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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 20.01.2014

Literarisches TagebuchEine Fundgrube für Frisch-Fans

Max Frisch: "Aus dem Berliner Journal"

Von Helmut Böttiger

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Max Frisch, Schweizer Schriftsteller (AP Archiv)
1973 zog Max Frisch nach Berlin - und begann ein Tagebuch. (AP Archiv)

In seinen Tagebuchaufzeichungen aus den Jahren 1973 und 1974 interessiert sich Max Frisch vor allem für Ostberlin und seine Literaten. Die Notizen sind ein atmosphärisch dichtes zeitgeschichtliches Zeugnis.

1973 beschloss der 62-jährige Max Frisch, von Zürich nach Berlin zu ziehen – er habe in Zürich "keine Funktion" mehr. Dies war der Anlass für ihn, mit einem neuen Tagebuch zu beginnen. Das Tagebuch war für Frisch eine besondere literarische Gattung, er hat es neu definiert: es ist bewusst gebaut, und erste fiktionale Entwürfe stehen neben Reflexionen verschiedenster Art und genauen Charakteristiken von Personen, denen er begegnet.

Das letzte Tagebuch dieser Art war 1971 abgeschlossen, und das "Berliner Journal" beginnt in genau derselben Form. Dennoch wandte er sich relativ früh davon ab. In späten Interviews kam er darauf zu sprechen, befeuerte die Erwartung, indem er bemerkte, es sei wie die bereits veröffentlichten Tagebücher literarisch durchkomponiert. Dass er es testamentarisch zwanzig Jahre lang nach seinem Tod sperren ließ, schürte zusätzlich die Sensationslust. Dieser Termin wurde 2011 erreicht.

Porträts von Jurek Becker, Günter Kunert und Wolf Biermann

Der jetzt gewählte Titel "Aus dem Berliner Journal" weist bereits darauf hin, dass etliche Teile fehlen. Der Herausgeber Thomas Strässle erklärt dies mit dem Schutz von Persönlichkeitsrechten und gibt in seinem editorischen Bericht die genauen Längen an. Besonders aufschlussreich ist, dass, mit Einschränkungen, nur die ersten beiden von fünf Heften veröffentlicht wurden. Der Charakter der Einträge ändert sich offenkundig mit dem dritten Heft, das Journal verliert hier den literarischen, durchgearbeiteten Charakter und wird tatsächlich durchweg zu einem skizzenhaften "journal intime", das die Veröffentlichung nicht zulässt.

Was wir aber zu lesen bekommen, ist immerhin noch spannend genug: Es sind Aufzeichnungen aus den Jahren 1973 und 1974, wobei Frisch hauptsächlich Ostberlin, die Hauptstadt der DDR, interessiert. Sehr suggestiv sind die differenzierten Porträts von Jurek Becker, Günter Kunert und Wolf Biermann. Äußerst beeindruckt zeigt er sich von Christa und Gerhard Wolf. Frisch gelingt es daneben, die Mentalität der DDR-Bürger sehr sensibel und nachvollziehbar zu beschreiben, ein frühes Glanzstück psychologischer Ost-West-Analysen. Über den Charakter des DDR-"Sozialismus" macht sich Frisch keinerlei Illusionen, aber es gelingt ihm, neutral und unparteiisch zu bleiben.

Auch Zürich wird hier zur geteilten Stadt  

Der unmittelbare Lebensalltag in Berlin-Friedenau wird dagegen meist nur gestreift. Dennoch ragen einige Porträts hervor, darunter das Beste, was wohl je über Uwe Johnson geschrieben wurde, und eine einfühlsame, seine vielen Facetten genau nachzeichnende Studie über Günter Grass. Interessant sind auch zwei kleinere fiktionale Anläufe: zum einen eine Fantasie, in der Zürich wie Berlin zur geteilten Stadt wird, getrennt durch eine Mauer, zum anderen eine Gerichtsverhandlung, die eine Vorstufe zum späten "Blaubart"-Projekt darstellt. Für Frisch-Fans eine Fundgrube, vor allem aber auch ein atmosphärisch sehr dichtes zeitgeschichtliches Zeugnis.

Max Frisch: Aus dem Berliner Journal
Suhrkamp Verlag, Berlin 2014
232 Seiten, 20 Euro

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