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Samstag, 20.01.2018

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 15.10.2007

Landwirtschaftliche Pionierarbeit

David Blackbourn: "Die Eroberung der Natur", Deutsche Verlags-Anstalt 2007, 592 Seiten

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Das Oderbruch (AP)
Das Oderbruch (AP)

Der in Harvard lehrende David Blackbourn untersucht in seinem Buch "Die Eroberung der Natur" das Verhältnis der Deutschen zur Umwelt. Er beschreibt, wie und wo die Deutschen um die Gewinnung von landwirtschaftlichen Nutzflächen gerungen haben.

Die Rede ist von der Trockenlegung des Oderbruchs Mitte des 18. Jahrhunderts, der Begradigung des Oberrheins im 19. Jahrhundert und der Landgewinnung am Jadebusen zur Zeit der Reichsgründung. Des Weiteren geht Blackbourn auf die Dammbauten an der Eder und Möhne im wilhelminischen Zeitalter ein, untersucht das nationalsozialistische Projekt der Trockenlegung der Pripjetsümpfe in Weißrussland während des Zweiten Weltkriegs und widmet sich im abschließenden Kapitel der "Landschaft und Umwelt" in beiden deutschen Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg. Häufig wird in dem bereits 2006 in englischer Sprache erschienenen Buch über Menschen berichtet, die "bis zur Hüfte im Schlamm" stehen, weshalb einen beim Lesen eine gewisse Sehnsucht nach Gummistiefeln mit sehr langen Stulpen befällt. "Es geht um die langfristigen Folgen von Eingriffen in die deutschen Wasserressourcen und deren Ausbau", beschreibt Blackbourn sein Anliegen in der Einleitung, in der er seine Leser darauf vorbereitet, dass sie immer wieder Menschen begegnen, die "auf deutsche Wasserlandschaften blicken".

Das Buch ist in der guten amerikanischen Tradition geschrieben, Geschichte zu erzählen. Man darf sich also nicht an Sätzen wie diesem stören: "Jetzt betrat der Wasserbauingenieur Simon Leonhard von Harlem den Schauplatz", der sich in dem Kapitel findet, in dem Blackbourn entwickelt, wie Friedrich II. seinen Plan der Trockenlegung des Oderbruchs umgesetzt hat. Stören darf man sich auch nicht daran, dass der Verfasser sparsam mit Definitionen umgeht. Was er unter ‚Natur‘ und ‚Landschaft‘ versteht, wird weitgehend ausgespart, sieht man von folgender Begriffsklärung ab: "Die Landschaft im Titel des Buches taucht in zweierlei Gestalt auf. Es gibt die kulturelle Konstruktion durch den Beobachter, und es gibt die materielle Wirklichkeit aus Stein, Boden, Vegetation und Wasser."

Eindeutig hingegen ist Blackbourns Verwendung des Begriffs "Eroberung", der bestimmend für seine Darlegungen ist: "Nicht geändert dagegen hat sich die grundlegende Idee, dass die Natur dem Menschen ein Feind sei, den man fesseln, zähmen, unterwerfen und erobern müsse." Es besteht überhaupt kein Zweifel an der These – die Blackbourn durchgehend vertritt -, dass sich unter eben diesem Aspekt der Mensch die Natur zum Untertan gemacht hat. Daneben – so bliebe zu ergänzen – stehen allerdings die ebenso zahlreichen Beispiele, in denen sich der Mensch an der Natur als Lehrmeisterin orientiert. Er hat nicht nur mit dem Blick des Eroberers auf die Landschaft geschaut und sich gefragt, auf welchem Wege er sie am schnellsten durchqueren kann, sondern sie auch kontemplativ wahrgenommen.

Dieser Umgang mit der Natur, der von Aneignung handelt und nicht von Eroberung, wird in Blackbourns Buch weitgehend ausgespart. Deshalb sind seine Gewährsmänner in erster Linie Eroberer – Befehlshaber des Militärs und Pioniere der Technik. Im ersten Kapitel (Die Eroberung der Wildnis) ist es der Preußenkönig, der die Landschaft mit soldatischem Blick vermisst, wenn er die Sumpfödnis des Oderbruchs schaut. Unerwähnt bleibt ein Zeitgenosse Friedrichs, der fast zur selben Zeit mit dem Hochwasser der Elbe kämpft. Es handelt sich um den Fürst von Anhalt Dessau, der seinen als Landschaftsprojekt gedachten Wörlitzer Park mit Deichen vor Überflutung schützt. Seine Idee, in Wörlitz ein Gartenreich zu errichten, verdankt sich einem anderen Denkansatz – der Fürst orientiert sich nicht allein am Nützlichen, sondern auch am Naturschönen.

Deutschlands Weg in die Moderne ist nicht zu schreiben, ohne an die Pioniertaten zu erinnern, von denen Blackbourns Buch handelt. Hervorzuheben ist dabei, dass er auch immer nach dem Preis fragt, den die Errungenschaften gekostet haben. Seine Beschreibung, die einen Zeitraum von 250 Jahren umfasst, verfolgt einen Aspekt und lässt andere, wie beispielsweise das ästhetische Wohlgefallen an der Natur, unberücksichtigt. Für die Herausbildung des modernen Deutschlands aber war nicht allein der militärisch-technische Aspekt der Natureroberung bedeutend. Eine "Geschichte der deutschen Landschaft" – wie das Buch im Untertitel heißt – hätte sich durchaus auch weitergehender Fragen annehmen dürfen.

Rezensiert von Michael Opitz

David Blackbourn: Die Eroberung der Natur. Eine Geschichte der deutschen Landschaft
Aus dem Englischen von Udo Renner
Deutsche Verlags-Anstalt, München 2007
592 Seiten. 39,95 Euro

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