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Fazit / Archiv | Beitrag vom 18.03.2011

Legenden und Mythen für das Volk

Berliner Pergamonmuseum zeigt Meisterwerke islamischer Kunst

Von Jürgen König

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Im Pergamonmuseum gibt es ein Weltepos zu sehen. (Staatliche Museen zu Berlin - Maximilian Meisse)
Im Pergamonmuseum gibt es ein Weltepos zu sehen. (Staatliche Museen zu Berlin - Maximilian Meisse)

Pünktlich zum traditionellen Neujahrsfest der Iraner am morgigen Samstag eröffnet die Ausstellung "Schahname - Tausend Jahre persisches Buch der Könige". Zu sehen gibt es unter anderem reich illustrierte Abschriften des Epos.

Friedrich Rückert hat es übersetzt, Richard Wagner wollte es vertonen: Die Berliner Schahname-Ausstellung ist auch ein Beleg für die Orient-Begeisterung Westeuropas im 19. Jahrhundert. Rückerts handschriftliches Riesenmanuskript ist in Berlin zu bestaunen, von Richard Wagner – gibt es nichts, denn: Er entschied sich am Ende dann doch für den Nibelungen-Stoff. Schahname – ein Epos der Weltliteratur, geschrieben von Abu’l Qasem Ferdausi.

Als er begann, war er 40 Jahre alt: Er griff auf mündlich überlieferte, jahrhundertealte Legenden und Mythen zurück, fügte Werke anderer Dichter in sein Epos ein – und schuf so eine Erzählung vom Werden Persiens - von den Anfängen der Welt bis hin zur islamischen Eroberung im Jahre 651 nach Christus.

75-jährig vollendete Abu’l Qasem Ferdausi sein Werk: im Jahre 1010. Ein Buch der Könige, geschrieben für das Volk, damit es auch unter arabischer Herrschaft nicht vergesse, was Persien einst war; eine Erinnerung an glanzvolle Herrscherhäuser, an altiranische Traditionen und Werte, eine Mahnung auch an die Regierenden seiner Zeit - erzählt Julia Gonnella, die Kuratorin der Ausstellung:

"Könige sollen gute Führungsqualitäten besitzen, aber auch nicht übermütig werden, und da gibt es auch viele Negativbeispiele drin, die zeigen, wie auch ein schlechter König ist und dass man so nicht regieren sollte. Und da gibt es die berühmte Geschichte von dem König Kai Ka Os, der nicht nur die Erde, sondern auch den Himmel erobern wollte, sich einen Thron bauen ließ, den vier Adlern in die Lüfte fliegen sollten, und die Adler flogen dem Lammfleisch hinterher, und als das Fleisch zu Ende war, stürzte der König mitsamt den Adlern wieder zu Boden und sein Held musste ihn retten."

Dieser ruhmreiche Blick zurück diente immer auch als Legitimation späterer Herrscher und als Grundlage der Hoffnung, es möge einmal wieder so sein: von den Mongolen und Saffawiden bis hin zu den Pahlevi-Schahs; noch sie nahmen aus dem Schahname die Berechtigung zu prunkvoller Hofhaltung. Der heutige Präsident Ahmadinedschad sieht das anders, auf eine Königstradition kann und will er sich nicht berufen; in der Bevölkerung dagegen ist das Schahname gegenwärtig: Die Geschichten daraus werden erzählt oder vorgelesen, Kinder nach epischen Helden wie etwa Adashir oder Zohag benannt.

"Für das heutige Nationalbewusstsein spielt das persische Epos eine große Rolle, das hängt mit der politischen Situation zusammen; das Schahname vermittelt viele Werte, die eben auf altiranische Vorstellungen zurückgehen: der Kampf zwischen Gut und Böse eben, Vorstellungen vom charismatischen Königtum, die nicht unbedingt kompatibel mit islamischen Glaubensvorstellungen sind, wo eigentlich alle Leute gleich vor Gott sind. Und die Islamische Republik Iran vertritt die Ansicht, dass der Koran natürlich wichtiger ist als das Schahname. Für Exil-Iraner wiederum spielt das Schahname eine große Rolle, weil es für sie eine kulturelle Identifikation ist, in der sie sich wiederfinden."

Ein Autograf des Textes von Abu’l Qasem Ferdausi ist nicht überliefert. Aber in den folgenden Jahrhunderten haben Herrscher immer wieder – von den größten Künstlern ihrer Zeit - Abschriften anfertigen und reich illustrieren lassen; viele von ihnen gibt es noch, durch Ankäufe – zum Beispiel des preußischen Gesandten in Istanbul, Heinrich Friedrich Diez, Ende des 18. Jahrhunderts, kamen erstaunlich viele dieser Meisterwerke persischer Buchkunst nach Berlin – aus dem 14. Jahrhundert stammen die ältesten.

Aus konservatorischen Gründen nur in dunklerem Licht gezeigt, wirken sie gerade geheimnisvoll: Szenen bei Hofe in kräftigem Karminrot, Jagdszenen in Gold, sehr bunt der Held Rostam, der einen Elefanten erschlägt oder auch der glücklose König Dschamschid, der vom Tyrannen Zahhak in zwei Teile zersägt wird. Die Figuren des Schahname inspirierten die Miniaturenmaler zu prachtvollen, feinsinnigen Darstellungen menschlicher Leidenschaften. Wer sich nur die Zeit nimmt, Landschaften zum Beispiel mit den Augen abzuwandern, entdeck Felsen, deren reliefartige Oberfläche sich bei genauerem Hinsehen verwandelt: in höhnisch grinsende Gesichter.

Da steht man dann vor diesen jahrhundertealten Schätzen und dem Weltepos Schahname - und schämt sich ein bisschen, dass man davon so wenig weiß und einem beim Stichwort Iran zunächst immer nur die Themen einfallen, für die Präsident Ahmadinedschad derzeit steht. Wie gut, dass es solche Ausstellungen gibt.

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