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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 06.07.2012

Leben für die Versöhnung

Ein Kölner Ehepaar engagiert sich für Holocaust-Opfer

Von Lisa von Prondzinski

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Über ihre Erinnerungen zu sprechen, ist  für die Überlebenden belastend, aber es hilft ihnen auch. (Stock.XCHNG / Dawn Allynn)
Über ihre Erinnerungen zu sprechen, ist für die Überlebenden belastend, aber es hilft ihnen auch. (Stock.XCHNG / Dawn Allynn)

Das Kölner Ehepaar Margret und Werner Müller hat seit 20 Jahren Kontakt zu Opfern des Nazi-Terrors in Osteuropa. Die beiden Rentner haben schon mehrmals polnische KZ-Häftlinge und Juden in der Ukraine besucht. Aus den Begegnungen haben sich Freundschaften entwickelt. Vor Kurzem hatten sie Gegenbesuch aus der ukrainischen Hauptstadt Kiew.

Frühstück in einer Jugendherberge in Köln.

"Wir haben schon viel gemacht."
"In Dom. Das ist eine Überraschung. Im Museum ... "

Olena Boguslavska und Inna Maidanyk leben eigentlich in der Ukraine, in Kiew. Die beiden jüdischen Frauen sind mit einer Gruppe von Holocaust-Überlebenden zu Besuch in Köln. Am Tag zuvor waren alle im NS-Dokumentationszentrum der Stadt - dem El-De-Haus, wo bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs die Zentrale der Geheimen Staatspolizei, der Gestapo, war.

Olena Boguslavska, die früher Deutschlehrerin war, sagt:

"Sehr, sehr schwer für uns."

Inna sagt etwas auf Russisch.

Inna Maidanyk hat Tränen in den Augen. Die Erinnerung an ihre eigene Geschichte kommt wieder hoch.

Olena: "Sie hat doch überlebt."

Die 79-jährige Inna Maidanyk hat heute noch Albträume. Sie überlebte als Kind das Getto Mogiljow-Podolski in der Ukraine. Margret und Werner Müller haben die Überlebenden aus Kiew in die Domstadt eingeladen. Wenn sie als Deutsche hören, was Deutsche für Verbrechen an Juden begangen haben, trifft es sie jedes Mal.

Werner Müller: "Das ist unvorstellbar, was die sich alles ausgedacht haben, wie sie die kleinen Kinder in die Luft geworfen haben, als Zielscheibe benutzt haben oder lebend in Graben geschmissen haben, an den Beinen gefasst haben, mit dem Kopf gegen die Hauswand geschlagen haben. Und das haben die alles miterlebt. Ihre Geschwister sind so umgekommen. Und sie haben es mit angesehen."

Der 76-jährige Werner Müller kennt viele Geschichten von Juden, die Lager oder Getto in der Ukraine überlebt haben. In Deutschland hat er bisher drei Bücher mit ihren Lebensgeschichten herausgegeben. Außerdem unterstützt das Ehepaar Müller finanziell die Arbeit eines ukrainischen Historikers, der weitere Lebensgeschichten sammelt und aufschreibt.

"Denn jede Geschichte ist eigentlich wichtig","

sagt Werner Müller. Er und seine Frau haben als Kinder nach dem Zweiten Weltkrieg von dem Holocaust gehört. Die 73 Jahre alte Margret Müller erinnert sich:

""In meiner eigenen Familie, sowohl mütterlicher wie väterlicherseits gab es eben auch solche und solche. Und das war in den Nachkriegsjahren bei Familienzusammenkünften immer ein heißes Thema. Die Nazizeit. Ich wundere mich manchmal selbst über mich so von meinem jungen Alter, dass ich erkannt hab', der redet sich jetzt raus."

Der Vater von Margret Müller war weder in der Partei noch im Krieg. Der Vater von Werner Müller dagegen kämpfte als Soldat bei der Wehrmacht und kam dann in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Dort haben ihn Filme über Konzentrationslager wachgerüttelt. Zu Hause hat er davon auch seinem Sohn Werner erzählt:

"Und dann war in Hagen von der britischen Militärregierung eine Ausstellung über Konzentrationslager, und da hat er mich mitgenommen, da war ich zehn Jahre alt."

Für Werner Müller war es häufig belastend, dass einer seiner Onkel bei der Gestapo, ein anderer bei der SS war, trotzdem hat er es später gewagt, diese Familiengeschichte Überlebenden zu erzählen. Und einer hat ihn sogar getröstet:

"Zegarski, ein Arzt, hat mich in den Arm genommen und gesagt: 'Du hast dir doch deine Verwandten nicht ausgesucht'."

Auch die Gäste der Müllers aus Kiew unterscheiden zwischen Tätern und Deutschen, die die Erinnerung an den Holocaust im Dritten Reich wachhalten. Iosyp Krakovskyi zum Beispiel war im Todeslager Petschora.

Wenn er in Deutschland ist, dann sieht er, dass hier vieles dafür getan werde, die junge Generation aufzuklären, sagt Iosyp Krakovskyi. Für ihn und die anderen Überlebenden ist es belastend über ihre Erinnerungen zu sprechen, aber es hilft ihnen auch.

Mehr zum Thama auf dradio.de:
Ukrainisch-polnische Traumata - Die Stadt Luzk und ihre wechselvolle Geschichte, (DKultur, Thema)
"Warum hast du überlebt?" - Die Geschichte der NS-Opfer in der Ukraine, (DLF, Hintergrund)

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