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Lesart | Beitrag vom 03.02.2018

Laurie Penny: "Bitch Doktrin"Die Welt aus einer feministischen Perspektive

Von Catherine Newmark

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Laurie Penny: "Bitch Doktrin" (dpa / picture alliance / Markus Scholz / Nautilus / Montage: Deutschlandradio)
Laurie Penny: "Bitch Doktrin" (dpa / picture alliance / Markus Scholz / Nautilus / Montage: Deutschlandradio)

"Bitch Doktrin" ist eine Sammlung von Laurie Pennys Essays, mit denen sie sich an die Spitze der jungen feministischen Stimmen schrieb. Es ist eine radikale und geisteswissenschaftlich gut informierte Kritik, leicht konsumierbar und enthusiastisch aufgeschrieben.

Es scheint nur noch eine Frage der Zeit, bis "Bitch" oder "Schlampe" als Schimpfwort nicht mehr funktionieren wird, sondern – ganz wie "schwul" oder "queer" – zur stolz getragenen Selbstbezeichnung wird. Seit 1971 in Frankreich 343 selbstbezeichnete "Salopes", also Schlampen, gegen das Abtreibungsverbot protestierten, ist die selbstbewusste Umdeutung dieser eigentlich misogynen Schmähung emblematisch für radikale feministische Kritik an einer patriarchalen Gesellschaft geworden.

Auch die Autorin und Journalistin Laurie Penny stellt ihr neustes Buch "Bitch Doktrin" unter diesen Titel. Penny ist in den letzten Jahren mit ihren unter anderem im New Statesman, in der New York Times und im Times Magazine erschienen Artikeln und Kolumnen zu einer der wichtigsten Stimmen des jungen Feminismus geworden. Der vorliegende Band, eine Kompilation eben jener Kolumnen und Artikel aus den Jahren 2014 bis 2016, zeigt aufs Schönste warum: Penny beschäftigt sich mit der Welt – vom Schlankheitswahn bis zur Trump-Wahl, von Vergewaltigung bis Lohnarbeit, von Hollywood-Filmen bis zur Kölner Silvesternacht, von Kinderkriegen bis Political Correctness – immer aus einer feministischen und linken, kapitalismuskritischen Perspektive.

Als wären alle "Arbeiter" immer weiße Männer

Penny geht jederzeit aufs Ganze, formuliert immer ganz grundlegende Kritik an den gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Verhältnissen. Aber sie ist dabei stets auch humorvoll, selbstironisch, geradezu lustvoll und leicht zu lesen. Ihrer grundstürzenden Empörung über die Welt, wie sie ist, steht immer auch eine wohltuende Entspanntheit gegenüber – und ein geradezu humanistisches Verständnis des Menschen, wie er eben auch ist.

Das Vorwort dieses Bandes hat Penny unter dem Schock der Trump-Wahl verfasst. Sie kann nichts anfangen mit der gegenwärtig grassierenden linken Selbstkritik, man habe sich eben zu sehr auf "symbolische" Anerkennungskämpfe, auf Gender, Transsexualität, Rassismus und dergleichen konzentriert und dabei die Belange der "Arbeiterklasse" außer Acht gelassen. Ganz so, als seien die Diskriminierungen von Frauen und Minderheiten nicht auch Fragen ökonomischer Machtverhältnisse, als wären "Arbeiter" nur weiße Männer.

Niemand sonst serviert solch radikale Texte so leicht lesbar

Wie kann Pennys konsequentes Zusammendenken einer Kritik an der Arbeitswelt und einer Kritik an den Geschlechterverhältnissen produktiv werden? Das wird sehr deutlich an einem Text über Prostitution: ein Thema, über das Feministinnen untereinander erbittert streiten. Ist es "Sexarbeit", also Arbeit wie jede andere, und darum okay, wie die eine Seite behauptet? Oder immer etwas extrem Unmoralisches, ein Ort, an dem die kulturelle Abwertung und Ausbeutung von Frauen ihren Höhepunkt findet, wie es die andere Seite sieht? Pennys Blick steht quer zu diesem Konflikt, weil sie anders als die "Sexarbeit"-Fraktion ohnehin keinen positiven Begriff von Arbeit hat: in einem neoliberalen System sei Arbeit immer auch Ausbeutung, und nicht, wie man uns glauben machen möchte, per se positiv und "ermächtigend". Insofern unterscheidet sich Sexarbeit möglicherweise nicht grundsätzlich von anderer Arbeit – aber das macht sie noch lange nicht okay.

Niemand serviert solch radikale und geisteswissenschaftlich gut informierte Kritik so leicht konsumierbar und enthusiastisch – und ganz ohne bedeutungsschwere Verweise auf Karl Marx, Michel Foucault, Donna Harawy oder Judith Butler – wie Laurie Penny.

Laurie Penny: Bitch Doktrin. Gender, Macht und Sehnsucht
Edition Nautilus, 2017
320 Seiten, 18,00 Euro 

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