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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 19.11.2016

Lea Schneider (Hg): "Chinabox"Zwischen Melancholie und Aufsässigkeit

Von Gregor Dotzauer

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Ein Computer-Keyboard mit chinesischen Schriftzeichen. (picture alliance / dpa / dpaweb / Imaginechina)
Der Lyrikband gibt eine prägnante Einleitung in Sprache und Literaturlandschaft Chinas (picture alliance / dpa / dpaweb / Imaginechina)

Die Anthologie "Chinabox" wirft einen frischen Blick auf aktuelle Lyrik aus der Volksrepublik. Sie zeigt, wie raffiniert und anspielungsreich die Autoren an den offiziellen Sprechweisen vorbeimogeln - und ihre Aufsässigkeit in Zeilen fassen.

Was weiß man im Westen schon über das künstlerische Selbstbild Chinas? Bis vor wenigen Jahren boomte auf dem Kunstmarkt die Malerei mit Politpop und sogenanntem zynischem Realismus. Das Kino hat in Gestalt des Neorealisten Jia Zhang-ke ("A Touch of Sin") einen bedeutenden Chronisten des Modernisierungsschubs hervorgebracht. Und Erzähler wie Yu Hua ("Brüder") haben sich, oft misstrauisch beäugt vom Ein-Parteien-Regime, als Beobachter des Turbokapitalismus verdient gemacht. Aber wer würde dabei der Poesie eine entscheidende Rolle zutrauen? 

Der chinesische Künstler Ren Rong, der in Bonn und Peking lebt, posiert am Sonntag (14.2.2010) bei der Eröffnung seiner Ausstellung in der Kunsthalle Koblenz vor einem Bild mit dem Titel "Pflanzenmensch/ Mao 2007".  (picture alliance / dpa / Foto: Thomas Frey)Politpop aus China: Der Künstler Ren Rong posiert vor seinem Bild "Pflanzenmensch/Mao 2007". (picture alliance / dpa / Foto: Thomas Frey)

Ihre besondere Fähigkeit, gesellschaftliche Konflikte zu spiegeln, liegt darin, sich anspielungsreich an offiziellen Sprechweisen vorbei zu mogeln – oder im Versuch, auf wenigen Zeilen Gefühlen zwischen Melancholie und Aufsässigkeit eine Form zu geben. Mit welchem raffinierten Grad von Alltäglichkeit das möglich ist, zeigt die Anthologie "Chinabox. Neue Lyrik aus der Volksrepublik". 

Bezüge zu Paul Celan und Jehuda Amichai

Von vorne aufgeblättert, enthält sie die Gedichte von zwölf Autoren und Autorinnen der Jahrgänge 1956 bis 1980 in deutscher Sprache. Herumgedreht und auf den Kopf gestellt, präsentiert er die Originale. Gleich zu Anfang nimmt Zang Di demonstrativ Bezug auf Paul Celan und Jehuda Amichai, auf Tomas Tranströmer und Ted Hughes. Nicht nur er erhebt Anspruch auf einen Platz im internationalen Lyrikgeflecht. Die Performance Poetry des als DAAD-Stipendiat in Berlin lebenden Sound Artist Yan Jun gehört dazu nicht weniger als die mit erzählerischem Gestus munter vor sich assoziierenden Theoriegedichte des als Gegenwartsurgestein geltenden Sun Wenbo. 

Hermetische "Nebeldichtung" und Wanderarbeiterlyrik

Schon in den vergangenen Jahren gab es - neben eingeführten Namen der hermetischen "Nebeldichtung" wie Bei Dao oder Yang Lian - in Kleinverlagen Einzelbände und Anthologien in deutscher Sprache. Lea Schneider, die 1989 geborene Herausgeberin und Hauptübersetzerin der "Chinabox", steht zusammen mit ihrer Helferin, der Taiwanesin Peiyao Chang, aber sowohl durch ihre Auswahl wie die Vernetzung mit den jüngeren Protagonisten für eine neue Generation mit frischem Blick.

Die "Chinabox" hat überdies den Vorzug einer prägnanten Einleitung in Sprache und Literaturlandschaft Chinas. Sie skizziert Person und Werk aller Dichter und bietet in den Anmerkungen Verständnishilfen zu Fachbegriffen, Ortsnamen und Zitaten. Und sie stellt in Gestalt von Zheng Xiaoqiong, 1980 in der Provinz Sichuan geboren, eine Repräsentantin der Wanderarbeiterdichtung vor. Bis zu 270 Millionen der knapp 1,4 Milliarden Chinesen leben und arbeiten fern ihrer eigentlichen Heimat - und oftmals fern der eigenen Familie. Aus dieser Erfahrung ist ganz und gar keine sozialistisch-realistische Literatur der Arbeitswelt entstanden, sondern eine Lyrik, die dem Schmerz dieses erzwungenen Nomadentums bitteres Leben verleiht. 

Lea Schneider (Hg): Chinabox. Neue Lyrik aus der Volksrepublik China
Verlagshaus Frank, Berlin 2016
350 Seiten, 24,90 Euro

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