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Reportage / Archiv | Beitrag vom 19.09.2013

Leichter wählen

Die Broschüre "Klar geh' ich wählen!" im Test

Von Silke Hahne

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Die Stimmabgabe ist nicht für alle so einfach, wie sie aussieht. (Priya Bathe)
Die Stimmabgabe ist nicht für alle so einfach, wie sie aussieht. (Priya Bathe)

Nicht-Wählen hat viele Gründe. Manche Menschen trauen sich einfach nicht, weil sie die Wahlbenachrichtigung nicht verstehen und die Hemmschwelle zu groß ist nachzufragen. Das Infoheft "Klar geh' ich wählen!" erklärt in leichter Sprache, wie die Stimmabgabe funktioniert.

Eine schwere, quietschgrüne Metalltür mit arabischen Schriftzeichen führt in Dani Mansoors Atelier im Berliner Stadtteil Kreuzberg. Eine ehemalige, kleine Rumpelkammer, ohne Fenster, dafür voller Kunst. Ein Stuhl, dessen Sitzfläche mit Nägeln beschlagen ist, Bücher umwickelt mit Stacheldraht, Ölgemälde, alles in kräftigen Farben. Mansoor ist vor gut 30 Jahren aus dem Irak nach Deutschland geflohen. Seit rund zehn Jahren ist er deutscher Staatsbürger.

Am Sonntag macht er seine dritte Wahl mit und weiß inzwischen, wie es funktioniert. Übung macht den Meister, sagt er. Bei der ersten Wahl war es noch nicht so leicht:

"Ich hab mir Mühe gegeben. Selbstverständlich hab ich auch gefragt, wie es geht und es gab auch anderen, erklärt haben, neutral. Aber gibt sehr viele auch, viele Immigranten, die fragen das nicht, die trauen sich nicht und das ist schade."

Mansoor blättert durch die gut 30 Seiten der Broschüre "Klar geh' ich wählen!" und schaut sich die Bilder an. Eine Wahlbenachrichtigung ist da zum Beispiel abgedruckt, auf der Nebenseite ist in Leichter Sprache erklärt, wie gewählt wird. Auch wie die Briefwahl funktioniert und was die zwei Spalten auf dem Stimmzettel bedeuten. Ein guter Anfang, findet Dani Mansoor:

"Das ist großgeschrieben, das ist sehr gut. Und wenig Text. Ich kann mit Ihnen heute durch die Siedlung gehen: Jeder Mülleimer ist voller Zettel von Parteien. Aber ich bin sicher, wenn die Texte ein bisschen größer, deutlicher sind, dann mindestens nehm ich das mit nach oben, weil dann versuche ich das zu verstehen. Wäre sehr gut, wenn es das auch in anderen Sprache gäbe. Sobald dass ich eine Zeile in meiner Muttersprache lese, dann weiß ich, es hat mit mir zu tun. Dass ich selber auch verstehe, dann geh ich noch mal tiefer rein in den Text."

Nicht nur Sprachhindernisse

Doch nicht nur die Sprache hindert Menschen mit Migrationshintergrund daran, sich für die Wahl zu interessieren, glaubt Mansoor. Der direkte Kontakt ist wichtig:

"Um jede Stimme von den Immigranten zu gewinnen, da muss man sich schon bisschen Mühe geben."

Viel Mühe gibt sich auch Tamara Kravcova. Ein paar Kilometer südlich von Mansoors Atelier, im Interkulturellen Treffpunkt in Berlin-Neukölln. 2004 ist sie von Russland nach Deutschland gezogen, wie ihre Eltern ein paar Jahre zuvor - 2005 hat sie das erste Mal gewählt. Jetzt erklärt sie beim Integrationsverein ImPuls anderen Spätaussiedlern und Migranten, wie Wählen in Deutschland funktioniert. Dafür benutzt sie das Heft "Klar geh' ich wählen!" Ihnen die Hefte nur in die Hand zu drücken, reicht ihrer Meinung nach aber nicht. Um ihren Worten Nachdruck zu verleihen, haut sie immer wieder mit der flachen Hand auf den Tisch:

"Alleine, wenn ich das so jetzt bringe und auf dem Tisch liegen lasse, und jemand kommt und blättert durch und versteht nicht, nein. Mir hat es geholfen, mit den Leuten zu sprechen. Wenn ich so einfach erzähle, vielleicht bringt es auch nichts. Aber wenn ich jetzt in diesem Heft blättere und erkläre ... Jeder hat solch ein Heft bekommen. Ich hab gesagt: Nehmen Sie das mit. Ob Sie auch nicht zur Wahl gehen, trotzdem, nehmen Sie das mit, zeigen Sie das ihren Kindern, vielleicht auch Eltern, älteren Leuten. Ich glaube, wir brauchen solche Broschüren."

Denn vielen ist unangenehm, dass sie Wahlbriefe und Parteiprogramme nicht verstehen. Die wenigsten wollen darüber reden. An mangelndem politischen Interesse liegt das nicht, glaubt Tamara Kravcova:

"Wir haben das den Leuten erklärt. Sonst für sie war es nichts, nur in Deutsch zu lesen. Vielleicht 10, 20 Prozent hätten sie verstanden, aber wir haben das in zwei Sprachen geführt. Und dann sitzen sie und die Bäckchen wurden rot. Das bedeutet, es war für sie nicht gleichgültig."

Hilfe für Menschen mit Lernproblemem

Probleme mit Amtsdeutsch und Parteiprogrammen haben aber nicht nur Spätaussiedler oder Deutsche mit Migrationshintergrund. Ähnliche Erfahrung hat auch Enrico Schaffrath bei seiner ersten Wahl gemacht. Der 29-Jährige hat Lernschwierigkeiten. Er sitzt in seinem Büro in Berlin-Mitte und betrachtet das Wahlheft zufrieden. Er arbeitet normalerweise als Befrager für eine Firma, die Menschen mit Behinderung beschäftigt.

Für die Broschüre war er Testleser. Seiner Meinung nach erklärt das Heft, womit er selbst anfangs Probleme hatte:

"Ich wollte das mit nem Wahlbrief machen, aber ich wusste das nicht, wie ich den beantragen soll und wie der kommt und wie ich den dann abschicken soll."

Enrico Schaffrath hatte den Mut, zum Bürgeramt zu gehen und nachzufragen. Was er sich vor ein paar Jahren noch selbst zusammensuchen musste, findet er jetzt, wenn er durch das Heft blättert. Die Macher hätten die Änderungsvorschläge der Testleser gut umgesetzt.

Deshalb nimmt er die Broschüre auch schon mal zur Hand, wenn er Bekannte überzeugen will, zur Wahl zu gehen:

"Ne Freundin von mir, der hab ich das Heft gegeben, weil sie sagte: 'Nee, ich geh nicht wählen. Warum soll ich wählen, ich kenn' doch die Stimmzettel nicht.' Und dann hab ich gesagt: 'Lies doch mal das Heft 'Klar geh' ich wählen!' in Leichter Sprache.' Die hat das durchgelesen und sagte zu mir: 'Wow, so einfach ist das?' Die hat 'ne kleine Leseschwäche und die versteht alle Wörter nicht. Und dann musste ich ein bisschen was erklären, wie das geht und dann - die wird am Sonntag wählen gehen."


Linktipp:
Informationen in Leichter Sprache auf der Homepage der Bundesregierung

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