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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 11.07.2010

Längst überfällige Überprüfung

Die EU will Zusatzstoffe für Lebensmittel neu bewerten

Von Udo Pollmer

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Je mehr Fertigprodukte man isst, desto mehr Zusatzstoffe nimmt man auf. (AP)
Je mehr Fertigprodukte man isst, desto mehr Zusatzstoffe nimmt man auf. (AP)

Vor wenigen Wochen trat eine neue EU-Verordnung zur Sicherheit von Zusatzstoffen in Kraft. Per Rechtsakt sollen zahlreiche Substanzen wie Konservierungsmittel, Farbstoffe, Emulgatoren oder Süßstoffe erneut toxikologisch bewertet werden.

Die Entscheidung der EU, die Zusatzstoffe für unsere Lebensmittel neu zu bewerten, war längst überfällig. Denn viele Bewertungen sind uralt. Sie stammen noch von einem Gremium der Weltgesundheitsorganisation. Nun soll die EFSA, die Lebensmittelbehörde der EU, die Daten neu auswerten.

Die meisten Stoffe in Speis und Trank werden schon seit einem halben Jahrhundert und länger zugesetzt. Mäuseversuche aus jener Zeit werfen mehr Fragen auf, als dass sie Antworten geben. Von einer systematischen Prüfung kann keine Rede sein.

Wer bisher glaubte, unsere Zusatzstoffe seien mehrheitlich vor der Zulassung aufwendig an Tieren getestet worden, um dann anhand der empfindlichsten Tierart und unter Anwendung von Sicherheitsfaktoren die Grenzwerte festzulegen, der ist der amtlichen Verbraucherschutzlyrik zum Opfer gefallen.

Der Grenzwert, die "duldbare tägliche Aufnahme", orientiert sich logischerweise an dem, was für den jeweiligen Einsatzzweck nötig ist. Wie viel der Kunde davon wiederum verspeist, hängt ja nicht nur davon ab, wie viel zugesetzt werden darf, sondern auch davon, ob er selbst kocht oder diese Aufgabe der Industrie überlässt.

Je mehr Fertigprodukte, desto mehr Zusatzstoffe nehmen wir auf. Und wenn die sogenannte duldbare tägliche Aufnahme bei einem Stoff überschritten wird, dann werden einfach ein paar Zusätze mehr zugelassen und schon verteilt sich die Zufuhr auf mehr Stoffe. Rein statistisch – versteht sich. So geschehen bei den Süßstoffen, genau deshalb gibt es da immer mehr.

Was von den bisherigen Studien zu halten ist, weiß die EU-Kommission nur zu gut. Nämlich herzlich wenig. Um 1990 ließ sie überprüfen, was die toxikologischen Labors so taugen. Dazu gab es einen sogenannten Ringversuch. Dabei bekommen die Labors eine Probe einer unbekannten Substanz, die sie dann an Tieren testen. Die Ergebnisse der Ringversuche waren schlicht verheerend. Die allermeisten Schäden wurden erst gar nicht erkannt. Und das obwohl sich die Experten – weil sie selbst auf dem Prüfstand standen – besonders angestrengt hatten. Nicht gerade sehr vertrauenswürdig.

Wie mau die Datenlage tatsächlich ist, zeigt ein Aufruf der Vereinigung der Lebensmitteltechnologen in den USA. Darin bat sie verzweifelt um gesundheitliche Daten für wichtige Zusatzstoffe. Die würden dringend gebraucht, um die Stoffe im internationalen Handel mit Lebensmitteln weiterhin benutzen zu können. Das fordert nämlich eine weitere Organisation, diesmal der sogenannte Codex Alimentarius. Der nämlich legt die Regeln für den Welthandel mit Lebensmitteln fest.

Es gibt also gute Gründe, unsere Zusatzstoffe erneut auf den Prüfstand zu stellen. Die EU nimmt sich dafür auch Zeit. Viel Zeit. Insgesamt bis zu zehn Jahre. Doch warum dauert das alles so lange? Offensichtlich soll der Lebensmittelwirtschaft genug Zeit eingeräumt werden, nachträglich noch jene Daten zu fabrizieren, die man benötigt, um das Gesicht zu wahren. Da die Studien aber nicht von neutralen Sachverständigen stammen, sondern von den Firmen, ist auch in Zukunft Skepsis angesagt.

Insgesamt sind die Vorgaben der EU auch bei kritischer Wertung ein Fortschritt gegenüber dem deutschen Zusatzstoffrecht. Denken Sie nur an die Enzyme. Bei uns waren diese heimlichen Helferchen allesamt ohne gesundheitliche Prüfung zugelassen. Es war nicht mal rauszukriegen, was denn da alles ins Essen kam. Diese Geheimniskrämerei hat die EU beendet.

Seither wissen wir, dass für Lebensmittel satte 210 unterschiedliche Enzyme eingesetzt werden. Die meisten davon stammen aus gentechnisch veränderten Mikroben. Zumindest eine Handvoll Enzyme wird noch aus echten tierischen Drüsen gewonnen. Ja, es gibt sie noch, die natürlichen Zusätze! Aber wo man diese einsetzt, darüber werden sich die Etiketten auch in Zukunft ausschweigen. Der Lobby sei dank. Mahlzeit!

Literatur:
Verordnung (EU) Nr. 257/2010 der Kommission vom 25. März 2010 zur Aufstellung eines Programms zur Neubewertung zugelassener Lebensmittelzusatzstoffe gemäß der Verordnung (EG) 1333/2008 des Europäischen Parlaments und des Rates über Lebensmittelzusatzstoffe. Amtsblatt der Europäischen Union com 26.3.2010 L80/19

Gürtler, R.: Sicherheit von Lebensmittelzusatzstoffen aus nationaler und EU-Sicht. Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz 2010; 53: 554-560

Jany, KD et al: Die neuen Enzymregelungen der EU. Deutsche Lebensmittel Rundschau 2009; 105: 228-235

Fahti, M., Lingk, W.: Zur Problematik akuter Toxicitätsuntersuchungen. Bundesgesundheitsblatt 1989; 32: 333-335

Ebert, AG, Newsome, R.: Data on food additives desperately needed. Food Technology 2002; Jan: 100

Pollmer, U., Niehaus, M.: Food-Design: Panschen erlaubt. Hirzel, Stuttgart 2007

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