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Donnerstag, 18.01.2018

Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 04.02.2014

Literat und Wortkünstler Vor 100 Jahren wurde Alfred Andersch geboren

Von Christian Linder

Undatierte Aufnahme des deutschen Schriftstellers Alfred Andersch.  (picture-alliance / dpa)
Alfred Andersch: "Niemals kann Freiheit in unserem Leben länger dauern als ein paar Atemzüge, aber für die leben wir." (picture-alliance / dpa)

Mit Romanen wie "Sansibar oder der letzte Grund" schnell berühmt geworden, war Alfred Andersch in seinem literarischen Werk stets auf der Suche nach Momenten absoluter Freiheit. Der Mitbegründer der Gruppe 47 verdingte sich aber auch als Rundfunkpionier und Hörspiel-Autor.

Zu Alfred Anderschs Lieblingskompositionen gehörte Luigi Nonos "Contrappunto dialettico alle Mente", ein mit einem Tonband auf dem Fisch- und Gemüsemarkt am Rialto in Venedig aufgenommenes Potpourri von Stimmen und Geräuschen, das Nono durch aufwendige technische Modulationen so verfremdet hatte, dass man die Atmosphäre eines der bekanntesten Orte der Welt neu erleben konnte. Atmosphäre sei "die Haut der Poesie", so Andersch und er erzählte, wie sich für ihn selbst einmal an einem grauen Dezembertag die Place du Tertre in Paris in eine "versponnene" Waldlichtung verwandelt habe. Solche Augenblicke, mitten in der Zivilisation eine Grenze zur Wildnis zu überschreiten und einen Moment von Freiheit spüren zu können, hat Andersch in seinem Werk fixiert. Auf einer Reise nach Spitzbergen machte er Zwischenstation in Tromsö:

"Ich mag kein Tourist in Tromsö sein ... Ich möchte dort einen schwarzen Winter lang in einem Holzhaus an einem Tisch sitzen. Es ist ein Platz für eine Philosophie."

Alfred Andersch hatte seine Lebensphilosophie am 6. Juni 1944 gefunden. Damals desertierte er in Italien aus der deutschen Armee und begriff:

"Niemals kann Freiheit in unserem Leben länger dauern als ein paar Atemzüge, aber für die leben wir."

Andersch schrieb dies in seinem autobiografischen Bericht "Die Kirschen der Freiheit". Als das Buch 1952 erschien, war der Autor bereits einer der bedeutendsten Anreger der Nachkriegsliteratur geworden – Mitbegründer der Gruppe 47, Rundfunkpionier in Frankfurt und später in Stuttgart als Leiter der legendären Redaktion "Radio-Essay". Geboren am 4. Februar 1914 in München absolvierte er nach dem Gymnasium eine Buchhändlerlehre; 1930 trat er der Kommunistischen Partei bei, wurde 1933 verhaftet und kam für einige Monate ins Konzentrationslager Dachau; nach der Entlassung arbeitete Andersch unter Gestapo-Aufsicht als Büroangestellter in München und Hamburg; war dann Soldat unter anderem in Frankreich und Italien bis zur Desertion.

">Buon viaggo<" wünschte mir der junge Italiener ... und ich begann meinen Marsch durch die Wildnis ... In der Mulde des jenseitigen Talhangs fand ich einen wilden Kirschbaum, an dem die reifen Früchte glasig und hellrot hingen."

Von einem Aufbruch hinaus in die Welt, auf der Suche nach der "Freiheit in der Wildnis" träumt auch der 15-jährige Junge in dem 1957 erschienenen Roman "Sansibar oder der letzte Grund" – der internationale Erfolg des Buchs erlaubte es Andersch, als freier Schriftsteller zu leben, mit Wohnsitz im Tessin. Von dort aus mischte er sich aber weiterhin in deutsche Belange ein. 1976 wandte er sich gegen den sogenannten Radikalen-Erlass – ein Sturm der Empörung ging durchs Land, als Andersch in dem Gedicht "Artikel 3" bundesrepublikanische Verhältnisse mit Zuständen im nationalsozialistischen Deutschland ineinander blendete:

"Wie gehabt / ein geruch breitet sich aus / der geruch einer maschine / die gas erzeugt."

Alfred Andersch hat bis zu seinem Tod im Jahr 1980 ein umfangreiches Werk geschaffen, Hörspiele, Essays, Reiseberichte und weitere Romane wie "Winterspelt". Geformt sind seine besten Texte in einer schlanken und scharfen Expressivität, nach dem Prinzip, klar und kühl zu schreiben und so die Form durchlässig zu machen für neue Erkenntnisse. Leider sei die Welt im Zeitalter des Massentourismus zum bloßen Guckkasten geworden. Aber, hoffte Andersch:

"Die besten Fotographen, die besten Filmleute arbeiten jetzt daran, diesen Guckkasten zu zerstören, indem sie die Welt zwischen den Sehenswürdigkeiten aufnehmen ... Die Häuser von Gelsenkirchen und Sheffield. 20 Quadratmeter Tundra. Details des Unscheinbarsten, Totalen auf Ödestes. Sich verlassen darauf, dass die großen Form-Kristallisationen darin erscheinen: die Bewegungen, das Licht, die Umrisse, die Farben, sogar die Geräusche ... Die Gesamtheit dessen, was ans Licht gebracht werden kann."

Weiterführende Information

Die Kirschen des Alfred Andersch (Deutschlandradio Kultur, Literatur, 26.04.2011)

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