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Buchkritik | Beitrag vom 29.04.2017

Leonard Gardner: "Fat City"Ein Kalifornien der Hoffnungslosigkeit

Von Maike Albath

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Buchcover: Leonard Gardner: Fatcity vor dem Hintergrund eines Baumwollfeldes (dpa / Peer Körner)
Buchcover: Leonard Gardner: Fatcity vor dem Hintergrund eines Baumwollfeldes (dpa / Peer Körner)

Anfang der 1970er-Jahre in den USA verfilmt, erlangte Leonard Gardners Boxerroman einigen Ruhm. Gardners Thema ist der Alltag in der Metropole der US-Westküste: rau, rassistisch, berechnend. Der Blumenbar Verlag hat die Geschichte nun neu verlegt und neu übersetzen lassen.

Irgendwann muss der Mann doch zu Boden gehen. Zack, ein Schlag auf die Niere, bam, eine linke Gerade in Richtung Brust, dann noch ein krachender Haken, und die Sache ist geritzt. Oder etwa nicht? Den agilen Nachwuchskämpfer Ernie Munger und den abgehalfterten Puncher Billy Tully beschleichen immer wieder Zweifel. In Leonard Gardners Klassiker unter den Boxerromanen Fat City von 1969 - von John Huston 1972 mit Stacy Keach und Jeff Bridges zu einem düsteren Epos verfilmt - wird der Sport zu einer Metapher für das Leben. Auf große Hoffnungen und harte Arbeit folgt ein verdienter Sieg, dann passiert ein Missgeschick, die Karriere bekommt einen Knick.

Pfirsichernte, Tomatenfelder und andere armselige Jobs

Wer kann, rafft sich zu einer Kehrtwende auf, wird mit einem kurzen Aufstieg belohnt, der zwangsläufig in den Absturz mündet. Für die Arbeiterklasse im kalifornischen Stockton der fünfziger Jahre scheint es kaum etwas anderes zu geben als armselige Jobs auf Pfirsichplantagen oder Tomatenfeldern und vielleicht ein williges Mädchen.

Über dem Land steht die Hitze, die Vorarbeiter sind streng, abends vertrinken die Erntehelfer ihren Lohn in schmuddeligen Bars oder stellen sich mit ihren in Papiertüten verborgenen Flaschen direkt in die Hauseingänge. Andere Freizeitvergnügen sind rar, und die Frauen wollen immer gleich geheiratet werden. Kein Wunder, dass der Boxring wie ein Versprechen wirkt. Schließlich sehnt sich jeder nach der fat city, einem Synonym für das gute Leben.

Leonard Gardners einziger Roman besitzt eine eigentümliche Intensität. Das liegt vor allem an der Sprache und an den eindringlichen Beschreibungen von Landschaften und Interieurs. In knappen Sätzen und geschliffenen Dialogen fängt Gardner die beklemmende Atmosphäre in gammeligen Hotels oder an schmierigen Tresen ein, wo sich Willy dem Suff hingibt und die eine oder andere Frau aufgabelt.

Wacklige Bühnen in abgetakelten Vorstadthallen

Das Flussufer, an dem Ernie laufen geht, liegt voller aufgeplatzter Matratzen, schwappender Flaschen und aufgeweichter Pappkartons, die Vorstadthallen, in denen die Kämpfe stattfinden, sind abgetakelt. Der Schriftsteller, 1933 in Stockton geboren, Amateurboxer, Verfasser von Kurzgeschichten und Drehbüchern und mittlerweile wieder Betreiber eines Box-Clubs, beschreibt Kalifornien als einen Ort der Hoffnungslosigkeit. Es ist heiß, rau, rassistisch, berechnend. Nur der Trainer Ruben Lula hält seinen Kämpfern Ernie und Willy die Treue, vermittelt ihnen so etwas wie Selbstbewusstsein und haut sie raus, wenn sie in Schwierigkeiten stecken.

Das Boxen, oft das Milieu für Aufsteigergeschichten von Underdogs, wird hier nicht idealisiert, sondern als ein Beispiel für den amerikanischen Sozialdarwinismus präsentiert. Gardners Fat City über die "artige Kunst" gehört in eine Reihe mit Malcolm Lowrys und Nelson Algrens Boxerromanen.

Denis Johnson war von der Lektüre so elektrisiert, dass er Teile auswendig lernte und Schriftsteller wurde. Leonard Gardners Nahaufnahmen eines kaputten und verkommenen Amerikas könnten zeitgemäßer kaum sein. Die Neuübersetzung von Gregor Hens ist ein Glücksfall: Ihm geht der schnodderige Umgangston der Boxer leicht von der Hand. Er hat den besten Punch.

Leonard Gardner: Fat City
Aus dem Amerikanischen von Gregor Hens
Blumenbar Verlag, Berlin 2017, 223 Seiten, 18,00 Euro

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