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Lesart / Archiv | Beitrag vom 12.09.2014

LyrikVergänglichkeit in schön

Jean-Louis Aubert vertont die Gedichte "Les parages du vide" von Michel Houellebecq

Von Florian Werner

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Ein Mann sitzt am 04.08.2013 auf einem Steg am Selenter See (Schleswig-Holstein). (picture alliance / dpa / Julian Stratenschulte)
Houellebecqs Gedichte aus dem Band "Gestalt des letzten Ufers" kreisen um innere Leere, Einsamkeit und Depression. (picture alliance / dpa / Julian Stratenschulte)

Es gibt keine Liebe, keine Rettung, wir sterben allein - so die Botschaft eines Gedichtbands des berühmten französischen Schriftstellers Michel Houellebecq. Der Sänger und Musiker Jean-Louis Aubert hat für die Texte treffende Klänge gefunden.

"Tres Calle de Sant’Engracia,
Retour dans les parages du vide
Je donnerai mon corps avide
À celle que l’amour gracia."

Es beginnt sachte, akustisch, mit einer Rückkehr in die "Gefilde der Leere": "Les Parages du Vide" heißt das neue Album des französischen Musikers und Sängers Jean-Louis Aubert. Der Titel stammt aus dem Gedichtband Gestalt des letzten Ufers von Michel Houellebecq, und er ist durchaus programmatisch zu verstehen: Es geht um innere Leere, Einsamkeit, Depressionen, Desorientierung: Wo bin ich? Wer ist der Mensch, der mir da gegenüber sitzt? Was mache ich hier überhaupt, und wie komme ich schnellstmöglich wieder weg?

"Où est-ce que je suis?
Qui êtes-vous?
Qu’est-ce que je fais ici?
Emmenez-moi partout …"

 Insgesamt 16 Gedichte von Houellebecq hat Jean-Louis Aubert sich zur Vertonung vorgenommen: In einer E-Mail an den Autor, die im Beiheft zu der Platte abgedruckt ist, beschreibt er, wie er Zigaretten kaufen geht, bei dieser Gelegenheit den fraglichen Gedichtband erwirbt, zu lesen beginnt und sofort von kreativem Furor ergriffen wird: Innerhalb von nur zwei Tagen entsteht die Hälfte der Songs.

"Il n’y a pas d’amour
(Pas vraiment, pas assez)
Nous vivons sans secours
Nous mourons délaissés"

Als wären Houellebecqs Texte für die Vertonung geschrieben

Es gibt keine Liebe – zumindest keine wahre Liebe, und niemals genug − wir leben ohne Rettung – und wir sterben allein: Was in der rein inhaltlichen, interlinearen Wiedergabe plump-pubertär daherkommt, entwickelt im Original dank der formalen Strenge eine zwingende Überzeugungskraft. Houellebecqs Texte sind fast durchweg gereimt und rhythmisiert, als wären sie für die Vertonung geschrieben – kein Wunder, dass Aubert, wie er schreibt, sofort eine "unaussprechliche Nähe" zu ihnen empfand. Selbst das in der Popmusik sonst eher selten anzutreffende Versmaß des Alexandriners bringt er souverän zum Klingen:

"Ressens dans tes organes la vie de la lumière !
Respire avec prudence, avec délectation
La voie médiane est là, complément de l’action,
C’est le fantôme inscrit au cœur de la matière."


Im deutschsprachigen Raum war der Alexandriner vor allem im Barockzeitalter populär – man denke an Andreas Gryphius: "Du siehst, wohin du siehst, nur Eitelkeit auf Erden / Was dieser heute baut, reißt jener morgen ein." Dieser Vanitas-Geist weht auch durch Houellebecqs Gedichte – etwa das melancholisch-beschwingte "Josephine", in dem der Dichter sich ausmalt, wie Schmeißfliegen der Gattung Calliphora sich dereinst an seinen Knochen sowie denen seiner verflossenen Geliebten gütlich tun werden:

"Je le dis, et je n’y crois pas
Car je connais les asticots
Et les vers blancs, Calliphora,
Ils ne nous laisseront que les os."

Zunehmende Entzauberung des Daseins

Eine solch leichtfüßige Behandlung des Themas Sterblichkeit bildet allerdings eher die Ausnahme: Typischer ist das Gedicht "Face B", das in Erinnerung an ein fast verschwundenes Trägermedium  - die klassische Vinyl-Schallplatte - zum Sinnbild der Depression umdeutet. Die A-Seite, die traditionell die Hits enthielt, ist längst abgespielt . Was wir hören, ist nur noch "Face B", die minderwertige Rückseite. Sie ist "sans plaisirs et sans vraie souffrance", hält also weder Genuss noch wirkliches Leiden bereit − eine einzige Grabstätte.

"C'est la face B de l'existence,
Sans plaisir et sans vraie souffrance
Autre que celles dues à l'usure,
Toute vie est une sépulture

Tout futur est nécrologique
Il n'y a que le passé qui blesse,
Le temps du rêve et de l'ivresse,
La vie n'a rien d'énigmatique."


"Am Leben ist nichts Rätselhaftes mehr": Eine dunkle Sehnsucht nach Geheimnis erfasst den Dichter angesichts der zunehmenden Entzauberung des Daseins – und zugleich paradoxerweise eine Sehnsucht nach dessen Enthüllung. Das Album endet entsprechend, wie der Gedichtband, mit einer dunklen Offenbarung: "Le second secret s’y dévoile", heißt es bei Houellebecq enigmatisch: "In der Nacht, die sternenlos schläft, / An den äußersten Grenzen der Materie / Entsteht ein Zustand des Gebets: / Darin enthüllt sich das zweite Geheimnis …"

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