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Freitag, 24.11.2017

Lesart / Archiv | Beitrag vom 16.11.2008

Kurz und kritisch

Stephan Harbort: "Begegnung mit dem Serienmörder"; Ursula Rogg: "Nord Neukölln"; Hans J. Markowitsch / Werner Siefer: "Tatort Gehirn"

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Ursula Rogg setzt sich mit dem Schulalltag in Neukölln auseinander (hier ein Polizist vor der Rütli-Schule) (AP)
Ursula Rogg setzt sich mit dem Schulalltag in Neukölln auseinander (hier ein Polizist vor der Rütli-Schule) (AP)

"Begegnung mit dem Serienmörder" zeigt seitenweise grausig blutige Details in schlichter Prosa. In "Nord Neukölln" geht es um den Schulalltag in einem Berliner Problembezirk. "Tatort Gehirn" dreht sich um den Ursprung des Verbrechens.

Stephan Harbort: Begegnung mit dem Serienmörder - Jetzt sprechen die Opfer
Droste Verlag, Düsseldorf

Cover: "Stephan Harbort: Begegnung mit dem Serienmörder" (Droste Verlag)Cover: "Stephan Harbort: Begegnung mit dem Serienmörder" (Droste Verlag)Wir leben in gefährlichen Zeiten. Die Serienmörder sind unter uns und Stephan Harbort, ein Autor aus der Kategorie der Fernsehexperten, zeigt sie uns und zielt dabei mit seinem Buch auf die Gänsehaut seiner Leserschaft. Allein der wunderbare Titel "Begegnung mit dem Serienmörder. Jetzt sprechen die Opfer" weckt die Neugier. Kommuniziert hier der Autor mit dem Jenseits? Nein.

Er interviewt sozusagen die misslungenen Fälle, also jene, die den Mördern gerade noch mal entkamen oder die Angriffe überlebten. Gelegentlich kommen in dem Buch auch die Täter zu Wort, mit denen der Autor korrespondierte. Seitenweise grausig blutige Details in schlichter Prosa verdichten sich zu einer Eloge an die Opfer. Damit passt dieses Buch in die Zeit, die das Opfer wieder entdeckt und den Täter zum Monster stilisiert. Dabei wissen wir doch spätestens seit Virginia Wolf: In jedem von uns steckt das Böse, nur bei manchen kommt es hervor, bei anderen bleibt es im Reich der Phantasie. Wollen wir hoffen, dass die Lektüre nicht bei dem einen oder anderen dazu führt, die Morde zu begehen, von denen er immer schon geträumt hat.


Ursula Rogg:
Nord Neukölln - Frontbericht aus dem Klassenzimmer

Diederichs Verlag, München

Cover: "Ursula Rogg: Nord Neukölln" (Diederichs Verlag)Cover: "Ursula Rogg: Nord Neukölln" (Diederichs Verlag)Wer wissen will, wo der Nachwuchs der Diebe und Mörder heranwächst, dem sei Ursula Roggs Erlebnisbericht aus dem Schulalltag in dem Berliner Stadtteil Nord Neukölln empfohlen. Der Untertitel ist Programm "Frontbericht aus dem Klassenzimmer". Hier spricht die zartbesaitete Künstlerin, die es als Kunsterzieherin an ein Gymnasium mit hohem Ausländeranteil verschlagen hat.

Man erfährt alles, was man sich schon immer über den miserablen Zustand unseres Bildungssystems gedacht hat, einschließlich der üblichen bildungspolitischen Diagnosen. All das gefiltert durch die Brille einer Frau, die mit Engagement in die Höhle des Löwen springt, um dort dann an dem Zynismus des Lehrkörpers und der mangelnden Motivation der Schüler zu scheitern.

Wen wundert’s, dass all die armen Migrantenkinder auf die schiefe Bahn geraten - und wenn sie Pech haben, landen sie in der nächsten Ausgabe von Stephan Harborts Vademecum für das Mordopfer. Fazit: Gut 220 Seiten Betroffenheit aus dem real existierenden Alltag eines Berliner Gymnasiums, nebst ausführlicher Schilderung der sich daraus entwickelnden Befindlichkeit im Herzen der Autorin bietet das Buch.


Hans J. Markowitsch, Werner Siefer:
Tatort Gehirn - Auf der Suche nach dem Ursprung des Verbrechens

Campus Verlag, Frankfurt am Main

Cover: "Markowitsch / Siefer: Tatort Gehirn" (Campus Verlag)Cover: "Markowitsch / Siefer: Tatort Gehirn" (Campus Verlag)Nach all den aufregenden und schauerlichen Zugängen noch ein Beitrag der Wissenschaft zum Bösen. Hans J. Markowitsch, Professor für Physiologische Psychologe in Bielefeld kündigt in seinem Buch "Tatort Gehirn" die Suche nach dem Ursprung des Verbrechens an. Stilistisch zur Hand gegangen ist ihm dabei der Journalist Werner Siefer. Wie viele seiner Kollegen aus der Zunft der Neurowissenschaftler schaut auch Markowitsch mit der neuesten Technik der sogenannten bildgebenden Verfahren angestrengt ins Hirn der Bösewichter – leider nur mit mäßigem Erfolg. Mal leuchtet es hier, mal dort, aber nichts Genaues weiß man nicht und weitere Forschungen sind dringend notwendig.

Wenn hier nur einer versuchte, mit überzogenen Versprechen weitere Forschungsmittel locker zu machen, so wäre das vielleicht noch zu vertreten. Problematisch aber ist die großsprecherische Ankündigung im Klappentext bald könne man den Täter schon vor der Tat durch einen neurowissenschaftlichen Blick ins Gehirn identifizieren und präventiv unschädlich machen. Der einzige Vorteil dieser Methode wäre, sie würde uns weitere Bücher über Serienmörder und vielleicht sogar über Schulen als Horte der Gewalt ersparen, wenn sich die Neuropädagogik durchsetzt. Ansonsten aber bewahre uns der Rechtsstaat vor diesen Verhältnissen, dafür werden wir auch weiterhin kurz und kritisch Bücher über das real existierende Verbrechen vorstellen.


Lektüretipp von Peter Merseburger, Publizist: Karl Schlögel: "Terror und Traum - Moskau 1937", Hanser Verlag, München 2008

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