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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 14.03.2014

LebensgeschichteDer Koalabär als leibhaftiger Gegenentwurf

Lukas Bärfuss: "Koala"

Von Helmut Böttiger

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Fressen und schlafen ist so ziemlich das einzige, was ein Koala tut.  (AP Archiv)
Fressen und schlafen ist so ziemlich das einzige, was ein Koala tut. (AP Archiv)

Sein Bruder war ein Faulpelz wie der australische Koala, der den ganzen Tag nur im Eukalyptusbaum hockt und frisst. Anhand der Geschichte des australischen Kontinents und der Koalas erzählt Lukas Bärfuss seine Familiengeschichte - und wirft viele quälende Fragen auf.

Der Schweizer Lukas Bärfuss, geboren 1971, hat bereits einige erfolgreiche Theaterstücke geschrieben. „Koala“ ist sein zweiter Roman, der erste hieß "Hundert Tage" und führte auf Joseph Conrads Spuren ins „Herz der Finsternis“, nach Afrika. „Koala“ nun spielt zum größten Teil ebenfalls in weitab gelegenen exotischen Gefilden, in Australien. Aber wie schon in "Hundert Tage" ist das Geschehen eindeutig auf die Schweiz bezogen, dient das Fremde als Spiegelbild für die Verhängnisse der westlichen Zivilisation.

In "Koala" hat sich das noch radikalisiert: Bärfuss bezieht sich ganz direkt auf seine eigene Familiengeschichte, auf den Selbstmord seines Bruders – der Ich-Erzähler ist so sehr mit dem Autor Bärfuss verschmolzen, dass man ahnen kann: wenn er mit der letzten Zeile des Buches anfängt "zu schreiben", dann ist der vorliegende Text damit gemeint, eine Auseinandersetzung und Aufarbeitung eines Vorgangs, der ihn persönlich betrifft. 

Die privaten Umstände werden nur angetippt

Der Ich-Erzähler hat zu seinem Bruder keine besonders gute oder enge Beziehung gehabt, er ist genau genommen lediglich ein Halbbruder, nur die Mutter haben sie gemeinsam. Der Bruder hat den Heimatort nie verlassen. Das letzte Mal sieht ihn der Erzähler anlässlich eines Vortrags über Kleist, den er dort hält – der preußische Dichter versuchte eine zeitlang auf der Aare-Insel bei diesem kleinen Schweizer Ort Landwirtschaft zu betreiben.

Der Bruder interessierte sich dafür gar nicht, einige Wochen danach beging er im Alter von 45 Jahren Selbstmord. Die privaten Umstände, die Familiengeschichte sind nur angetippt, allmählich stellt sich heraus, dass der Bruder heroinabhängig war, nicht viel auf die Reihe brachte und sich dem üblichen Schweizer Arbeitsleben absolut entzog.  

Der Koala ist der Gegenentwurf zur Schweizer Arbeitswelt

Der ästhetische Kniff dieses Romans ist aber, dass der Bruder von seiner Pfadfindergruppe den Tarnnamen „Koala“ bekam – nach einem australischen Beuteltier, das nun Dreh- und Angelpunkt der Recherche des Erzählers wird. Nur Anfang und Ende, die Rahmenhandlung von Tod und Beerdigung des Bruders, spielen in der Schweiz. Der große Mittelteil handelt davon, wie der Koala in Australien entdeckt wurde, und ganz allgemein: wie der Kontinent überhaupt entdeckt und zur Strafkolonie wurde.

Und ohne, dass der Zusammenhang allzu aufdringlich im Roman thematisiert werden würde, stellen sich Verbindungen her zwischen dem Leben des Bruders und dem Charakter des Koalabären: eines wahren Faulpelzes, der nichts tut, sich von den Blättern des Eukalyptusbaums ernährt und seinen Baum kaum verlässt. Der Koalabär ist der leibhaftige Gegenentwurf zur Schweizer Arbeitswelt – und deshalb als Totemtier für den Bruder absolut geeignet. So wirft dieser Text, der erzählerisch leicht daherkommt, untergründig viele Fragen auf und unterhöhlt vieles, was wir für selbstverständlich halten: es geht um unser Selbstbild, das Verhältnis zur Arbeit, unsere Werte. Dass für den Erzähler das Verhältnis zum Bruder ambivalent bleibt, macht die Fragen umso quälender.   

Lukas Bärfuss: Koala
Wallstein Verlag, Göttingen
220 Seiten, 19,90 Euro

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