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Religionen / Archiv | Beitrag vom 09.10.2010

Leihen, wo ihr nichts dafür hoffen könnt

Visionen einer zinsfreien Finanzpolitik der Kirchen

Von Maria Riederer

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Martin Luther verurteilte das Nehmen von Zinsen mit drastischen Worten. (AP)
Martin Luther verurteilte das Nehmen von Zinsen mit drastischen Worten. (AP)

Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich immer mehr. Die Gründe sind vielschichtig. Eine These lautet: Das Nehmen und Geben verzinster Kredite ist schuld an der Umschichtung der Vermögen. Wer in die heiligen Schriften schaut, findet dort Verbote und Warnungen. Über den Sinn der Zinsverbote scheiden sich allerdings die Geister.

"Guten Tag, Sie kommen zum Beratungsgespräch. Nehmen Sie doch Platz.

Ja, danke. Also, es ging ja um die 10.000 Euro, die ich anlegen wollte. Wie kann ich das denn machen, dass ich wenig Risiko hab und natürlich trotzdem möglichst hohe Zinsen kriege?

Ja, da hätten wir zurzeit ein ganz interessantes Produkt mit einer tollen Rendite und quasi Null Risiko. Ich zeig Ihnen mal die Unterlagen dazu, das haben gerade neu reingekriegt, da haben Sie einen garantierten und wachsenden Zinssatz."


Thomas Ruster: "Die biblische Ökonomie ist in allen biblischen Gesetzeswerken, die wir haben, als eine zinsfreie Wirtschaft gekennzeichnet, ganz eindeutig. Und das hat auch einen religiösen Grund, denn der Zins lässt das Geld immer weiter wachsen, also ist auf Unendlichkeit programmiert, aber es kann nichts außer Gott unendlich sein. Also, jeder Versuch auf Erden, der etwas schafft, was der Unendlichkeit Gottes gleichkommt, und sei es nur das unendlich wachsende Kapital, ist ein Angriff auf Gott, und aus diesem Grunde ist die Bibel ganz konkret gegen das Nehmen von Zinsen."

Der Visionär: Thomas Ruster, Professor für katholische Theologie an der Technischen Universität Dortmund.

Hatem Imran: "Der Islam reiht sich da ein in die Quellen der Offenbarungsreligionen und sowohl der Koran als auch in anderen Primärquellen finden Sie Zinsverbote, die sich auf Nehmen und Geben beziehen. Für jeden, der sich mit dem Koran oder anderen Primärquellen beschäftigt, der findet an zahlreichen Stellen im Koran wortwörtlich Stellungnahmen zum Zins über den verderblichen Charakter, und dass er zu einer sehr, sehr starken Sünde gehört. Genauso wie andere Dinge, wie Alkohol, Glücksspiel usw. dort geregelt sind."

Der Sprecher für die Armen: Hatem Imran, Autor des Buches: "Das islamische Wirtschaftssystem".

Hermann Josef Schon: "Dieses Zinsverbot muss man sicherlich in der Zeit sehen, in der es formuliert wurde. Und nach meinem Wissen, in einer Zeit, in der der Zinswucher eine ganz besondere Rolle gespielt hat, weil der Zins 'Null' ist ja so ziemlich das Gegenteil zum Zinswucher, und um dies sehr deutlich und drastisch zu formulieren, ist meines Erachtens seinerzeit das Zinsverbot gesehen worden und auch zu verstehen. Ich denke, dass wir an unserer Kapitalanlage mit gutem Recht einen Zins verlangen können und auch müssen."

Der Kaufmann: Dr. Hermann Josef Schon, Finanzdirektor für das Erzbistum Köln.

Sind Zinsen böse oder gar sündhaft? Sind sie verantwortlich für die Armut in der Welt? Oder sind sie notwendig, um ein vorausschauendes Wirtschaften überhaupt möglich zu machen? Wer in die Bibel schaut, findet klare Hinweise auf das Zinsverbot bei Juden und Christen. Im Koran wird auch Muslimen das Geben und Nehmen von Zinsen verboten.

"Leihst du einem aus meinem Volk, einem Armen, der neben dir wohnt, dann sollst du dich gegen ihn nicht wie ein Wucherer benehmen. Ihr sollt von ihm keinen Wucherzins nehmen."
Aus dem Buch Exodus

"Wenn ihr nur denen etwas leiht, von denen ihr es zurückzubekommen hofft, welchen Dank wollt ihr dafür? Auch die Sünder leihen Sündern in der Hoffnung, alles zurückzubekommen. Ihr aber sollt eure Feinde lieben und Gutes tun und leihen, auch wo ihr nichts dafür erhoffen könnt."
Aus dem Lukas-Evangelium

"Den Kauf hat Allah gestattet und er hat den Zins verboten. Allah streicht den Zins aus und lässt die Spenden wachsen."
Aus dem Koran, Sure 2


Hatem Imran: "Dass die Statements zum Thema Wirtschaft im Judentum, Christentum und Islam gleich lauten, ist schön aber nicht verwunderlich, weil sie alle einen Autor haben, es gibt nicht den Gott der Juden oder Christen oder Muslime, sondern es gibt einen Gott, der seine Botschaft auf verschiedene Art und Weise wiederholt hat und das ist eine ganzheitliche Spielanleitung für das Leben, die der Mensch freiwillig annehmen kann oder nicht. Und wenn der Bereich Wirtschaft ausgespart wäre, würde ein ganz entscheidender fehlen."

Die heiligen Schriften der monotheistischen Religionen sind sich einig: Es ist ein Unrecht, mehr Geld zurückzuverlangen, als man verliehen hat. Der Arme, der ein Darlehen bekommen hat, soll nicht gezwungen werden, mehr zurückzuzahlen, als er erhalten hat. Die Interpretation dieser Verbote hat sich auf die Geschichte von Juden, Christen und Muslimen unterschiedlich ausgewirkt. In der jüdischen Thora und dem Alten Testament gibt es beispielsweise einen wichtigen Zusatz als Anleitung für ein rechtes Wirtschaften für das jüdische Volk.

"Dem Fremden magst du Zins auferlegen, aber deinem Bruder darfst du nicht Zins auferlegen, damit der Herr, dein Gott, dich segnet in allem Geschäft deiner Hand in dem Land, in das du kommst, um es in Besitz zu nehmen."
Aus dem Buch Deuteronomium

Thomas Ruster: "Das Zinsverbot in der Bibel ist natürlich ein Gebot, das nur für Israel gilt, also nur für die Brüder und Schwestern der Gemeinde Israels, und das hat einfach den Grund, dass eben dieses biblische Recht auch das Volksrecht für Israel gewesen ist und nicht ein universales Recht sein wollte. Aber zum Zweiten hat es auch den ökonomischen Grund, dass wenn eben in Israel zinsfreie Kredite zu bekommen wären, die offen gewesen wären auch für Nicht-Israeliten, der israelitische Kapitalmarkt binnen Kurzem zusammengebrochen wäre, weil alle Anwohnervölker gekommen wären und sich eben die zinslosen Kredite abgeholt hätten. Das wäre nicht gegangen. Es war einfach eine Schutzmaßnahme, um diesen Wirtschaftsraum überhaupt bestehen lassen zu können."

Zu den Nachbarn gehörten irgendwann auch Christen, die das Recht der Juden nutzten, um bei ihnen Kredite aufzunehmen.

Thomas Ruster: "Es hat sich für die Juden insofern wirklich fatal ausgewirkt, weil sie eben dann im christlichen Mittelalter, wo ja Christen keine Zinsen nehmen dürfen und Muslime ja auch nicht, die Juden die einzigen waren, die in ihrer Religion erlaubterweise von Nicht-Juden Zinsen nehmen durften, und deswegen wurden sie zunehmend ins Zins- und ins Bankengeschäft rein gedrängt und zugleich aus den Zünften und dem Bauernberuf herausgedrängt, sodass ihnen quasi nur das Bankfach und das Händlerfach übrig blieb und da kommt eben dieses Bild des Geldjuden, des raffgierigen Juden her. Also gerade die Juden, die 'Erfinder' könnte man sagen des Zinsverbotes, werden jetzt als die Erfinder gewissermaßen des raffenden Kapitals und damit als die Geldjuden schlechthin gesehen."

Im Christentum wurde das Zinsverbot über die Jahrhunderte immer wieder erneuert. Vordenker blieb dabei Aristoteles mit seiner These des widernatürlichen Zinses:

"Denn das Geld ist um des Tausches willen erfunden worden, durch den Zins vermehrt es sich aber durch sich selbst. Diese Art des Gelderwerbes ist also am meisten gegen die Natur."

Mit anderen Worten: Geld ist unfruchtbar. Es kann nicht wachsen und sich vermehren, Kinder kriegen oder – in Form von Zinseszins – womöglich auch noch Enkelkinder. Die ersten Christen setzten zudem das Zinsverbot aus dem Alten Testament voraus.

Auch Kirchenväter wie Hieronymus schlugen sich deutlich auf die Seite der Darlehensnehmer – der Armen:

"Einem Besitzenden brauchst du überhaupt nichts zu leihen; wie kannst du also von einem Armen fordern, gleich als hättest du mit einem Reichen zu tun?"

Wie immer, wenn es ums Geld geht, scheiden sich die Geister, auch innerhalb der gläubigen Christengemeinde: Während beispielsweise Thomas von Aquin den Zins zwar ablehnte, aber auch Ausnahmen aufzählte, erneuerten verschiedene Päpste bis weit ins 18. Jhd hinein das Zinsverbot. Johannes Calvin hieß Zinsen gut, solange sie mit "Billigkeit und brüderlicher Liebe in Einklang stehen".

Martin Luther dagegen verurteilte das Nehmen von Zinsen in der ihm eigenen Drastik:

"Darum ist ein Wucherer und Geizhals wahrlich kein rechter Mensch! Er muss ein Werwolf sein, schlimmer noch als alle Tyrannen, Mörder und Räuber, schier so böse wie der Teufel selbst! Er sitzt nämlich nicht als ein Feind, sondern als ein Freund und Mitbürger im Schutz und Frieden der Gemeinde und raubt und mordet dennoch gräulicher als jeder Feind und Mordbrenner!"

Hermann Josef Schon, Finanzdirektor des Erzbistums Köln, kann den Zorn, der da von Luther auf die Zinsnehmer herunterregnet, nicht teilen. Für ihn, Kaufmann und guter Katholik, ist Zinsnehmen kein Widerspruch zu ethischem Wirtschaften. Was zählt, ist das Maß. So sieht es auch das katholische Kirchenrecht, aus dem das Zinsverbot erst im Jahr 1983 endgültig gestrichen wurde.

Hermann Josef Schon: "Wenn Sie in das neue Kirchenrecht schauen, dann steht da, dass die Kirche mit dem ihr anvertrauten Vermögen umgehen muss wie ein Hausvater dies täte. Welcher Hausvater, wenn er es wirklich gut meint mit seiner Familie, würde überzogene Risiken eingehen? Tun wir auch nicht. Welcher Hausvater würde nicht großen Wert darauf legen, dass das Vermögen erhalten bleibt? Also kann man daraus schon mal ableiten, dass man einen Zins erwirtschaften muss, der mindestens in Höhe der Inflationsrate liegt. Ich halte das für ethisch absolut verantwortbar, vor allen Dingen dann, jetzt aus kirchlicher Sicht, wenn man sich in Märkten und in Produkten dieser Märkte bewegt, wo es keine Übertreibungen gibt, wo es angemessene Preise, sprich Zinsen gibt für gegebenes Geld."

Ein Maß für "angemessene Preise", also einen ethisch vertretbaren Zins wird man im islamischen Recht, der Scharia, nicht finden. Hier ist der Zins bis heute in jedweder Form und Höhe verboten. Wer also nach der Scharia leben möchte, muss auf Zinsen verzichten. Deshalb wächst bei Zinsgegnern das Interesse an islamischen Banken, die eigene Darlehens- und Anlageformen anbieten, um das Zinsverbot zu umgehen.

Hatem Imran gehört zu denen, die den Zins ganz klar ablehnen:

"Gruppen, die Kapital brauchen, vielleicht weil sie Hunger haben, weil sie sich eine Operation finanzieren wollen, weil sie investieren wollen - sie brauchen auf jeden Fall Kapital und bekommen das Kapital von jemand, der so viel davon hat, dass er das verleihen kann. Und der Schaufelbagger Zins transportiert von der einen Richtung in die andere und ist daher das stärkste polarisierende finanztechnische Mittel, das wir auf der Welt haben, das rund um die Uhr 365 Tage von denen, die Kapitalbedarf haben, Geld noch zusätzlich zu ihrem Bedarf nimmt und zu denen transportiert, die so viel haben, dass sie es verleihen können. Sie können das vom Privathaushalt, vom einzelnen verschuldeten Mensch bis zu einem einzelnen Land oder Kontinent hoch skalieren, wie auch immer Sie wollen."

Dabei ist es im Islam keineswegs verboten, Gewinne zu erwirtschaften. Wer Geld hat, muss es nicht unter der Matratze verrotten lassen.

Hatem Imran: "Was macht er damit? Er verhindert auf jeden Fall, dass er Zinsen bekommt oder Zinsen zahlt bei jeder wirtschaftlichen Transaktion, und wenn er schlau ist, wird er sich unternehmerisch betätigen. Er wird sich mit anderen Menschen, die Geld haben oder Geld brauchen oder tolle Ideen haben, zusammentun und die Talente der Menschen werden interagieren und den Stand der Menschen insgesamt erhöhen. Und das ist gottgewollt, diese Interaktion, es ist aber nicht leicht für Muslime, in einem nicht-muslimischen Umfeld oder in einem nicht-islamischen Wirtschaftskreislauf sich dementsprechend zu betätigen."

Das bedeutet, Gewinne sind legitim, solange auch Verluste in Kauf genommen werden. Statt Geld einfach nur zu horten, sollte der Anleger unternehmerisch investieren.

Thomas Ruster: "Die jüdische Definition des Zinses, die sich im Talmud findet, nämlich Zins ist der Lohn für Warten, man lässt die Zeit für sich arbeiten, das ist nicht erlaubt - sagt das Judentum, sagt auch das Christentum, denn die Zeit ist eine Gabe, die Gott uns allen gegeben hat, die keiner für sich gewissermaßen vereinnahmen darf und sie dem anderen in Rechnung stellen kann. Dann ist im Judentum auch ganz viel zu lernen über die konkrete Art der Umsetzung des Zinsverbotes, und würde ich vor allem an diese Institution der sogenannten Iska erinnern, der bedeutet eben, dass der Investor und der Unternehmer das Risiko gemeinsam tragen einer Unternehmung, also es wird zwar Geld investiert, es wird auch Geld verdient dafür, aber der Darlehensgeber bekommt das Geld nur zurück in dem Maße, wie das Unternehmen auch erfolgreich läuft."

Erfolgreich "mit seinen Pfunden wuchern" erlaubt auch Jesus seinen Jüngern. In seinem Gleichnis stattet ein Mann drei Knechte mit Geld aus, das sie eine Zeit lang verwalten sollen. Gelobt wird am Ende nicht der Knecht, der das Geld nur aufbewahrt und nichts damit unternommen hatte, sondern derjenige, der damit gewirtschaftet und großen Gewinn gemacht hat. Sogar das Zinsnehmen wird hier gut geheißen. Interpretiert wird dieser Text oft als Gleichnis über das Einbringen von Talenten oder das Wachsen des Glaubens. Aber es kann auch auf den Umgang mit Geld angewendet werden, der gewinnbringend wirken kann, ohne anderen zu schaden.

Hermann Josef Schon, der die Finanzen des Erzbistums Köln verwaltet, tut dies ebenfalls nach Kriterien einer christlichen Ethik:

"So haben wir beim Erzbistum Köln seit vielen Jahren ganz eindeutige Ausschlusskriterien, wo wir sagen: In bestimmten Bereichen investieren wir auch unser Vermögen nicht. Wir versuchen, Erträge zu maximieren. Der Begriff Ertragsmaximierung hat ja jetzt in der Finanzkrise, ist es ja sehr schillernd geworden, ich gebrauche ihn aber dennoch, weil wir unter einer sinnvollen Ertragsmaximierung natürlich auch immer eine nachhaltige Ertragsmaximierung verstehen. Selbstverständlich kommt für uns alles nicht in Frage, was mit Abtreibung und Verhütung zu tun hat, die sich im Bereich Pornographie bewegen, Rüstungsgüter sind ein ganz kritisches Thema."

Thomas Ruster ist das nicht genug. Gemeinsam mit einer Gruppe von Aktivisten, die sich "Christen für gerechte Wirtschaftsordnung" nennen, fordert er die Verbannung von Zinsen aus dem Wirtschaftssystem. Dabei schaut er zurück in eine Zeit, in der es das Zinsverbot im Gesetz noch gab:

"Wenn Sie mal in das 12. Jahrhundert schauen, das Zeitalter, wo die großen romanischen Kirchenbauten in ganz Europa gebaut wurden, wo die großen Städte angelegt worden sind, wo viele Klöster, die heute noch existieren, gebaut worden sind. Das war eben eine Zeit, in der die Menschen ihr Geld nicht in Kapital angelegt haben sondern dafür zum Beispiel lieber diese schönen Kirchen gebaut haben, die Klöster gebaut haben, Bibliotheken eingerichtet haben, Armenspitäler eingerichtet haben, und das war eine konkrete Wirkung einer Gesellschaft ohne zinstragendes Geld.

Ab dem 13. bis 14.Jahrhundert bröckelt dann so langsam das Zinsverbot, vollends mit der Entdeckung Amerikas und dem einsetzenden Überseehandel wird der Finanzbedarf der Handelsgesellschaften so groß und auch die Dauer der Rückzahlung von Krediten verlängert sich so sehr, dass der Bedarf nach Zins immer unabweisbarer wird. Der Zins ist die Folge dieser ersten Globalisierung, die damals die Welt erfasst hat, und ist auch aus dieser Wirtschaft tatsächlich nicht wegzudenken, das ist schon richtig."

Diese Einsicht hindert Zinsgegner allerdings nicht daran, sich eine zinslose Welt zu wünschen – oder zumindest eine zinslose Kirche mit eigener Währung. Ein Vorbild sind die sogenannten Regional- oder Komplementärwährungen. In einem zum Beispiel regional begrenzten Kreis von Nutzern wird hier der Tausch von Waren und Dienstleistungen durch eine eigene Währung in Gang gebracht.

Thomas Ruster: "Wenn man also eine regionale Währung einführen würde, das könnten eben Kirchengemeinden tun, dann würde man diese Währung nur in einer bestimmten Wirtschaftsregion kursieren lassen und damit würde man einen wichtigen Beitrag leisten zur Förderung regionaler Wirtschaft. Also, der Bauer muss seinen Salat nicht gegen Holland und Spanien verteidigen sondern er wird's eben im regionalen Wettbewerb viel besser loswerden können. Wir brauchen quasi Schutzräume gegen Globalisierungskonkurrenzen.

Und das andere wäre die gewissermaßen irritierende Wirkung, die solche zinsfreien Währungen für unsere Wirtschaft, für unsere Finanzwelt haben würden. Also sie würden, dadurch, dass sie entstehen, dem Eindruck entgegentreten, es geht nicht anders, als es heute immer geht. Also das wären wie kleine Nadelstiche, mit denen man immer wieder sagen könnte: Es geht auch anders, schaut mal her, und würde damit dem Dogma der Ökonomen und Wirtschaftswissenschaftler entgegentreten, die sagen: Nein, der Zins ist unabdingbar nötig, wir müssen bereit sein, den Preis für diesen Zins zu zahlen, auch wenn das ein sehr, sehr hoher Preis ist."

Im Kölner Café Central kann man mit der Komplementärwährung Rheingold bezahlen. Das Rheingold existiert seit vier Jahren und wird jetzt auch im benachbarten Chelsea Hotel akzeptiert.

Agnes Gruber: "Wenn die Gäste das schon haben, können die bei uns direkt nachfragen, wie und was die eventuell bezahlen können bei uns. Also erstmal, wir haben das vor Kurzem angefangen, deswegen viel Interessenten bis jetzt haben wir noch nicht gehabt, da waren nur einzelne Nachfragen, ob wir überhaupt das mitmachen."

Agnes Gruber ist die Geschäftsführerin des Café Central. In ihrem Café sitzen auch Jost Reinert, Mitinitiator von Rheingold und die Künstlerin Sonja Kling, die ihre Gage in Rheingold akzeptiert. Das tun auch viele Künstlerkollegen aus dem Rheinland, oder auch Bäcker, Taxifahrer, Autoren, Reformhäuser usw.

Jost Reinert: "Hier haben wir eigentlich einen Leistungsträger, der die Leistung von uns von A nach B hin- und hertransportiert, als in sich wertloses Tauschmittel, also ein Schein, der sich ständig verwandeln kann: Mal in ein leckeres Eis, mal in ein schön gezapftes Pils, mal in eine Aufführung einer Kabarettistin, mal in einen ganz klugen Text – egal was. Er wandelt sich ständig von einer stofflichen Form in die andere."

Sonja Kling: "Das Ausgeben ist der Witz, und das ist so ein Irrtum bei Geld, dass man immer denkt: Geld, was rumliegt, würde irgend einen Wert schaffen. Tut's nie. Weil Leute sitzen rum und sind arbeitslos und können nicht arbeiten, weil irgendjemand denkt, man muss das Geld sparen oder man hat Schulden und darf deshalb kein Geld ausgeben, also es ist genau das Pferd von hinten aufgezäumt."

"Sie möchten zahlen - 11 Rheingold macht das bitte - insgesamt? - Insgesamt ja... dann zahl ich das jetzt so.,.. stimmt so. Vielen Dank... , schönen Tag noch!"

Ungefähr 1000 sogenannte Akzeptanten hat das Rheingold zurzeit. Innerhalb dieses Zirkels kann die Währung wie bei einem Gutscheinsystem ausgegeben und dann auch wieder eingenommen werden. Die Möglichkeit, ohne Leistung Geld zu vermehren, gibt es dabei nicht.

Jost Reinert hätte die Kirchen liebend gerne mit im Boot:

"Das fänd ich ganz, ganz wunderbar. Die könnten sofort ausgestattet werden und hätten dann auch, da die ja ziemlich große Immobilienbesitzer sind, direkt auch einen großen Kreislauf etabliert, indem sie ihre Mietzahlung beispielsweise auch in ihren eigenen Kirchen-Rheingold akzeptieren. Also, ich bezahle selber einem Luxemburger im Elsass meine Miete seit ein paar Jahren in Rheingold und ich finde, das funktioniert wunderbar. Also, es ist auch hochinteressant für Immobilienleute, und ich glaub, die Kirche ist eine der größten Immobilienbesitzer in Deutschland. Die islamische Zeitung macht mit. Die hatten ein Interview gemacht über das Rheingold und dann meinten sie: Gute Idee, machen wir mit."

Hermann Josef Schon hält nichts von der Idee, die Finanzen der Kirche vom Euro zu trennen oder gar eine eigene Kirchenwährung einzuführen:

"Wir verstehen uns auch nicht in der Kirche als Closed Shop, sondern wir sehen uns als eine Organisation in der Gesellschaft. Und ich denke, dass wir uns politisch in Europa in ein Abseits manövrieren würden, wenn wir im monetären Bereich einen eigenen Weg gingen. Es ist eigentlich viel besser, man bleibt im System und wirbt mit seinen Prinzipien für eine Besserung der Verhältnisse."

Eine zinsfreie Währung brächte den Arbeitgeber Kirche zudem in erhebliche Schwierigkeiten.

Hermann Josef Schon: "Wir haben in der Bilanz auf unserer Passiv-Seite eine sehr große Position. Sie umfasst mehrere Hundert Millionen Euro, das sind die Rückstellungen für die Pensionsverpflichtungen, die wir eingegangen sind, für Priester, für beamtete Lehrer und für andere, die einen Versorgungsanspruch haben. Für diesen Personenkreis hat der Bischof eine Versorgungszusage gegeben, (...) und wir müssen selbstverständlich einen Zins erwirtschaften, um diese Versorgungsberechtigten mit ihren Familien, mit ihren Nachkommen dann auch finanzieren zu können, wenn der Verpflichtungsfall eintritt. Also, ich seh' hier überhaupt keinen Widerspruch zu einem christlichen Menschenbild und zu christlich verstandener Verantwortung in dieser Welt, sondern sehe uns in der Verpflichtung, für die Dinge geradezustehen, die wir eingegangen sind."

Thomas Ruster würde dagegen gerade im Bereich der Altersvorsorge die Gläubigen gerne zu mehr Gottvertrauen überreden:

"Jemand, der auf Zinsen verzichtet, muss bereit sein, diese Zukunftsunsicherheit in Kauf zu nehmen, die das Geld scheinbar bietet, aber auch nur scheinbar, in Wirklichkeit vernichtet es ja Zukunft. Und darum geht es schon um die Frage: Wem dient man, Gott oder dem Mammon - in diesem Sinne, und ich denke man kann von normalen Menschen eigentlich nicht erwarten, dass sie die Sicherheit, die das Geld denen, die es haben, immer noch verspricht, freiwillig aufgeben, weil das ein Nachteil wäre, den keiner so leicht eingeht. Aber im Glauben und im Gehorsam gegen Gott oder aus Liebe zu Gott und seiner Ordnung, die er uns gegeben hat, kann man das eben doch tun."

Hatem Imran: "Ich hab mehrere Anbieter, die um mein Geld buhlen, und die kann ich natürlich sehr gut erziehen, indem ich ihnen kein Geld gebe oder wenig oder eben bestimmten und bestimmten nicht. Das heißt, man muss wirklich weg von dieser Opferrolle: Ja, die Großen, was kann ich denn tun? Man ist mündig und man wirkt halt in dem Rahmen, in dem man wirken kann, und jeder Mensch gibt - zumindest im Westen - doch 100.000 oder Millionen im Laufe seines Lebens aus, die er umsetzt und er spricht auch mit anderen darüber. Das heißt, wenn man bisschen Zeit hat und wenn man ein bisschen Werbung macht, hat man eine extreme Steuerung auch der Wirtschaft und des Angebots."

Die jüngste Wirtschaftskrise hat viele Anleger – gerade auch kleine, private Anleger – ins Grübeln gebracht. Verantwortungsvolles, nachhaltiges Investment ist gefragter als je zuvor. Wer sein Geld mit gutem Gewissen und trotzdem gewinnbringend verwalten will, kann viele Wege gehen – vom Rheingold über zinsfreie Anlagen bis zu Ökofonds, Mikrokreditinstituten oder ethisch ausgerichteten Banken. An erster Stelle steht die Frage: Was passiert mit meinem Geld? Wer fragt, gewinnt - auf jeden Fall.

Service:
Weitere Informationen zum Thema finden sie auf Ethische Geldanlage, einer Initiatve der Katholischen Hochschulgemeinde Karlsruhe.

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