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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 25.08.2008

Legalize it!

Steffen Geyer / Georg Wurth: "Rauschzeichen", Kiepenheuer & Witsch 2008, 224 Seiten

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Cannabis-Konsument (AP)
Cannabis-Konsument (AP)

Für die einen ist es eine gefährliche Einstiegsdroge - für die anderen ein harmloses Mittel zur Entspannung: Cannabis. Steffen Geyer und Georg Wurth - beide Befürworter einer Legalisierung - wollen mit ihrem Buch "Rauschzeichen" mehr Sachlichkeit in die aufgeregt geführte Debatte bringen.

Georg Wurth ist der Chef des Deutschen Hanf-Verbandes. Steffen Geyer ist Rechtswissenschaftler, arbeitet ebenfalls im Deutschen Hanf-Verband und organisiert die alljährliche Hanfparade in Berlin. Unschwer zu erraten: das hier ist ein Text pro Legalisierung von Cannabis.

Hans-Christian Ströbele von den "Grünen" hat dem Buch ein Nachwort hinterhergeschickt. Er selbst habe nie gekifft und rate auch generell davon ab, aber er betrachtet es "als eine der großen Lebenslügen unserer Zeit, dass Drogen wie Alkohol und Zigaretten nicht nur legal und frei verkäuflich sind, sondern dafür sogar aggressiv und subtil in öffentlich-rechtlichen Medien geworben werden darf, während Besitzer und Händler von Cannabis kriminalisiert und mit Gefängnis bedroht werden." Rechtsanwalt Ströbele hält das für ungerecht, zumal die legalen Drogen um ein Vielfaches gefährlicher seien als das "vergleichsweise harmlose Cannabis".

Die Autoren haben nicht die Absicht, uns den Joint schmackhaft zu machen. Sie wollen vielmehr unsere (so wörtlich) "Drogenmündigkeit" fördern. Das Buch ist Aufklärung im besten Sinn des Wortes. Nur wer genau weiß: Was ist das eigentlich Cannabis? Was erwartet mich, wenn ich’s probiere? Welchen Schaden kann die Droge in meinem Hirn anrichten, wenn ich mich daran gewöhne? Was passiert, wenn die Polizei ein paar Hanf-Pflanzen in meinem Garten entdeckt? Nur wer informiert ist, kann sich ein selbständiges Urteil bilden und entscheiden, ob er sich mit dem Hanf einlassen will oder nicht.

"Alles, was man wissen muss" über Cannabis. Der Untertitel klingt ein wenig hochgestapelt, aber nach der Lektüre hat man tatsächlich das Gefühl, genau soviel sollte man wissen über diese Sache. Das Themenspektrum des Buches ist vielfarbig: "Cannabis in der Medizin", "Cannabis als Rohstoff", "Cannabis als Droge" – pro und contra Legalisierung". Da kommen auch die Gegner zu Wort.

Natürlich, das Gewöhnungspotenzial von Tetrahydrocannabinol ist groß. Man schätzt, dass jeder Zehnte, der einen Joint probiert, später abhängig wird. Es gibt Forscher, die behaupten sogar, langfristiger Haschisch-Konsum verursache schwere Hirnschäden. Die Autoren halten das für ein Gerücht. Nach ihrer Auffassungen werden menschliche Nervenzellen, "anders als beim Alkohol, durch Cannabis nicht geschädigt".

Das erste Kapitel liefert eine kleine Kulturgeschichte des Cannabis. Wir erfahren, Hanf zählt zu den ältesten Nutzpflanzen der Welt. Er wurde schon vor 5000 Jahren in China angepflanzt, um aus den robusten Fasern Kleidung zu fertigen. Die alten Inder schätzten seine Blüten wegen ihrer Heilkraft im Fall von Malaria und Rheuma. Die Spanier haben den Hanf für die Papierherstellung entdeckt, Johannes Gutenberg druckte seine Bibel von 1455 auf Hanfpapier. Um 1900 war Cannabis-Extrakt eines der Medikamente, die in Deutschland am häufigsten verschrieben wurden. Zur Beruhigung und als Mittel gegen Schmerzen.

Wie kommt es, dass eine alte Kulturpflanze derart in Verruf geraten ist? Schließlich ist der Hanf-Anbau heute fast weltweit verboten. Die Autoren klären uns auf. Hinter der Ächtung von Cannabis stehen handfeste Wirtschaftsinteressen. Es begann in den USA, dort wurde Cannabis 1937 verboten. Die treibenden Kräfte waren der Verband der Baumwollfarmer in den Südstaaten, der Chemiekonzern DuPont und das Medien-Imperium von William Hearst. Die Baumwollfarmer wollten den Hanf als Konkurrenten in der Textilindustrie loswerden. DuPont desgleichen, der Konzern versprach sich vom Hanf-Verbot neue Absatzmärkte für die hauseigenen Kunstfasern Nylon und Rayon.

Und Medienmogul William Hearst? Der zählte zu seinem Imperium auch ein paar Firmen, die Papier produzierten. Papier aus Holz. Hearst fand es an der Zeit, sich das billigere Hanfpapier als Konkurrenten vom Hals zu schaffen. Ab den vierziger Jahren wurden in den USA hektarweise Marihuana-Felder vernichtet.

Marihuana. So wurde der Hanf von den spanischen Einwanderern genannt. Laut den Propaganda-Filmen der US-Regierung aus dieser Zeit eine Droge für Perverse, siechende "Untermenschen", geistlose "Neger" und mexikanische Immigranten. In der Nachkriegsära avancierte die US-amerikanische Politik in Sachen Hanf zum Leitbild für die Welt. Laut internationalem Abkommen über Betäubungsmittel von 1961 sind Erzeugung, Besitz und Handel von Cannabis heute nahezu weltweit verboten

Ein Buch für alle ab vierzehn. Immerhin geht eine Statistik aus dem Jahre 2004 davon aus, dass rund ein Drittel der ab Vierzehnjährigen hierzulande schon Bekanntschaft mit einem Joint geschlossen hat. Über illegale Dinge erfährt man gewöhnlich nicht viel, eben weil sie illegal sind.

Grund genug, dieses kenntnisreiche und kurzweilige Buch zu lesen. Besonders empfehlenswert für Eltern, die sich sorgen, weil ihr pupertierender Nachwuchs noch von der Wasserpfeife auf der letzten Party schwärmt. Selbst wenn der ahnungslose Sprössling mit dem Dampf ein wenig Cannabis eingesogen hat: umbringen wird es ihn nicht. Gut zu wissen.

Rezensiert von Susanne Mack

Steffen Geyer / Georg Wurth: Rauschzeichen. Cannabis: Alles, was man wissen muss
Kiepenheuer & Witsch 2008
224 Seiten, 7,95 Euro

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