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Lesart / Archiv | Beitrag vom 08.10.2015

"Kurze Geschichte der Gegenwart"Lehrbuch für die Ungewissheiten von heute

Von Jörg Himmelreich

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Christian Schneider, Produktionstechnologe in Ausbildung, arbeitet am 19.08.2015 im Stammwerk von Trumpf in Ditzingen (Baden-Württemberg) an einem Laserresonator. (picture-alliance / dpa / Wolfram Kastl)
Industrie 4.0: Die Digitalisierung dringt in alle Bereich ein, wie hier bei Trumpf, einem Hochtechnologieunternehmen in Süddeutschland (picture-alliance / dpa / Wolfram Kastl)

Digitalisierung, Gleichstellung oder Klimawandel: Der Historiker Andreas Rödder nimmt seine Leser mit auf einen Crashkurs durch die Probleme der Gegenwart. Tollkühn wagt er dabei auch einen Blick in die Zukunft. Ein gut geschrieben und gründlich recherchiertes Buch.

In seinem Buch "21.0 – Eine kurze Geschichte der Gegenwart" begibt sich der Mainzer Historiker Andreas Rödder auf ein wissenschaftliches Himmelfahrtskommando. Er versucht nicht nur die Gegenwart historisch zu erklären, sondern wagt damit sogar wie durch eine magische Glaskugel einen Blick in die Zukunft des 21. Jahrhunderts. Das ist für einen Historiker geradezu tollkühn. Aber hier hilft dieses Wagnis, die so unlesbare Gegenwart lesbarer zu machen. Auf Max Webers Spuren schärft die solide zeithistorische Analyse der Bereiche von Staat und Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur das Bewusstsein für die Vorläufigkeit aller historischen und wissenschaftlichen Deutung und aktueller Erkenntnis überhaupt.

Dieser Vorläufigkeit tritt Rödder mit bemerkenswerter Gründlichkeit und der ganzen Fülle eines bereits erarbeiteten Diskussions- und Erkenntnisstands der ganzen Breite der Gegenwartswissenschaften gegenüber, - von der Soziologie und der Sozialphilosophie und -psychologie über die Wirtschafts- und Staatswissenschaft bis hin zur Politik- und Kommunikationswissenschaften. Was ist nach 1990 aus der Freiheit des Westens geworden? Wie haben sich Digitalisierung und Globalisierung auf das Denken und die politische Kultur ausgewirkt? Bedroht der Kapitalismus die Demokratie? Ist Deutschland zu groß für Europa? Das sind die Fragen, die der Autor zu beantworten versucht, indem er aus seiner Analyse der Gegenwart "mit einem kräftigen Schuss "Common Sense'" Entwicklungsmuster von "langfristiger Signifikanz" destilliert.

Differenzierte und abgewogene Antworten auf Gegenwartsfragen

Die digitale Revolution, der Klimawandel, die globale Wirtschaftsentwicklung, die deutsche und europäische Sozialkultur, die Migration, das Verhältnis von Mann und Frau und die Familie – um nur die wichtigsten Themen zu nennen - werden daraufhin untersucht: Was ist daran tatsächlich neu und was entwickelt sich nach historisch durchaus bekannten Mustern? Rödders höchst differenzierten und abgewogenen Antworten auf diese Gegenwartsfragen zeichnen eine überzeugende Balance aus zwischen einer historisch-nonchalanten Lesart des "Das ist ja alles schon einmal da gewesen" und der alarmistischen Lesart, zu der Gegenwartswissenschaften oft neigen: "Das sei noch nie dagewesen, einmalig neu und ein radikaler Bruch mit der Vergangenheit".

"Es ist wahrscheinlich, dass das Unwahrscheinliche geschieht"

Die Digitalisierung zum Beispiel revolutioniere die Kommunikation wie Gutenbergs Buchdruck vor 500 Jahren, sei also ein durchaus historisch bekanntes Phänomen. Sie verändere aber – und das ist das Novum – die ganze Denkweise des Menschen, der sich die Welt immer weniger durch ein herkömmliches logisch-hierarchisches und lineares Denken aneigne, sondern durch ein neues, flächig vernetztes Denken und Informieren.

"Die Gegenwart hat ein stupendes Expertenwissen über alles hervorgebracht und zumeist auch über das jeweilige Gegenteil. Wir wissen so viel wie nie zuvor – und verstehen die Welt dennoch nicht", so Rödder. Am Ende ist seine Gegenwartsgeschichte daher auch ein Lehrbuch mit den Ungewissheiten von heute umzugehen. Nach der historischen Erfahrung wird die Zukunft in doppeltem Sinne anders sein: anders als die Gegenwart und anders als gedacht. "Es ist wahrscheinlich, dass das Unwahrscheinliche geschieht", wusste schon Aristoteles. "Nur wer offen dafür ist, dass alles auch ganz anders sein mag als gedacht, kann die Chance des Unvorhergesehen nutzen", das ist die ermutigende Schlusssentenz dieser gut geschriebenen, gründlich recherchierten und geradezu furiosen "kurzen Geschichte der Gegenwart."

Andreas Rödder: 21.0 - Eine kurze Geschichte der Gegenwart
C.H. Beck, München 2015
400 Seiten, 24,95 EUR

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