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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 02.07.2014

Loveparade Tanzen und Jubeln

Wie eine Jugendbewegung aus der Hüfte raus entstand

Von Laf Überland

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Teilnehmer der Loveparade tanzen am 13.07.1996 vor dem Brandenburger Tor in Berlin. (dpa/ picture alliance / Peer Grimm)
Dezentes Durchdrehen vor dem Brandenburger Tor: Raver tanzen bei der Loveparade am 13.07.1996. (dpa/ picture alliance / Peer Grimm)

An einem verregneten Samstagnachmittag im Sommer 1989 machte sich auf dem Kudamm in West-Berlin ein übersichtlicher Haufen junger Leute auf den Weg, um zu tanzen. Die erste Loveparade war völlig unbeabsichtigt der Probelauf für die große Party zum Ende eines fürchterlichen Jahrhunderts.

Es war ein wenig irritierend für die Passanten am Straßenrand, denn so was hatte man noch nicht gesehen: Auf dem Kudamm, wo ja gewohnheitsmäßig große Demos langzogen mit starken Polizeiaufgeboten, wurde an diesem Samstagnachmittag die Fahrbahn gesperrt für ein paar Hand voll junger Menschen, die im Nieselregen tanzten, Bonbons warfen und sich offensiv freuten: Die meisten waren in normale Klamotten gekleidet, ein paar aber auch irre kostümiert - mit Barock-Pop-Roben, Blümchen-Korsagen, Rüstungen und riesigen Hüten von Fiona Bennett... ganz spinnert im Sinne von Dr. Motte, dem Betonbauer aus Spandau, DJ und Initiator der Loveparade, der Sehnsucht hatte, aus dem Underground mal nach oben zu gehen und sich tagsüber normalen Menschen zu zeigen:

"Also es waren eigentlich drei kleine Lieferwagen, der eine war ne offene Pritsche, eigentlich son Kartoffelwagen, das  andere war son VW-Bus, son geschlossener Kombi halt... Und da haben wir dann drei Anlagen drin gehabt, und die vier DJs, die haben dann jeweils drei Kassetten aufgenommen, und so war das dann mit 150 Leuten, die haben dann gut Spaß gehabt."

"Als es vorbei hat man gesagt: O, das war so geil, lass uns das nächstes Jahr noch mal machen. Hoffentlich gibt es noch nächstes Mal!"

Feierlustige Kids aus dem Osten mischten den Westen auf

Westberliner Avantgarde-Eskapisten mit blümchenbunten Ideen von Friede, Freude, Eierkuchen – und dann…fällt die Mauer. Und Horden ungeduldiger (vor hemmungsloser Feierwut und Lust auf diese neue harte Techno-Musik förmlich platzender) feierlustiger Kids aus dem Osten mischen den Westen auf. Und aus dem typisch Westberliner Subkultureskapismus wird eine Jugendbewegung, Bewegung, so aus der Hüfte heraus…

"Die Mauer ist gefallen, das clasht irgendwie, und die Musik hat genau so geclasht. Es war ein Clash der Kulturen,  der aber irgendwie sehr... – also nicht wie die anderen in Krieg ausartet, sondern eine positive Aggression ausgelöst hat: Die Leute wollten einfach ausrasten."

Die Veteranen von einst erinnern sich genau so gerne wie die berühmteste deutsche DJane Marusha, die damals mitten in den Wiedervereinigungstanz stolperte.

"Alles war total drunter und drüber, die Mauer ist gefallen irgendwie, man hat abbruchreife Häuser einfach aufgebrochen, ist da reingegangen, hat sich da ne Anlage reingestellt und da gab’s Underground-Clubs da und da und dort, und die ganzen guten Clubs sind ja nur im Ostteil der Stadt."

Man war gekommen um zu jubeln

Im Laufe der 90er-Jahre wurden aus den kleinen Lieferwagen dann Sattelschlepper mit gigantischen Soundanlagen, die Bundesbahn fing an, ganze Zugladungen von bunt verkleideten Menschen auszuspucken, die mittags um elf – mehr oder weniger benebelt - anfingen, den Ernst-Reuter-Platz zu suchen.

Und aus der Liebesparade war eine Jubelparty geworden: Man jubelte, weil man dazu angereist war: um zu jubeln: Die auf den Wagen jubeln runter zu denen, die ihnen zujubelten... Helmut Kohls Kinder -

"Kohl - Freude für alle Deutschen!"

...und sie lebten in dem vorübergehenden Zeitraum, in dem alles in Ordnung war. Und immer mehr Kommerz, aber egal, die größte Wanderparty der Welt eine „Demonstration für ein neues Deutschland, wie Marusha das später mal beschrieb: dass man auf unserem Grund und Boden etwas installieren kann, das die Welt vereint.“

Ja, und eine Zeit lang funktionierte das – weil nämlich die Unterschiede zwischen "Wessis" und "Ossis" beim Tanzen zu dieser völlig neuen Musik aufgehoben waren, wie sich Club-Betreiber Dimitri Hegemann genüsslich erinnert.

"Das gemeinsame Erleben der Kids aus dem Ostteil und dem Westteil Berlins, in diesen alten Gemäuern zu feiern drei Tage lang – das war neu! Und dieses Kennenlernen ohne große Philosophie, ohne großes Zusammenführen: Da war wirklich die Musik der Schlüssel." 

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