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Zeitfragen | Beitrag vom 17.05.2018

Leben ohne GeruchssinnKein Duft, nirgends!

Von Frank Kaspar

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Geruchsforscher Hanns Hatt riecht an Narzissen und einem Maiglöckchen.  (picture alliance / dpa / Caroline Seidel)
Gerüche verraten uns viel über unsere Umgebung. Doch wer nicht riechen kann, dem fehlen diese Informationen. (picture alliance / dpa / Caroline Seidel)

Eine duftende Blume oder eine stinkende Mülltonne - Düfte ziehen uns an, üble Gerüche stoßen uns ab. Aber wie lebt es sich ohne Geruchssinn? Michael Merkers konnte noch nie riechen und lebt in einer Welt ohne Gestank und Wohlgerüche.

Michael Merkers ist im Emsland groß geworden, in einer Gegend mit Mooren und Marschen, wo mancher Urlauber glaubt, schon die salzige Brise der Nordsee zu riechen. Wie Tom Sawyer streifte er mit den Nachbarskindern durch Felder und Flussauen.

Bis er acht Jahre alt war, hätte er nie gedacht, dass ihm irgendein Reiz des Landlebens entgangen wäre. Aber dann kam der Tag, als seine Freunde keinen Schritt weiter gehen wollten, weil ihnen von einem Acker ein fürchterlicher Gestank entgegenschlug.

"Ich habe das anfangs scherzhaft abgetan, bis ich gemerkt habe, dass sie wirklich körperlich dadurch beeinträchtigt wurden, dass sie sich diesem Ort, wo es so dermaßen stinken sollte, nicht nähern konnten, ihre Nase gerümpft haben, die zugehalten haben, fast schon die Augen tränten, und das sah dann doch ziemlich glaubwürdig aus, und ich persönlich merkte davon überhaupt nichts."

Wie riecht frischer Kaffee oder eine Wiese?

Denn Michael Merkers kann nichts riechen. Kein Duft, nirgends: Kein Kaffee am Morgen, kein frisch gemähter Rasen und auch kein Stechen in der Nase, wenn ein Bauer alte Autoreifen auf seinem Feld verbrennt. Genau das war damals nämlich geschehen, als seine Freunde die Flucht antraten. Bis zu diesem Moment hatte Michael Merkers Gerüche nur für ein Gerücht gehalten, für eine Ausgeburt der Fantasie wie die Geschichten von Superhelden und ihren magischen Kräften.

Der Brand auf dem Acker machte ihm bewusst, dass andere Leute Dinge spürten, für die er selbst keine Antenne besaß. Eine klare Diagnose erhielt er erst viele Jahre später. Nach einem Marathon von Arztbesuchen erfuhr er an der Uniklinik Dresden: Mit seinem Riechkolben im Vorderhirn war etwas nicht in Ordnung.

"Der Riechkolben, der bulbus olfactorius, ist ein kleines Würmchen, liegt zwischen den beiden Augäpfeln, links uns rechts, ist vielleicht so einen Zentimeter dick, ungefähr zwölf Millimeter lang, das ist das eigentliche Riechzentrum. Und das ändert sich auch, wenn Leute nicht mehr riechen können. Dann wird das kleiner, dann schrumpft es zusammen."

Professor Dr. Thomas Hummel leitet in Dresden eine spezielle Riechsprechstunde.

"Also von der Struktur alleine kann man auch schon erkennen, ob Leute riechen können oder wie gut sie riechen können. Zum Beispiel: Je größer der Riechkolben ist, desto wahrscheinlicher ist es auch, dass sich das Riechen bei ihnen wieder erholen wird."

Jeder 20. Deutsche verliert seinen Geruchssinn

Bei Michael Merkers hat sich dieser Riechkolben nie richtig entwickelt. Daher kam es zu einer sogenannten Anosmie, dem völligen Verlust des Geruchssinns.

Eine angeborene Anosmie ist eher selten. Aber ungefähr jeder 20. erwachsene Deutsche verliert im Laufe des Lebens die Fähigkeit zu riechen. Akute oder chronische Entzündungen der Nasenschleimhaut können die Ursache dafür sein. Aber auch ein Unfall kann bewirken, dass Sinnesreize von der Nase nicht mehr ins Gehirn gelangen.

"Genau an dieser Übertrittsstelle der Riechfasern von der Nase ins Gehirn, da kann es sein, wenn das Gehirn ganz arg hin und her geschubst wird von vorn nach hinten, dass da diese Riechfasern abreißen. Das ist eine Hypothese. Eine zweite Hypothese ist die, dass einfach das Gehirn geschädigt wird in den Arealen, die viel mit Riechen zu tun haben, hier vor allen Dingen vorne im Frontal-Hirn, hinter der Stirn, zwischen den Augäpfeln, und das führt eben dazu, dass auch dann nicht mehr gerochen wird."

Wer seinen Geruchssinn plötzlich verliert, erlebt das oft als tiefen Einschnitt. So schildert die amerikanische Publizistin Molly Birnbaum ihre Erfahrung in dem Buch "Der Geruch der Erinnerung":

"Ohne Geruch erschien mir meine Umwelt plötzlich fremd und schal. Es war, als würde ich mich selbst in einem Film sehen, ich war präsent, aber nicht ganz, interessiert, aber nicht teilnehmend."

Mit dem Verlust des fünften Sinnes veränderte sich auch ihr inneres Erleben: "Meine Gefühle hatten sich zusammen mit den Gerüchen verflüchtigt."

Was uns Gerüche verraten können

Michael Merkers beobachtete mit wachsendem Erstaunen, wie viele Details seine riechenden Mitmenschen in der Umwelt wahrnahmen. Aus seiner Sicht verfügten sie tatsächlich über Super-Sinne. Woher wollte eine Freundin schon im Treppenhaus wissen, was die Nachbarn gerade kochten? Hatte sie etwa einen Röntgenblick? Und dann war da noch dieses Erlebnis in der Warteschlange vor der Kinokasse.

"Auch da war ich damals mit einer Freundin, und die drehte sich plötzlich um und meinte: Der Herr, der da gerade aus der Herrentoilette kommt, der hat sich nicht die Hände gewaschen. – Und ich dachte nur: Was? Ist das jetzt nur so eine Aussage, oder wie kommst du drauf? – Na ja, der ist grad an mir vorbei gegangen, und ich konnte es riechen. – Ich denke nur, hm – okay, man unterschätzt doch, was man für eine Geruchsfahne hinter sich her trägt, und was für Spuren man auch mit dem, was man so zu sich nimmt oder mit dem, was man so macht, hinterlässt."

Für jemand, der sich selbst nicht riechen kann, wirft das gewisse Schwierigkeiten auf.

"Es gibt immer eine kleine Grundunsicherheit, zum Beispiel beim täglichen Eindeodorieren: Man hat eigentlich keine Ahnung, was man sich da auf den Körper schmiert, man hat keine Ahnung, wie das Zeug riecht und was es dementsprechend für Eindrücke bei den Mitmenschen erweckt. Man ist selbst bei so etwas Harmlosem wie dem Kauf eines Deodorants eigentlich schon auf vertraute Leute angewiesen, die einem da Tipps geben oder irgendwas empfehlen."

Vertraute dieser Art zu finden, ist nicht leicht, sagt Thomas Hummel. Denn über Gerüche macht man eigentlich nicht viele Worte.

"Im Alltag sprechen wir kaum über Körpergerüche: Es kommt ein Kollege zur Tür rein, setzt sich in mein Büro und stinkt fürchterlich nach Schweiß. Ich sage es ihm nicht. Ich gehe dem aus dem Weg. Aber ich sage es ihm nicht. Vielleicht im Laufe der Zeit. Es ist schwer, sich über Körpergerüche zu unterhalten. Es ist was sehr Intimes in gewisser Weise."

Ein Online-Forum soll Anosmie-Patienten helfen

Aber wer nicht riechen kann, kommt nicht umhin, von sich aus viele heikle Punkte anzusprechen. Michael Merkers hat deshalb ein Online-Forum für den Austausch unter Anosmie-Patienten gegründet. Über die Webseite www.anosmie.info kann man mit ihm Kontakt aufnehmen. Die kleine Selbsthilfegruppe, die so entstanden ist, wirbt auch bei Medizinern für mehr Anerkennung. Merkers hat selbst schon erlebt, dass ein Arzt ihm herablassend begegnet ist, weil er mit seinem Leiden wenig anfangen konnte.

"Der hat mir tatsächlich, nachdem ich da drei Stunden im Wartezimmer gesessen habe und zwei Monate lang auf diesen Termin gewartet hatte, gesagt: Warum man für mich überhaupt so einen Termin reservieren würde, das wäre doch mehr oder weniger Zeitverschwendung, er würde lieber wirklich gesundheitsgefährdete Menschen behandeln, wo es vielleicht sogar um Leben und Tod geht. – Wofür ich natürlich Verständnis habe, dass es sicherlich dringendere Fälle und wichtigere Fälle gibt, aber man fühlt sich dann doch ziemlich wertlos und schlecht behandelt."

Auf einer Silvesterfeier im Freundeskreis fand Michael Merkers einmal in einem Glückskeks den Sinnspruch: "Auf deinen guten Riecher kannst du dich verlassen!" Darüber haben sich alle köstlich amüsiert. Und er selbst ebenfalls. Denn unter seinen Freunden ist so mancher "gute Riecher", den er immer ins Vertrauen ziehen kann.

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