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Lesart / Archiv | Beitrag vom 11.08.2013

Kurz und kritisch

Wolfgang Wippermann: "Fundamentalismus", Wolfgang Korn: "Mesopotamien", Alfred Schlicht: "Geschichte der arabischen Welt"

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Muslimische Männer beim Gebet in einer Moschee in Berlin (picture alliance / dpa - Karl Mittenzwei)
Muslimische Männer beim Gebet in einer Moschee in Berlin (picture alliance / dpa - Karl Mittenzwei)

Auch die drei folgenden Neuvorstellungen wollen ein differenziertes Bild von Gefahren und Chancen rund um den religiösen und politischen Islam aufzuzeigen. Ein ehrenwerter Versuch, der dem eigenen Anspruch allerdings nicht immer gerecht wird.

Er schreibt über "Fundamentalismus", über radikale religiöse Strömungen. Und um nicht einseitig zu sein, blickt Wolfgang Wippermann dabei auf alle Weltreligionen: Christentum, Islam, Judentum, Hinduismus und Buddhismus.

Cover: W. Wippermann, "Fundamentalismus" (Lesart) (Promo)Cover: W. Wippermann, "Fundamentalismus" (Lesart) (Promo)Üblicherweise gilt als Fundamentalist, wer die jeweiligen heiligen Schriften wörtlich versteht. Für den Berliner Geschichtsprofessor zeigt sich Religion jedoch erst dann als fundamentalistisch, wenn sie zur Ideologie wird, die ihre Ziele politisch durchsetzen will. Löblich ist dabei, wie er Fundamentalismus von Extremismus und Terrorismus unterscheidet – was gerade beim Islam allzu oft unterbleibt.

Leider erweist sich sein Wissensstand ausgerechnet bei diesem Thema als recht dünn. Wenig kennt er sich in der Koranexegese aus und verwendet falsche Terminologie.

Die Scharia, das islamische Recht, erklärt er prinzipiell zur Ideologie – in der Lesart von Strenggläubigen ist das der Fall. Die Scharia ist jedoch in Wirklichkeit ein komplexes und flexibles Rechtssystem, das fundamentalistische Auslegungen genauso ermöglicht wie liberale.

So bleibt als Fazit: ein guter Ansatz, aber nur mäßig umgesetzt.

Wolfgang Wippermann: Fundamentalismus, Herder Verlag Freiburg, 176 Seiten, 16,99 Euro, auch als ebook erhältlich


Um islamischen Fundamentalismus geht es in einem Bildband, in dem man ihn gar nicht erwartet: Wolfgang Korn erzählt die Geschichte von "Mesopotamien", dem Land zwischen den beiden Strömen Euphrat und Tigris. In der Region entwickelten die Sumerer einst die ersten Hoch- und Stadtkulturen.

Cover: W. Korn "Mesopotamien" (Lesart) (Promo)Cover: W. Korn "Mesopotamien" (Lesart) (Promo)Der Journalist spannt den Bogen von den ersten sesshaften Menschen im Jahr 10.000 vor Christus bis zu den Bewohner des heutigen Irak. Beeindruckend sind die vielen imposanten Fotos. Sie geben einen Eindruck davon, wie vielfältig und reich die Kultur des Landes ist. Es hat viel mehr zu bieten als Öl und Gewalt.

Leider schwächelt Korn bei der Analyse der aktuellen Lage. Da spricht er in einem Schwarz-Weiß-Bild davon, dass sich islamische Welt und christlicher Westen unversöhnlich gegenüber stünden – auch er glaubt an den Mythos vom "Kampf der Kulturen".

Überhaupt dient ihm die Religion als wichtigstes Erklärungsraster. Doch da macht er es sich zu einfach. Zugrunde gerichtet hat das Land und seine Gesellschaft vor allem einer: Der Diktator Saddam Hussein in mehr als 30 Jahren blutiger Herrschaft. Und der hatte mit Religion wenig am Hut.

Wolfgang Korn: Mesopotamien, Konrad Theiss Verlag Stuttgart, 176 Seiten, 39,95 Euro


Man braucht Mut, um eine Geschichte der arabischen Welt zu schreiben – schon allein, weil die Region groß und heterogen ist. Alfred Schlicht hat den Versuch gewagt. Er misst sich mit den Großen der Nahosthistorikerzunft. Zuletzt hatte Oxford-Professor Eugene Rogan mit dem Wälzer "Die Araber" ein neues Standardwerk vorgelegt.

Cover: A. Schlicht "Geschichte der arabischen Welt" (Lesart) (Promo)Cover: A. Schlicht "Geschichte der arabischen Welt" (Lesart) (Promo)Der Diplomat beginnt im vorislamischen Arabien und führt den Leser bis zum Aufstand gegen die Diktatoren. Er interessiert sich vor allem für Kriege und Machtwechsel, wobei er sich gerne verliert in den vielen wechselnden Herrscherdynastien. Wenig erfährt man über gesellschaftliche Entwicklungen, kaum etwas über Kultur und Ideengeschichte.

Der größte Schwachpunkt ist jedoch, dass er die arabische Geschichte vor allem aus europäischer Sicht erzählt. Die moderne Geschichtsschreibung hat längst eine globale Perspektive eingenommen. Wenig kümmert er sich um die Beziehungen der Araber zu ihren Nachbarn im Osten – dabei wurde Bagdad 1258 von den Mongolen zerstört.

Auch zum wichtigen 20. Jahrhundert hat er wenig zu sagen. So steht das Buch im Schatten der großen Konkurrenz.

Alfred Schlicht: Geschichte der arabischen Welt, Philipp Reclam jun. Verlag Ditzingen, 400 Seiten, 22,95 Euro

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