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Tonart | Beitrag vom 19.06.2017

Lorde: "Melodrama"Die Gefühle im Griff

Von Jutta Petermann

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Die neuseeländische Sängerin Lorde (dpa / picture alliance / Ferdy Damman)
Die neuseeländische Sängerin Lorde (dpa / picture alliance / Ferdy Damman)

Vor vier Jahren erstaunte die damals gerade 16-jährige Sängerin Lorde die Popwelt mit einem Album voller vertrackter Beats und ätherischem Gesang. Ihr zweites Album hat sie "Melodrama" genannt, weil sie sich fühle wie in einem griechischen Theater, sagt sie.

"Wenn Du 19 Jahre alt bist, erscheint Dir alles wie die wichtigste Sache der Welt überhaupt, meine Gefühle erschienen mir so einzigartig, niemand war vor mir je so traurig oder je so glücklich. Und so ist der Albumtitel eine Art, über mich selbst zu lachen. Und dann hatten wir ja auch ein verrücktes Jahr hinter uns, politisch so turbulent. Und diese Kulisse und mein persönliches Erleben, die Kombination dieser beiden Elemente fühlte sich wie griechisches Theater an, völlig übertriebene Handlungen und Charaktere, es fühlte sich für mich an, als würden wir tatsächlich in einem Melodrama leben."

Die Innenwelt eines überspannten Teenies, die Außenwelt ein Tollhaus antiken Ausmaßes – kein schlechter Ausgangspunkt für spannende Songs über das Hier und Jetzt. Doch Lorde, Ende letzten Jahres gerade erst 20 Jahre alt gewordene Neuseeländerin, achtet darauf, sich inhaltlich nicht zu viel vorzunehmen. Eine Stolperfalle, in die gerade ihre Kollegin Katie Perry gestürzt ist, mit ihrem Album "Witness", das sich gesellschaftskritischer gibt, als es letztendlich ist.

Lorde bleibt lieber etwas vage und unpolitisch, wenn auch nicht ganz unverfänglich.

Sie will nicht die Stimme ihrer Generation sein

Die große, schlanke junge Frau ist extravagant aufgemacht beim Pressetermin, in schwarzer Plastikhose mit weiten, weiß umrandeten Taschen und einem schwarzen Nylon-Blouson. Der breite Mund knallrot geschminkt, die lockigen Harre fallen in üppigen Wellen auf die Schultern.

Ein bisschen jugendliche Vamp-Lady, ein Styling, das zum anrüchigen Thema des Songs "Sober" passt – von Wochenendspielen singt sie da - Synonym für anonyme Sex-Begegnungen – von Pillen, die die Nacht verschönern - damit alle sich ein bisschen cooler geben können, als sie eigentlich sind. Themen, die nah am Leben ihrer Altersgenossen sein dürften.

Doch Lorde rückt ab von dem Etikett, das ihr beim Debüt angeheftet wurde: Die Stimme ihrer Generation zu sein.

"Das letzte Album war sehr aus der Wir-Perspektive geschrieben, ich und meine Freunde, es fühlte sich größtenteils wie eine gemeinschaftliche Stimme an. Auf diesem Album sind viel mehr Ichs, sehr bezogen auf meine eigenen Erfahrungen und nur wenige Wir-Songs."

Chronistin des jugendlichen Lebensgefühls

Chronistin des jugendlichen Lebensgefühls bleibt sie dennoch. Und sie nimmt eine neue Rolle ein: die der Ratgeberin. Auf "Melodrama" geht es viel darum, das man mit sich selbst klar kommen muss, das man bei sich bleibt. Eine Übung, die Lorde auch im Tonstudio anwenden konnte.

Der Co-Produzent ist Jack Antonoff, der schon Lordes Kollegin und Freundin Taylor Swift zu Mainstream-Hits verhalf. An Antonoffs Seite konnte sie ihre Klangideen durchsetzen.

"Es war wirklich eine Sache des Selbstvertrauens, weil ich älter geworden bin, fühlte ich mich bereit, mich auch auf diese Art zu behaupten. Produktion ist stark männlich dominiert. Man findet sehr wenige weibliche Produzenten und es ist härter, als Songs zu schreiben, wenn man sagen muss 'Ich mag den Anschlag der Kick-Drum nicht, ich möchte das geschmeidiger' - die Leute schauen Dich an im Sinne von 'Wovon redest Du?' und Du musst einfach weiter reden und  langsam bekommst Du, was Du haben willst."

Die neuseeländische Sängerin Lorde (Deutschlandradio - Jutta Petermann)Die neuseeländische Sängerin Lorde (Deutschlandradio - Jutta Petermann)

"Melodrama" bereitet beim Hören fast masochistische Lust, darauf zu warten, dass Lorde endlich die Zügel loslässt, bis die 20-Jährige nach reduzierten Piano-Akkorden endlich das Tempo mittels Elektro-Gepucker und einem straighten Beat nach vorne pusht, schrill-kokett begleitet von Mädchen-Chören wie in "Green Light".

Mit der Presse geht Lorde ähnlich dominant um. Das komplette Album war für Journalisten erst am Nachmittag vor der  Veröffentlichung vollständig zu hören.

Leicht morbider Twist

Das wuchtige Anschwellen des Klangs, streckenweise recht gradlinige Rhythmen, das schnellere Tempo - das sind zwar Tendenzen in Richtung Mainstream-Pop, den sie in älteren Songs wie "Buzzcutt Season" oder "Yellow Flicker Beats" schon andeutete und nun auf "Melodrama" richtig auslebt.

Aber Lorde hat diesen existenziellen und leicht überspannten Ausdruck im Gesang, ihre kratzige Stimme, diese Qualität, dem Ganzen einen leicht morbiden Twist zu geben und im Sound eine wohltemperierte Grandezza, so dass keine Gefahr besteht, ihre neuen Songs mit Durchschnitts-Dance-Einheitsbrei zu verwechseln. Auf "Melodrama" spielt sie kunstvoll Mainstream-Hörreize gegen abseitige Klänge aus.

Nichts auf "Melodrama" klingt rührselig. Die großen Gefühle sind kühl gesetzt, um sie trickreich zu unterlaufen, um aus den Kontrasten und Brüchen spannungsreiche Atmosphären zu filtern.

Die elf Tracks von "Melodrama" sind nach "Pure Heroine" ein weiteres Zeugnis für Lordes beeindruckend abgeklärte Frühreife. Diese Frau hat ihre Gefühle im Griff, die Männer, mit denen sie ihre Musik realisiert, die Presse und die Themen, die sie anbietet. Hallo Katie Perry, so geht Pop-Queen!

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