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Fazit | Beitrag vom 03.02.2017

Lindbergh und Winogrand im NRW-ForumDie Frauenverehrer unter den Starfotografen

Von Rudolf Schmitz

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Zwei Ausstellungsbesucherinnen vor einer Schwarz-Weiß-Fotografie mit einer Frau in den Straßen New Yorks von Peter Lindbergh in "Women on Street" (NRW-Forum Düsseldorf / Foto: B. Babic)
Schwarz-Weiß-Fotografie mit einer Frau in den Straßen New Yorks von Peter Lindbergh in "Women on Street". (NRW-Forum Düsseldorf / Foto: B. Babic)

Modefotograf Peter Lindbergh sucht hinter der Fassade seiner Supermodels das wahre Gesicht. Street Photography-Mitbegründer Garry Winogrand huldigt den New Yorkerinnen in seinen Straßenschnappschüssen. Das NRW-Forum in Düsseldorf zeigt die Bilder der Starfotografen im Dialog.

"Ich weiß nicht, ob die von mir fotografierten Frauen schön sind", sagte Garry Winogrand, "aber ich weiß, dass die Frauen auf meinen Fotos wunderschön aussehen". Fast jeden Tag in den Jahren 1962-1966 zog er los mit seiner kleinen Kamera, ließ sich im Strom der New Yorker Straßen treiben, flirtete und fotografierte. Winogrand hielt erstaunliche Momente von Ausgelassenheit, überschäumender Lebensfreude oder traumverlorener Einsamkeit fest. Er fotografierte so schnell wie er Atem holte: stürzende Linien, Verwischungen, gekippte Winkel zeigen, wie er sich beim Fotografieren drehte und wendete und spontanen Kontakt zu den fotografierten Frauen aufnahm. Kurator Ralph Goertz:

"Es gibt eine Frau, die auf einer Bank in einem Bahnhof sitzt, und natürlich hat sie die Schuhe aus. Sie kreuzt die Beine, hat die Schuhe aus, und liest dabei in einem Buch. Und es ist eine so private, fast Wohnzimmer-Atmosphäre, die sie auf diesen zwei Quadratmetern in dieser unglaublich großen Halle schafft. Und das ist es, was natürlich sofort dem Betrachter ins Auge fällt, wenn man dafür sensibel ist."

"Diese Alltäglichkeiten, die jede Frau schön machen"

Man wird fast ein bisschen wehmütig, wenn man diese Fotografien von Garry Winogrand sieht. Denn diese Unbefangenheit, diese Sorglosigkeit, diese Lässigkeit der Körpersprache und Posen – das wirkt in diesen Schwarzweißfotografien wie ein längst verlorenes Paradies.

"Sechs Mädchen, die nebeneinander auf einer Parkbank sitzen, im Dialog mit Männern verschiedenen Alters sind, und man sieht bei jeder: die Beine sind über Kreuz, die eine geht mit den Fingern durch ihre Haare und flirtet natürlich mit dem Gegenüber, die andere tuschelt mit ihrer Freundin und legt den Kopf fast in den Schoß vor lauter Lachen. Man sieht diese Alltäglichkeiten, die jede Frau schön machen."

Zwei Frauen, fotografiert von Garry Winogrand, zu sehen in der Ausstellung "Women on Street" im NRW-Forum in Düsseldorf (NRW-Forum Düsseldorf / Foto: B. Babic)Zwei New Yorkerinnen, fotografiert von Garry Winogrand, zu sehen in der Ausstellung "Women on Street" (NRW-Forum Düsseldorf / Foto: B. Babic)

Viele Frauen reagieren mit einem Lächeln, wenn sie denn Garry Winogrand überhaupt bemerkt haben. Zweifellos hatte dieser Fotograf eine große soziale Kompetenz, er diskriminierte niemanden, sondern bestand ausschließlich aus Bewunderung. Garry Winogrand war der James Joyce von New York: Das Alltägliche wurde vor seiner Kamera zum Quell der Offenbarung. Und niemand fühlte sich gestört oder belästigt.

"Wenn jemand auf der Straße mit einer Fotokamera herumlief, war man vielleicht eher ein bisschen geschmeichelt, dass man fotografiert wird. Aber das ist halt der Riesenunterschied mit unserem inflationären Umgang mit der Fotografie heute, jeder hat ein Handy, jeder hat irgend eine Kamera, es werden Milliarden Fotos minütlich geschossen auf diesen Planeten. Und jeder ist heute genervt, jeder will Privatsphäre..."

25-30 Jahre später, Mitte der 90er-Jahre, fotografiert Peter Lindbergh in den Straßen von New York seine Modestrecken. Lindbergh, dessen Name sich mit dem Phänomen der Supermodels verbindet, bürstet die Modefotografie gegen den Strich, er will nicht, dass seine Models posieren.

"Er hat gesagt: bitte, bewegt Euch ganz frei, ganz natürlich auf der Straße, und ich sammel mir die Bilder, die ich brauche. Bitte reagiert nicht auf mich, wenn Ihr mich seht, geht gar nicht auf mich ein, sondern macht das, was Ihr machen wollt auf der Straße, ich werde Euch nicht inszenieren."

Lindbergh lässt Models wie bei Zufallsbegegnungen erscheinen

Auf den ersten flüchtigen Blick wirken diese Bilder wie eine Reinkarnation der Straßenfotografie der 60er-Jahre. Die Models telefonieren, sitzen auf Papierkörben, eilen durch die Straßen, lehnen an Fußgängerampeln. Und das Leben rund um sie herum geht unbeeindruckt weiter. Lindberghs Fotografien sind unter diejenigen von Garry Winogrand gemischt. Ein bisschen größer im Format, ebenfalls schwarzweiß.

Kein Zweifel, Peter Lindbergh versteht es, die schönen Models wie Zufallsbegegnungen erscheinen zu lassen. Und egal, was sie an Mode tragen – im geschäftigen New York, in der Stadt der Exzentriker, fallen sie ohnehin kaum auf. Es ist schon erstaunlich, wie Lindbergh den Gestus von Garry Winogrand zu kopieren versteht.

Aber diese Bilder sind etwas grundsätzlich Anderes. Denn in ihnen gibt es keine Kommunikation, keine Empathie, keine soziale Energie. Diese Frauen sprechen mit niemand, schauen niemanden an, sind eingesponnen in ihrer eigenen Welt. Zweifellos sind Lindberghs Bilder ästhetisch perfekt, inhaltlich aber sind sie reichlich leer. Der Dialog, den das NRW-Forum Düsseldorf hier zwischen Winogrand und Lindbergh inszeniert, ist mutig. Aber – da spricht ein Apfel mit einer Birne. Eins allerdings wird dabei klar: Die Street Photography von Garry Winogrand ist einsame Klasse.

Ausstellung "Women on Street" im NRW-Forum Düsseldorf
mit Fotografien von Peter Lindbergh und Garry Winogrand
vom 3. Februar bis 30. April 2017

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