Seit 01:05 Uhr Tonart

Montag, 28.05.2018
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Tonart | Beitrag vom 11.07.2016

Ksenika SidorovaCarmen auf dem Akkordeon

Von Jonathan Scheiner

Der finnische Akkordeon-Virtuose Kimmo Pohjonen während eines Auftritts. (picture alliance / dpa - Markus Scholz)
21 Kilo wiegt das Instrument von Ksenika Sidorova: Ein Akkordeon. (picture alliance / dpa - Markus Scholz)

Die Lettin Ksenika Sidorova spielt Akkordeon seit ihrem sechsten Lebensjahr. Nun bringt sie ihr Debütalbum heraus und hat sich ausgerechnet George Bizets "Carmen" dafür ausgesucht. Das hört sich abgedroschen an - doch Sidorova gelingt es, daraus ein Hörvergnügen zu machen.

"Schifferklavier", "Quetschkommode", "Klavier des kleinen Mannes" – Ksenija Sidorova hat es wahrlich nicht leicht. Und zwar im wörtlichen Sinne: Die lettische Akkordeonspielerin schleppt schlappe 21 Kilo mit sich herum. So viel wiegt ihr Instrument. Sie muss 47 Tasten und 120 Knöpfe mit den Fingern blind beherrschen und obendrein verschiedene Register mit dem Kinn bedienen.

Ein schwerer Job, den die 1988 in Riga geborene Lettin seit ihrem sechsten Lebensjahr verrichtet. Damals hatte sie von ihrer Großmutter in Sibirien eine "Garmoschka" bekommen, die russische Version des Akkordeons. Eine niedliche Blöckflöte wäre den Eltern, die das Kind nach den Sommerferien wieder abholten, angeblich lieber gewesen. Doch das Akkordeon – das war nun mal: "Liebe auf den ersten Blick".

Bei ihrem Debüt bei der Deutschen Grammophon hat sich Ksenija Sidorova ausgerechnet die "Carmen" herausgepickt. Ein schwieriges, weil abgedroschenes Terrain aus Kastagnetten, Karamba und Tschingdarassabumm. Denn George Bizets Ohrwürmer können die meisten nicht nur auswendig mitsingen – sie kleben auch wie Kleister im Ohr. 

Eine weltmusikalische Superband

Selbstverständlich erkennt man auch bei Ksenija Sidorova beim ersten Hinhören, dass es hier um Bizets "Carmen" geht. Doch die Akkordeonspielerin hat eine Reihe von richtigen Entscheidungen getroffen, die das Album zu einem sehr abwechslungsreichen Hörvergnügen machen: An erster Stelle steht die Auswahl der Musiker, eine Art weltmusikalische Superband.

"Ich habe mir zunächst überlegt, was ich eigentlich aufnehmen möchte. Und ich habe vom Label einen Freifahrtschein bekommen, um mein eigenes Sujet zu wählen. Mit diesem Repertoire und diesen Musikern – dem Borusan Philharmonic Orchestra und den erstaunlichen Solisten meiner Band – war es möglich, einen sehr intimen Sound zu finden. Manche der Musiker sind meine Freunde wie der Perkussionist Itamar Doari, der Gitarrist Reetko Dirks oder der Pianist Michael Abramovich. Sie besitzen einen wunderbaren Spirit und es war sehr einfach, mit ihnen zu arbeiten.
Ich brauchte diese Art von Freigeistern. Itamar beherrscht viele verschiedene Sounds. Und Reetko Dirks spielt auf seinem Instrument nicht nur Flamenco, sondern manchmal auch wie ein Percussionsinstrument, während Itamar seine Trommeln zum Singen bringen kann."

Das Zusammenspiel der unterschiedlichen Musiker funktioniert auf der Übereinkunft, dass die Grenzen zwischen klassischer Musik und Folklore fließend sind. Bei ein paar Stücken fühlt man sich an Kaffeehausorchester erinnert, an Richard Wagner auf dem Markusplatz in Venedig oder Uri Caines Interpretationen von Gustav Mahler.

Doch dann setzt die Siderova, als hätte sie dem Zauber dieses Sounds nicht getraut, auch noch ein klassisches Orchester ein. Die wunderbare Harmonie der Band droht im Bombast des Borusan Istanbul Philharmonic Orchestra zu ertrinken. Doch die Musik wird derart hinreißend gespielt, dass musikalisch die Sonne aufgeht – und zwar nicht nur über Carmens Heimatstadt Sevilla: "Sunset over Seville".

"Angefangen habe ich mein Instrument als Folkloreinstrument bei meiner Großmutter in Sibirien. Das war eine Party: Sie sang – ich spielte. Später habe ich dann einen Lehrer gehabt, der mir die klassische Seite des Instruments gezeigt hat. Und wiederum später, schon während meiner Zeit in London, habe ich alles mögliche gespielt. Und ich bin auf unglaubliche Musiker getroffen, die meine Augen für Jazz, Worldmusic und Pop geöffnet haben. Zum Beispiel das Projekt mit Avi Avital, mit dem ich seit drei Jahren auf Tour bin: Das Projekt ist fokussiert auf die Unterschiede und Grenzen zwischen klassischer Musik und Folklore. Ich glaube, am Ende ist alles nur eine Frage von guter Musik und gutem Geschmack – für mich gibt es jedenfalls keine Genregrenzen."

Zwischen Sibirien und Sevilla

Ksenija Sidorovas Balance zwischen klassischer Musik und Folklore ist keine neumodische Machart wie sie derzeit von der schrumpfenden Klassikindustrie als Rettungsanker ausgeworfen wird. Sie entspringt einem natürlichen Reifungsprozess, der sich schon in vergangenen Alben abgezeichnet hatte. Grenzgänge zwischen klassischer und zeitgenössischer Musik von Bach bis Schnittke, Ausflüge in die Balkan-Folklore mit dem israelischen Mandoline-Spieler Avi Avital oder italienische und argentinische Schwärmereien von Donizetti bis Piazzolla: All das scheint für Ksenija Sidorova gleichrangig zu sein.

Und zudem – als Sahnehäubchen – ein Auftritt mit Sting in der Royal Albert Hall in London. Dort ist Ksenija Sidorova übrigens zuhause – fast genau zwischen Sibirien und Sevilla!

Mehr zum Thema

Traditionell-moderne Musik aus Finnland - Ein niemals endender Strom der Musik
(Deutschlandradio Kultur, Tonart, 30.06.2016)

Tonart

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur