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Montag, 20.11.2017

Studio 9 | Beitrag vom 24.10.2017

Literatur-AppsLesen im Schnelldurchlauf

Von Philip Banse

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Eine Hand hält ein Smartphone. Auf dem Display ist die App Blinkist im App Store zu sehen. (Deutschlandradio – Malte E. Kollenberg)
Keine Zeit für dicke Bücher? Apps wie Blinkist bieten Literatur-Zusammenfassungen an. (Deutschlandradio – Malte E. Kollenberg)

So viele Bücher, so wenig Zeit! Wer wissen will, was in dicken Wälzern steht, ohne sie lesen zu müssen, kann auf eine Reihe von Apps zurückgreifen. Unser Autor Philip Banse hat sich drei davon genauer angesehen.

(Banse auf dem Sofa) "So... Ich öffne hier mal die App Blinkist..."

Blinkist verspricht kurze Zusammenfassungen von über 2.000 Sachbüchern.

"Was haben wir denn hier?"

Viele englische Bücher erstmal. Ich kann verschiedene Kategorien durchstöbern: Neu, Leseliste, die angeblich von bekannten Persönlichkeiten zusammengestellt wurden, und

"...beliebt auf Deutsch: ‚Die Macht der Stimme – mehr Persönlichkeit durch Klang, Volumen und Dynamik‘. Oder Dale Carnegie, ‚Wie man Freunde gewinnt – die Kunst beliebt und einflussreich zu werden'. Das finde ich doch toll. Wen interessiert das nicht? Jetzt kann ich das lesen oder anhören."

Ein ganzes Buch in 20 Minuten

Die Text-Zusammenfassung besteht aus 11 Kapiteln, so genannte "Blinks", jedes Kapitel aus ein paar Absätzen, die in ein bis zwei Minuten gelesen sind. Die Zusammenfassung eines ganzen Buchs ist also in 20 Minuten gelesen. Diese Sachbuch-Zusammenfassungen werden geschrieben von freien Autoren. Eine von Blinkist ausgewählte Zusammenfassung pro Tag gibt es umsonst. Das Jahres-Abo kostet 50 Euro. Für 80 Euro im Jahr gibt es auch Audio-Versionen der Zusammenfassungen:

(App-Audio; Frau liest) "Blink Nummer eins: Der beste Weg, einen guten ersten Eindruck zu machen, ist zu lächeln. Es ist unser Handeln und nicht, was wir sagen, mit dem wir andere von unseren Absichten überzeugen..."

Puh, vielleicht mal ein Buch, das ich kenne.

"Ich suche mal nach Kah-ne-mann. Genau, Klassiker, haben sie sogar, ‚Schnelles Denken, langsames Denken.‘"

Das Prinzip geht auf

Daniel Kahnemann, Psychologe, Nobelpreisträger, Wirtschaftswissenschaften, sehr interessantes Buch zur Frage, wie Menschen Entscheidungen treffen und wie unsere Wirtschaft funktioniert.

"... mal anhören..."

(App-Audio; Frau liest) "Der Professor für Psychologie erläutert auf verständliche und erleuchtende Weise, dass der Homo Oeconomicus seine Entscheidungen eben nicht auf Basis der Rationalität fällt, sondern durch gegebene Mechanismen im Gehirn gesteuert wird. Davon sind nicht nur Bankiers betroffen, sondern alle von uns: Was macht Entscheidungen so Fehler anfällig? Mit welchen Tricks kann ich meine täglichen Urteile verbessern? Wie kann ich gute ökonomische Entscheidungen treffen?"

Und tatsächlich, 14 Kapitel und 25 Minuten später habe ich zumindest eine Grundidee von Begriffen wie Priming, Verfügbarkeitsheuristik, Basisraten und der Peak-End-Regel. Das Prinzip der Zusammenfassung funktioniert – auch beim Konkurrenten GetAbstract: Tausende Zusammenfassungen. Schwerpunkt eindeutig Wirtschaftshandbücher.

"Unsere Empfehlung etwa eine Kategorie: ‚Flüchtlinge im Unternehmen‘ oder ‚Kulturelle Vielfalt richtig managen‘. Beliebt ist zum Beispiel auch das Finanztip-Buch von Hermann-Joseph Tenhagen 'Wie Sie mit wenig Aufwand viel Geld sparen'. Den kenne ich, das kann man sich mal ansehen."

Vorlesen lassen? Eher nicht

Die Zusammenfassung liest sich wie ein längerer Zeitungsartikel mit Zitaten und den wichtigsten Erkenntnissen des Buchs am Anfang. Das Abo für 100 Euro im Jahr enthält eine unbrauchbare Audio-Version:

"Auch hier gibt es eine Vorlese-Automatik... Naja, also das ist schon mal gar nichts."

GetAbstract behauptet, mehr als 15.000 Zusammenfassungen zu liefern, also mehr als sieben Mal so viele wie Blinkist. Aber GetAbstract ist auch deutlich teurer, für das volle Programm werden 300 Euro im Jahr aufgerufen. Wem sowohl Blinkist, also auch GetAbstract zu teuer sind, kann Liviato.de nutzen: Das Berliner Portal verspricht mehr als 3.000 Zusammenfassungen – aber kostenlos. Die Zusammenfassungen werden von Liviato-Nutzern geschrieben und sind in Länge und Qualität sehr unterschiedlich.

Dafür bietet Liviato auch Zusammenfassungen von Belletristik – was aber weniger Sinn macht. Zudem bietet Liviato keine App und eine veraltete Webseite, die für Smartphones schlecht geeignet ist.

"Mhm. Also wenn ich mich jetzt entscheiden sollte, würde ich wohl zu Blinkist greifen, weil da das Preis-Leistungs-Verhältnis am besten ist. Das Prinzip der Zusammenfassungen von Sachbüchern, finde ich, funktioniert  – keine Frage. Nur ich glaube, ich werde mir kein Abo ans Bein binden, davon habe ich jetzt echt schon genug. Und so wichtig sind mir diese Zusammenfassungen dann doch nicht, dass ich dafür 50 Euro im Jahr ausgeben würde."

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