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Kompressor | Beitrag vom 21.07.2014

Kunstprojekt "Leaving Dessau"Sachsen Anhalt ist tot - nichts wie raus!

Zwei Künstler halten ihre Heimat für nicht mehr lebenswert, denn die Kulturszene verdorrt

Von Vanja Budde

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Das Anhaltische Theater Dessau ist in Dessau-Roßlau, Aufnahme von 2014 (picture alliance / ZB)
Das Anhaltische Theater Dessau (picture alliance / ZB)

Sachsen-Anhalt spart massiv - und das vor allem beim Kulturetat. Das Land ist kaum noch lebenswert, finden Martin Berger und Tim Sandweg. Siesetzen sich für die Entvölkerung des Landes Sachsen-Anhalt ein und suchen Kandidaten für "Leaving Dessau".

Martin G. Berger und Tim Sandweg auf der Suche nach Kandidaten für "Leaving Dessau". Es ist kochheiß an diesem Samstag im Tierpark von Dessau, über 30 Grad. Hirsche liegen matt im Schatten, der Waschbär kühlt seinen Pelz im Teich, doch die beiden sind unermüdlich. Sandweg, Dramaturg am Puppentheater Magdeburg, hält die Videokamera ans Auge, Berger eilt auf eine mögliche Kandidatin zu.

Berger: "Guten Tag! Wir sind vom Anhaltischen Theater, dürfen wir Sie ganz kurz stören? Und zwar, schaun Sie mal: Wir machen eine Spielshow, die heißt Leaving Dessau, und da geht es darum, aus Dessau raus zu kommen. Es gab jetzt ja so Kürzungsbestrebungen. Es sollten eine ganze Menge Millionen gestrichen werden und das Anhaltische Theater stand kurz vorm Aus, also es stand in der Diskussion, dass es zum 1.1. bereits schließt. Wäre das für Sie ein Grund zu sagen, hier möchte ich nicht mehr sein?"

Frau: "Ich würde es schade finden, aber wegziehen würd ich deswegen nicht."

Berger und Sandweg haben auch schon in Magdeburg Ausreisewillige gesucht und ihre Mühen in einem Video fest gehalten, das bei der Spielshow im September gezeigt werden soll.

Auf der Facebook-Seite der "Initiative Pro Holzweg" ist schon heute zu besichtigen, dass es mit der Ironie oft nicht so einfach ist. Doch die üblichen Protestwege waren ihnen zu langweilig, sagt Regisseur und Autor Martin G. Berger:

"Und haben uns dann eben entschlossen zu sagen, wenn sowieso alles raus geht, denn das ist ja der Plan der Landesregierung, das ist ja ganz klar zu erkennen, wenn man alles kürzt, verringert man die Lebensqualität derart, dass sowieso keiner mehr Lust hat, hier zu leben. Und da haben wir gedacht, auf den Zug springen wir trittbrettfahrermäßig auf und sagen: Dann alle raus, dann hier wirklich Natur, was Nachhaltiges, was Schönes, wo die Bienchen summen und die Schmetterlinge fliegen. Und nicht mehr diese ganze Geschrei, was auf deutschen Bühnen heutzutage so viel passiert, das hört man dann Gott sei Dank nicht mehr."

Ziel der Renaturierung

Heute sind Berger und Sandweg im Tierpark Dessau unterwegs, weil man hier nur die Zäune einreißen müsste, um dem Ziel der Renaturierung Sachsen-Anhalts einen großen Schritt näher zu kommen. Doch es stellt sich doch auch die Frage, wo die Ausreisewilligen hin sollen? In den fernen Westen etwa?

"Um Gottes Willen! Waren Sie schon mal in Nordrhein-Westfalen? Es ist grauenhaft! Ich habe zwei Jahre in Dortmund gelebt, vielen Dank, da muss man nicht unbedingt hin."

Sandweg wirft ein: "Mecklenburg-Vorpommern hat ja viel Platz."

Berger: "Zum Beispiel. Auch Brandenburg. Wir reden immer vom goldenen Rest-Deutschland. Es hat nichts mit Osten und Westen zu tun. Leipzig ist eine super Stadt, Dresden ist eine super Stadt. Es ist uns einfach unbegreiflich,  warum jetzt ausgerechnet in Sachsen Anhalt alle noch dableiben müssen."

Und hier im Tierpark stehen die Chancen gut, auf willige Kandidaten zu treffen, der Natur nahe stehen.

Berger: "Und zwar geht es darum, dass wir das gesamte Sachsen-Anhalt in einen Naturpark verwandeln möchten und möchten, dass alle Menschen raus gehen. Finden Sie das gut."

Frau:  "Ja. Warum?"

Frau: "Was ist denn am Draußen sein nicht schön?"

Berger: "Aber würden Sie ausreisen, würden Sie Kandidatin unserer Show werden? Es gibt zu gewinnen immerhin eine Fahrkarte - raus aus Sachsen-Anhalt."

Aber obwohl dem Gewinner von "Leaving Deassau" eine Green Card für München, Heidelberg oder Hamburg winkt: Auch diese Familie zögert, das Land zu verlassen.

Erwachsene: "Weil wir hier zu Hause sind, das ist unsere Heimat, wir haben alle Arbeit."

Kleines Mädchen: "Genau!! Sonst kann ich mich nicht um meine Katzen kümmern!"

Erschöpft rasten Berger und Sandweg im Schatten der Bäume. Kultur ist eben nicht alles, das müssen die beiden Theatermacher bei ihrer satirischen Protestaktion immer wieder fest stellen.

Tim Sandweg: "Heimat ist ein ganz großes Thema. Man ist hier aufgewachsen und fühlt sich dem hier verbunden. Sieht allerdings auch - das ist diese Diskrepanz in der viele Menschen leben -  man sieht, dass Dinge weg brechen. Arbeitslosigkeit ist immer noch ein ganz großes Thema, wenn man mit vielen Dessauern spricht, auch für Studierende hier in der Stadt ein ganz großes Thema, warum die zum Beispiel von sich aus nicht bleiben. Das Lebensumfeld ist ein großes Thema, gerade in ländlichen Regionen, wo Krankenversorgung ein Riesenproblem ist und wo es bald keine Polizei mehr gibt. Aber trotzdem, dieser Heimatfaktor, den darf man nicht unterschätzen, weil viele Menschen sich hier sehr heimatlich fühlen."

Künstler stellen sich die Existenzfrage

Den Künstlern geht das anders, meint Tim Sandweg. Die stellen sich angesichts der Kulturpolitik der Landesregierung tatsächlich die Existenzfrage.

"Das merke ich schon bei Kollegen: Wie ernst fühlt man sich denn da eigentlich noch genommen? Und wie gewollt fühlt man sich denn hier eigentlich noch? Warum muss ich denn in Sachsen-Anhalt Theater machen, warum gehe ich dann nicht woanders hin?"

Für sich selbst hat Tim Sandweg diese Frage beantwortet: Er übernimmt zum 1. Januar 2015 die Künstlerische Leitung der Schaubude Berlin.

Sandweg: "Ich ziehe weg, ich gehe mit gutem Beispiel voran, ich kehre dem Land Sachsen-Anhalt den Rücken, und ich möchte, dass Sie mich dabei unterstützen, dass Sie mitmachen, dass wir gemeinsam zu Wegziehern werden."

Im Tierpark steuern Sandweg und Berger nun einen älteren Herrn auf einer Bank an. Ein viel versprechender Kandidat: Der Mann leitet eine private Musikschule und ist ein Freund des von Kürzungen bedrohten Theaters.

Berger: "Wir haben den Eindruck, dass so viel Kultur gekürzt wird, dass es sich langsam nicht mehr lohnt, hier zu leben. Würden Sie den Eindruck teilen?"

Musikschulleiter: "Also wenn das Theater weg wäre, dann ist es schlecht um Dessau bestellt. Das ist das Markante an Dessau: Das Theater. Bauhaus haben wir auch noch."

Berger: "Wenn die Kultur weg wäre, würden Sie dann auch gehen?"

Musikschulleiter: "Wir haben ein Haus hier, da würden wir nicht gehen, aber…" (lacht)

Berger: "Aber es wäre schon schwieriger."

Musikschulleiter: "Wäre schwieriger, ja, dann wäre Dessau nicht mehr attraktiv."

Mehr zum Thema:

Dessau - Drastische Sparmaßnahmen am Anhaltischen Theater (Deutschlandfunk, Länderzeit, 16.04.2014)

0,26 Kilometer Autobahn (Deutschlandradio Kultur, Fazit, 22.10.2013)

"Kein Theater ist auch keine Lösung" (Deutschlandradio Kultur, Fazit, 02.07.2013)

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