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Kommentar / Archiv | Beitrag vom 13.10.2016

Lernen vom Evangelischen MedienkongressFehler zugeben und mehr erklären

Von Hans Dieter Heimendahl

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Anhänger der Partei "Alternative für Deutschland" am 20.7.2016 in Rostock (Mecklenburg-Vorpommern) auf einer Wahlkampfveranstaltung der AfD mit Parteichefin Frauke Petry (dpa / picture alliance / Stefan Sauer)
Die Wahlerfolge der AfD gelten vielen als Sinnbild der postfaktischen Fragmentierung der Gesellschaft. (dpa / picture alliance / Stefan Sauer)

Der diesjährige Evangelische Medienkongress hat sich auch damit befasst, dass sich immer mehr Menschen in Deutschland abgehängt fühlen. Hans Dieter Heimendahl, Wellenchef von Deutschlandradio Kultur, empfiehlt Journalisten, sich damit selbstkritisch auseinanderzusetzen.

Medienkongresse und Medienkonferenzen sind seit einigen Jahren typischerweise Foren der Ratlosigkeit. Die Entwicklung des Netzes und der sozialen Medien ist so rasant, dass Journalisten wie Medienwissenschaftler kaum mit der Reflexion hinterherkommen, geschweige denn, dass sie die zukünftige Entwicklung vorhersagen und Strategien formulieren könnten. Darin machte auch der vierte Evangelische Medienkongress, der unter dem Titel "Schein und Sein 4.0 – Mediale Strategien und Werte" nach Hamburg geladen hatte, keine Ausnahme.

Getrennte Publikumsgruppen

Aber wenn die Unübersichtlichkeit der Situation als ehrlicher Ausgangspunkt akzeptiert wird, können sich interessante offene Diskussionen darüber entwickeln, worin die Herausforderungen bestehen könnten und wie man ihnen begegnen könnte. Das ist in Hamburg gelungen – und könnte etwas damit zu tun haben, dass bei der klugen Auswahl der eingeladenen Gäste und den zur Diskussion gestellten Themen die Veranstalter sich nicht auf die technischen Trends oder journalistischen Formen, sondern auf die Konsequenzen für die Menschen vor und hinter dem Bildschirm konzentriert haben.

Über dem Kongress stand das Menetekel der Fragmentierung der Öffentlichkeit und der Gesellschaft. Wo früher Massenmedien eine Art von Agenda von Themen mit verschiedenen Informationen zur Debatte stellten, bewegen sich heute Publikumsgruppen fast getrennt voneinander in unterschiedlichen Medienwelten in den sozialen Netzwerken und nehmen nur noch zur Kenntnis, was ihrer vorgefassten Meinung entspricht und sie stützt.

Großer Bedarf an guten Recherchen

"Postfaktisch" nennen Medienwissenschaftler dieses Medienzeitalter gern und zeigen am amerikanischen Wahlkampf oder der Diskussion um die AfD, dass der Austausch zwischen den Gruppen unterschiedlicher Weltsicht zum Erliegen gekommen ist. Auf der einen Seite ist klar, dass man gerade in einer solchen Situation glaubwürdige und seriöse Informationen benötigt, es also einen großen Bedarf an gut recherchiertem Journalismus gibt. Auf der anderen Seite ist es ja gerade das Problem, dass diese Recherchen und Analysen von denen nicht zur Kenntnis genommen werden, in deren Weltbild sie nicht passen. Die Fragmentierung der Gesellschaft ist Realität, die der Medienwelt vollzieht sich im Stillen.

Hans Dieter Heimendahl (©Deutschlandradio-Bettina Straub)Für Hans Dieter Heimendahl ist die Fragmentierung der Gesellschaft längst Realität. (©Deutschlandradio-Bettina Straub)

Die Vertreter der öffentlich-rechtlichen Medien wie der Chefredakteur von ARD-Aktuell Kai Gniffke oder der Leiter des Rechercheverbundes von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" Georg Mascolo waren wohltuend selbstkritisch und bescheiden, teilten ihre Beobachtungen von zu wenig differenziertem Gruppenverhalten, das dem kritischen Potential der Journalisten kein gutes Zeugnis ausstellt, etwa wenn kaum ein Journalist den Zusammenbruch des Finanzsystems auf dem Zettel hatte oder sich alle Moderatoren und Berichterstatter in einer unangenehmen Weise einig sind in ihrer Ablehnung des amerikanischen Präsidentschaftsbewerbers Trump und damit nicht gerade neutral erscheinen. Dagegen helfen nur Rückbesinnung auf die journalistischen Tugenden der gründlichen Recherche, Neutralität und Trennung von Nachricht und Meinung.

Zu viel Aufmerksamkeit für Trump?

In den USA diskutieren die Medien selbstkritisch ihren Anteil an dem Erfolg von Donald Trump, berichtete Georg Mascolo. Haben wir seinem groben Umgang mit Konkurrenten, Themen und der Wahrheit zuviel Aufmerksamkeit geschenkt und sind damit seiner Strategie auf den Leim gegangen, fragen sich amerikanische Journalisten. Es gilt auf jeden Fall die Tugend der Zurückhaltung gerade in der beschleunigten Twitter-Welt zu bewahren, nicht alles, was in den Netzwerken für Aufregung sorgt, muss deshalb schon ein Gegenstand der Berichterstattung werden.

So sind es keine Zauberformeln, sondern vor allem langweilige Antworten, die von Diskussion zu Diskussion zu sammeln waren. Gründlich recherchieren! Fehler zugeben! Mehr erklären! Und besser zuhören! Es ist ja nicht nur Ausdruck mangelnden politischen Verständnisses, wenn jemand sich von den im Parlament vertretenen Parteien abwendet, sondern eine Problemanzeige, deren Gründe aufzugreifen durchaus das Geschäft von Journalisten wäre. Offenbar fühlen sich in Deutschland viele Menschen abgehängt und ohne Perspektive. Wer erzählt ihre Geschichte? Wenn die journalistische Darstellung der Wirklichkeit nicht differenzierter, kritischer und problembewusster ist als die Agenda der Politik, haben die Journalisten ihre Aufgabe verfehlt. Ob das medial vermittelte Selbstgespräch der Gesellschaft gelingt, liegt auch an uns. Und es anzustoßen, das genau ist der Auftrag des Qualitätsjournalismus und der öffentlich-rechtlichen Medien. Leichter ist es nicht geworden, ihm gerecht zu werden, aber möglich.

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