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Samstag, 16.12.2017

Interview | Beitrag vom 29.11.2017

Landwirtschaft in Afrika"Gentechnik bietet große Potenziale"

Matin Qaim im Gespräch mit Dieter Kassel

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Reis fließt durch die Hand eines Reisbauern im Kongo. (dpa / picture alliance / Mika Schmidt)
Die afrikanischen Kleinbauern sollten für den Markt fit gemacht werden, sagt Matin Qaim. Das heiße auch, nicht 15 Sorten auf kleinster Fläche anzubauen, sondern sich zu spezialisieren. (dpa / picture alliance / Mika Schmidt)

Statt mehr Chemie lieber intelligente Biologie und Gentechnik: Darin sieht der Agrarökonom Matin Qaim die Zukunft der afrikanischen Landwirtschaft. Den großen multinationalen Firmen dürfe das aber nicht allein überlassen werden.

Dieter Kassel: In Abidjan diskutieren ab heute Europäer und Afrikaner über die Beseitigung von Fluchtursachen durch Verbesserung der Lebensverhältnisse. In Berlin geht es gleichzeitig auf dem Global Food Summit um die Versorgung der Weltbevölkerung mit Nahrungsmitteln und in diesem Jahr auf diesem Treffen konkret auch um den Blick Afrikas auf die deutsche und europäische Nahrungsmitteldiskussion, und zu dieser Veranstaltung in Berlin wird auch Matin Qaim reisen. Er ist Professor für Agrarökonomie an der Universität Göttingen, und dort in Göttingen begrüßen wir ihn jetzt. Schönen guten Morgen, Herr Qaim!

Matin Qaim: Guten Morgen, Herr Kassel!

Kassel: Reden wir über das Bild doch mal, das Europäer und auch wir Deutschen oft haben von der Nahrungsmittelversorgung in Afrika. Wir pflegen ja da oft ein, wie ich finde, regelrecht romantisches Bild: Man denkt an Kleinbauern, die ihre eigene Familie versorgen und denen man ermöglichen sollte, dies möglichst umweltfreundlich und womöglich in Bioqualität zu tun. Ist das realistisch?

Qaim: Na ja, es ist in der Tat so, dass Kleinbauern einen Großteil der ländlichen Bevölkerung und vor allen Dingen auch der Hunger- und Armutsbevölkerung ausmachen, und deswegen gibt es teilweise die Vorstellung, dass Kleinbauern im Wesentlichen ihre eigene Nahrung produzieren sollten. Aber wir wissen aus jahrelanger Forschung, dass Kleinbauern, die am Markt verkaufen und am Markt kaufen, sehr viel besser dastehen, sehr viel weniger von Hunger und Armut betroffen sind als Subsistenzbauern. Insofern muss es schon eher darum gehen, die Kleinbauern fit für den Markt zu machen, sodass sie eben an dem Austausch und den damit verbundenen Vorteilen auch teilhaben können.

Kleinbauern fit für den Markt machen

Kassel: Wie werden Kleinbauern fit für den Markt?

Qaim: Sie müssen sich konzentrieren auf das, was sie gut können. Das heißt also, in Afrika ist es häufig so, dass Kleinbauern 12, 15 verschiedene Produkte produzieren auf ihren ganz, ganz kleinen Flächen, und das ist natürlich zu differenziert. Da können sie sich nicht auf das konzentrieren, was sie wirklich gut machen und in ausreichender Menge, um auch am Markt was zu verkaufen. Es geht also zum einen wirklich darum: Was produzieren die Bauern? Ein bisschen mehr Spezialisierung wäre gut.

Das heißt nicht, dass jeder nur ein oder zwei Crops anbaut, aber eben nicht 15. Zum anderen geht es aber um ganz simple Dinge wie Straßen. Viele Kleinbauern in ländlichen Regionen sind nicht vernünftig an Straßen angebunden und haben daher enorm hohe Kosten, um ihre Waren überhaupt an den Markt zu kriegen. Also der Bau von Straßen, von Marktinfrastruktur, Telefone, also so simple Dinge, die bei uns selbstverständlich sind, aber leider im ländlichen Afrika bei Weitem nicht.

Professor Matin Qaim, Agrarökonom an der Universität Göttingen (Universität Göttingen)Professor Matin Qaim, Agrarökonom an der Universität Göttingen (Universität Göttingen)

Kassel: Aber wäre da nicht auch mittelfristig das Ziel für die vielleicht noch etwas größeren Kleinbauern ihre Produkte, sagen wir mal, nicht nur im nächsten Dorf zu verkaufen, sondern auch in der nächstgrößeren Stadt oder sogar der Hauptstadt des Landes? Das heißt, ist es nicht auch eine Frage der Logistik?

Qaim: Ja, unbedingt. Es ist eine Frage der Logistik, und wir sehen in ganz vielen verschiedenen Ländern, wo wir selber auch Studien gemacht haben, dass Bauern, die in der Lage sind, durch verbesserte Straßeninfrastruktur, durch verbesserte Transportmöglichkeiten, ihr Einkommen zu steigern und wirklich der Armut zu entkommen.

Ein interessantes Beispiel, was positiv übrigens zur Entwicklung beiträgt, sind die Mobiltelefone. Wir haben ja in Afrika eine Mobilfonabdeckung inzwischen, die größer ist als in Europa, und das liegt daran, dass die Bauern wirklich niemals Telefonleitungen hatten und jetzt diesen Sprung in die Mobiltelefone machen, die besseren Zugang zu Informationen, zu Märkten, Koordination mit Händlern und sowas, also ganz, ganz interessante Entwicklungen, die wir da beobachten.

Kassel: Aber auch die Mobiltelefone und alles nützt natürlich nichts, wenn die Bauern dann ankommen in der großen Stadt und feststellen, dass da genau das, was sie selber anbieten wollen, schon verkauft wird zu unschlagbaren Preisen von Produzenten, die das Ganze Abertausende von Kilometern weit weg angebaut haben. Wie geht man damit um?

Industrielle Landwirtschaft überspringen? 

Qaim: Also ich meine, je besser die Märkte funktionieren und je stärker sie integriert sind, desto weniger groß sind die Preisschwankungen, und ich meine, das, was wirklich schwierig für die Bauern ist, sind die großen saisonalen Preisschwankungen, die auch nicht immer gut berechenbar sind. Das heißt also, besser funktionierende Märkte werden tendenziell diese Preisschwankungen reduzieren und insofern das Leben dann auch leichter machen für die Landwirte.

Kassel: Sie haben ja gerade schon erwähnt, dass, was Kommunikation angeht, weite Teile Afrikas quasi die Festnetzphase, die wir beide noch gut kennen, komplett übersprungen haben und uns jetzt überholt haben, was die Nutzung der Mobiltelefonie angeht. Wird denn Afrika die Phase der industriellen Landwirtschaft, von der sich ja weite Teile Europas am liebsten jetzt wieder verabschieden wollen, überspringen können oder ist das nötig?

Qaim: Ich nehme mal an, industrielle Landwirtschaft, da verstehen die meisten darunter, dass viel Chemie eingesetzt wird, und das ist in Afrika ja noch nicht der Fall, und ich hoffe auch nicht, dass wir die Phase durchlaufen, dass Afrika wirklich, wie wir es in China beobachten, schrittweise massiv Chemie einsetzt. Ein bisschen mehr Chemie würde nicht schaden.

Aber ansonsten bietet die Biotechnologie große Möglichkeiten, vielleicht tatsächlich diese Phase der industriellen Landwirtschaft zu überspringen, statt mehr Chemie intelligente Biologie und Genetik einzusetzen, um Pflanzen zu züchten, die mit weniger Stickstoffdünger, mit weniger Pflanzenschutzmitteln und dergleichen auskommen.

Kassel: Sie formulieren das recht vorsichtig. Das erinnert mich an einen Satz, den ich in letzter Zeit öfter mal gehört habe, der lautet so sinngemäß: Europäer können es sich leisten, gentechnisch veränderte Lebensmittel abzulehnen, Menschen auf anderen Kontinenten nicht. Das ist ungefähr das, was Sie gerade meinten, oder?

Widerstandsfähige Pflanzen gegen Klimastress

Qaim: Ja, das ist das, was ich meine. Also es geht gar nicht darum, dass die Gentechnik letztlich irgendwie der Schlüssel zur Lösung aller Probleme wäre, aber Gentechnik und auch andere, also diese Genomchirurgie oder Genome Editing, wie man es gerne bezeichnet, das bietet schon große Potenziale, tatsächlich Pflanzen hervorzubringen, die widerstandsfähiger sind, auch gegen zunehmenden Klimastress, also im Zuge des Klimawandels. Ich meine, wir hier haben genug, und wir können uns den Luxus erlauben, eben auch Dinge, die uns nicht in den Kram passen, abzulehnen.

Aber die Wissenschaft zeigt, dass die Risiken zu managen sind, die diese Technologien mitbringen und viel, viel weniger groß als das häufig angenommen wird und die Potenziale gerade für Afrika doch stark sind, aber wir dürfen es nicht alleine den großen multinationalen Firmen überlassen. Wir brauchen natürlich da auch viel öffentliche Forschung, weil ansonsten wird es nicht unbedingt das sein, was die Kleinbauern benötigen.

Kassel: Aber wie wollen Sie das verhindern? Wir haben es ja in Indien und anderswo gesehen, dass zum Beispiel gentechnisch verändertes Saatgut eben nur von ein, zwei Herstellern angeboten wird, die extreme Bedingungen an den Verkauf knüpfen. Wie wollen Sie verhindern, dass das in Afrika passiert, wenn man sich überhaupt auf solche Möglichkeiten verlässt?

Qaim: Indien ist ein interessantes Beispiel. In Indien ist es inzwischen so, dass sie fast 50 verschiedene Unternehmen haben, mittelständische und kleine Saatgutunternehmen, die gentechnisch veränderte Baumwolle am Markt verkaufen. Es ist also nicht alleine Monsanto, und das ist auch wichtig. Dieser Wettbewerb ist wichtig.

Was wir in Afrika sicherlich nicht brauchen, ist ganz, ganz starke Patente, also da warne ich vor. Das wäre keine gute Entwicklung. Wir müssen kleinen, mittelständischen Unternehmen die Möglichkeit geben, aber vor allen Dingen auch öffentliche Forschung. Also wir werden nicht umhin kommen, öffentliche Agrarforschung zu fördern, damit das, was im Kleinbauernsektor benötigt wird, auch tatsächlich entwickelt wird und dann auch von den Preisen her zugänglich für diese Bauern ist.

Kassel: Matin Qaim, Professor für Agrarökonomie an der Universität Göttingen, über die Nahrungsmittelversorgung in Afrika jetzt und in Zukunft und das teilweise wohl nötige Umdenken von uns Europäern, was diese Dinge angeht. Professor Qaim, danke für das Gespräch!

Qaim: Ja, sehr gerne!

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