Sonntag, 21.01.2018

Fazit / Archiv | Beitrag vom 28.01.2016

Künstler Pawlenski in PsychiatrieOpfer oder Aufklärer?

Wladimir Velminski im Gespräch mit Britta Bürger

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Der Aktionskünstler Piotr Pawlenski erscheint vor Gericht in Moskau, wo er sich für Vandalismus verantwortet, aufgenommen am 10. November 2015 (imago/ITAR-TASS)
Der Aktionskünstler Piotr Pawlenski wurde offenbar vom Gefängnis in die Psychiatrie verlegt. (imago/ITAR-TASS)

Vor etwas mehr als zwei Monaten wurde der russische Aktionskünstler Piotr Pawlenski festgenommen, nachdem er eine Tür des russischen Geheimdienstgebäudes an der Lubjanka angezündet hatte. Nun ist er offenbar von den Behörden aus der Haft in die Psychiatrie eingewiesen worden.

In der Vergangenheit hatte Pawlenski immer wieder mit schmerzhaftem Körpereinsatz gegen die russische Politik protestiert, indem er sich den Mund zunähte, seine Hoden auf dem Roten Platz festnagelte oder sich in Stacheldraht einwickelte. Zuletzt zündete er eine Tür der Lubjanka an, des berüchtigten Moskauer Geheimdienstgebäudes. Seitdem war Pawlenski inhaftiert und wurde jetzt offenbar in die Psychiatrie überstellt.

Mit dieser letzten Aktion habe Pawlenski sein "Schaffen auf die Spitze getrieben", sagt der Kunst- und Medienhistoriker Wladimir Velminski.  "Viele sagen, das ist eine der brillantesten Kunstaktionen der letzten Jahre."

So inszeniere sich Pawlenski zwar als Opfer, zwinge dem System aber gleichzeitig die eigenen Spielregeln auf.

"Aus der Sicht Pawlenskis könnte man sagen:  Das läuft alles nach seinen Spielregeln. Denn indem er eben nicht wegläuft, sondern stehenbleibt, Kanister in der Hand hält, hält er auch mehr oder weniger die Spielfiguren in seinen Fäden. Und so könnte man sagen, dass dieser Kanister, den er sehr leicht in der Hand hält, das System ist, was er mit seiner Aktion lenkt."

Letztlich stehe das System Pawlenski ohnmächtig gegenüber, so Velminski: "Sie wissen gar nicht mehr, wie sie mit ihm umgehen sollen. Und das sieht man letztendlich auch in dieser Verlegung in die psychiatrische Anstalt."

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