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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 21.03.2018

Kulturelle Vielfalt in EuropaVon den produktiven Nachwirkungen der Reformation

Von Gesine Palmer

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Die Wartburg Eisenach (Thüringen) (picture-alliance/ dpa / Martin Schutt)
Die Wartburg in Eisenach: 1521– 22 hielt sich der Reformator Martin Luther hier versteckt und übersetzte während dieser Zeit das Neue Testament der Bibel (picture-alliance/ dpa / Martin Schutt)

Das Katholische und das Protestantische sind zwei Mentalitäten, die unterschiedlicher nicht sein könnten, glaubt die Religionsphilosophin Gesine Palmer. In unserer säkularen Welt wirkten beide Kräfte auf fruchtbare Weise nach, getrieben von der Sehnsucht nach Einheit.

Europa-Enthusiasten berufen sich gern auf das Bild einer Wertegemeinschaft, die ihr Schicksal endlich auch politisch in die eigenen Hände nimmt und mit genau einer Stimme spricht.

Nur: Muss es wirklich die "eine Stimme" sein? Ist nicht das Europäischste an Europa, dass es mit seinem Spektakel der vielen Sprachen, Staaten und Stimmen bisher viel mehr erreicht hat als so manche einsprachige Großeinheit? Sind demgegenüber nicht die meisten tiefenvereinigten Großreiche an sich selbst und ihrer Größe zugrunde gegangen?

Tatsächlich verdankt sich das, was wir heute die mehr oder weniger aufgeklärte Kultur Europas nennen, verdanken sich jene unermüdlich berufenen Werte einer Spaltung: der Reformation. Trotz ihrer verheerenden Neben- und Nachwirkungen war diese Spaltung eine der produktivsten Kräfte der europäischen und sogar der Menschheitsgeschichte.

Kulturelle Vielfalt als Folge der Reformation

Sie hat uns nicht nur die Einsicht beschert, dass Religion und Politik zu trennen sind, wenn es politischen Frieden geben soll, sie hat auch unterschiedliche Kulturen und Mentalitäten hervorgebracht. Was wäre die Reformation ohne die Gegenreformation, was der Katholizismus ohne den Stachel der Reformation?

Die im Spannungsfeld dieser Bewegungen entwickelten Eigenschaften wirken - weit über ein positiv-religiöses Bekenntnis hinaus - noch im säkularisiertesten Menschen nach. Wer erkennte nicht auch im säkularen asketischen Finanzbeamten mit grünem Parteibuch den Protestanten, wer sähe nicht im Karneval feiernden fröhlichen Sünder, der nach der Kirche längst nicht mehr fragt, noch den rheinischen Katholiken?

Sie alle kennen die Stereotype, die spätestens seit Max Weber auch als wissenschaftliche Typologien daher kommen: Ganz gehen sie nie auf, aber etwas ist meistens dran. Die einen – nach meiner Kenntnis in Europa eher die Protestanten – bemühen sich ehrlich um Korrektheit, Pflichterfüllung und Wahrhaftigkeit, mit dem Ergebnis, dass ihnen eine Lüge nur entfährt, wenn sie sich diese auch selbst glauben, wie Nietzsche treffend spottete.

Die anderen – nach meiner Kenntnis in Europa eher die Katholiken – finden es völlig normal, im Innersten nicht immer hundertprozentig an das zu glauben, was sie nach außen lautstark vertreten. Grob geschnitzt: Der Katholik glaubt, es reiche, dem äußeren Anschein der Regelbefolgung zu genügen, der Protestant glaubt, aus Freiheit rigide zu sein, und möchte seine Tugenden der Verinnerlichung gern in der ganzen Welt durchsetzen, möglichst auf wissenschaftlicher Basis.

Macht, was ihr wollt, aber Hauptsache zusammen

Dabei haben sich während und nach der Säkularisierung immer wieder mal die Kräfte unterschiedlich stark durchgesetzt. Aus dem Geist des Protestantismus mit seiner "methodischen Lebensführung" und "innerweltlichen Askese", wie Weber das nennt, ist heute der allgemeine Tick des totalen Trainings geworden, der alle Konfessions- und Religionsgrenzen überschreitet und allen einhämmert, dass sie alles geben müssen, ohne Schlupflöcher und Ausflüchte, wenn sie was erreichen wollen. 

Mit der Furcht vor Uneinigkeit und Spaltung jedoch hat sich womöglich eine eher katholische Tendenz durchgesetzt, ebenfalls über alle Grenzen von Konfession und Religion hinweg. Macht, was ihr wollt, Hauptsache zusammen, Hauptsache einig, Hauptsache, die Gemeinschaft zählt mehr als individuelle, religiöse oder nationale Egoismen. 

Die Idee der "Tiefenvereinigung" wäre dann sozusagen gelebte Ökumene: Die "Tiefe" daran wäre protestantisch, die "Vereinigung" katholisch. Beide rhetorischen Ziele mag man in feierlichen Reden berufen, in der Hoffnung, damit Leute zu ernsthafter Arbeit in den Kommissionen zu motivieren. Für die eigentliche politische Legitimation kommt es aber weniger auf die Tiefe des Einheitsgefühls und mehr auf die Transparenz der Entscheidungsprozesse an.

Gesine Palmer, geboren 1960 in Schleswig-Holstein, studierte Pädagogik, evangelische Theologie, Judaistik und allgemeine Religionsgeschichte in Lüneburg, Hamburg, Jerusalem und Berlin. Nach mehrjähriger wissenschaftlicher Lehr- und Forschungstätigkeit gründete die Religionsphilosophin 2007 das "Büro für besondere Texte".

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