehr war wichtig, dass man Konversation betreibt, dass man gemeinsam ein Spiel macht, an dem man sich unterhalten kann, dass man gut verlieren kann, dass man gut gewinnen kann. Dass man interessante Strategien verfolgen kann, dass man kreativ ist in Neuerungen in diesem Spiel. Und das ist viel, viel interessanter als die einseitige Ausrichtung auf Gewinn, wo wir ja gar nix gewinnen können."

Ein funktionierender, ein wirklicher lyrischer Wettstreit ist mehr ein Gesellschaftsspiel als offen ausgelebte Konkurrenz mit dem unbedingten Ziel zu gewinnen. Nicht Ausgrenzung ist das Ziel, es geht um die Gemeinsamkeit, um die Veranstaltung, den Abend, den man zusammen gestaltet.

Nora Gomringer: "Mir geht 's ehrlich gesagt beim Slam, wenn ich da noch auftrete, oft darum, dass ich mich bemühe, das Gefühl für die Situation zu bekommen, was war vor mir, wer kommt eventuell noch nach mit, kenn ich die, was bringen die, und dann sehr authentisch zu sagen, ne, ich entscheide mich jetzt dezidiert dafür, einen bestimmten Text zu bringen, um die Richtung vielleicht heute Abend noch mal anders zu beeinflussen. Irgendwie geht man da so wie mit so 'ner Pipette, mit 'ner medizinischen Lösung in der Pipette ans Gesamtwasserglas und gibt sein eigenes Tröpfchen da mit rein, um das Atmosphärische zu verändern."

4. Disziplin im lyrischen Mehrkampf: Das Palindrom

"Das PALINDROM sprach ganz verzagt:

Ich bin nicht, was mein Name sagt

Solange mich nicht jedermann

Problemlos rückwärts lesen kann

Doch da geschah ein MORD am NIL

Ein lang gehegtes APO-Ziel

Durch ein Stilett aus blankem Chrom

Das MORD-NIL-APO-PALINDROM

Da kam das Palindrom in Form

Sein Selbstbewusstsein stieg enorm"

Von Günter Nehm

Geschichte der Gewinner und wenigen Siegerinnen

Bei der Rekordjagd der Palindromdichter geht es schlicht um die Anzahl der Buchstaben und Wörter. Lange Zeit galt der französische Schriftsteller und experimentelle Autor Georges Perec als der Meister des Palindroms. Über 1.000 Wörter umfasst sein Text, der von vorne wie von hinten gelesen werden kann. Diesen und spätere Palindrom-Rekorde hat Titus Meyer 2013 mit seinem Palindrom-Roman 'Andere DNA' pulverisiert, ein Text aus über 15.000 Wörtern, 68.000 Buchstaben. Wie beim Allreim von Dürinc gilt auch hier: die formale Regel ist so streng, dass die inhaltliche Aussagekraft leiden muss:

"DNA-Beginn: ist Saft Sermon? Ego-Siesta? Och, er dressiert im Reden dies seidne, gesetzte Lettern-Unheil. DNA hege, Redner. Ei, Ton sagt's; er sei leider Aa hier. Der Plot stolpre. Denn er brütet. Lau zeidelt Türen er. O Kreuz-Rede der Eso-Lego-Lettern! Nistet 's nun? O treuen Niemand erdnahe Gier belege. Reist aasend Roman, narre sein Ton. Red nie nie mies & erhaben, Geselle, von diesem!"

Der lyrische Wettstreit bringt offen auf die Bühne, was ohnehin vorherrscht im literarischen Betrieb, eine bedingungslose Konkurrenz. Er motiviert und bindet das Publikum mit ein ins literarische Geschehen, sehr viel stärker als das im üblichen Betrieb aus Verlagen und Literaturkritik der Fall ist. Im Idealfall stärkt der Wettstreit die Gemeinschaft … oder schwächt sie, dann nämlich, wenn nämlich der Siegeswille absolut wird und die Beiträge aller anderen für wertlos erachtet werden, so wie die vielen Texte der Antike, die im Agon nicht gewonnen haben und deshalb nur selten überliefert wurden. Auch die Literaturgeschichte insgesamt ist eine Geschichte der Gewinner und wenigen Siegerinnen.

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