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Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 09.12.2016

Kritik am Zentralrat der JudenZweifel an gerechter Verteilung von Fördergeldern

Von Thomas Klatt

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Rabbiner Walter Homolka, Rektor des Abraham Geiger Kollegs, spricht am 01.12.2016 bei der Rabbinerordinationsfeier in der Synagoge der Liberalen Juüdischen Gemeinde in Hannover.  (picture alliance / dpa / Julian Stratenschulte)
Der Potsdamer Rabbiner Walter Homolka weist darauf hin, dass auch die jüdische Zivilgesellschaft außerhalb der Gemeinden Förderung brauche. (picture alliance / dpa / Julian Stratenschulte)

Mehr als 200.000 Juden leben zurzeit in Deutschland, aber nur die Hälfte von ihnen ist in jüdischen Gemeinden organisiert. Sie werden vom Zentralrat der Juden vertreten und gefördert. Andere jüdische Strömungen gehen dabei zu Unrecht leer aus, meinen Kritiker.

Brumlik: "Wenn der Zentralrat sich insgesamt selbst bei der Vergabe seiner Mittel pluralistischer verhalten hätte wäre diese Initiative überflüssig geworden, dass eine Bundesstiftung gegründet wird, die dann Mittel hat, um ganz unterschiedliche jüdische Institutionen und Organisationen, die nicht direkt dem Zentralrat untergeordnet sind, zu finanzieren."

Der emeritierte jüdische Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik ist dafür, dass die Bundesmittel, die dem Zentralrat der Juden jährlich zur Verfügung stehen, neu verteilt werden. Er denkt an eine neu zu gründende Bundesstiftung "Judentum in Vielfalt". Brumlik ist Vorsitzender des Beirats des jüdischen Ernst-Ludwig-Ehrlich-Studienwerkes. Das hat derzeit 350 Stipendiaten, erhält aber kaum Zuschüsse vom Zentralrat. Das müsse sich jetzt ändern.

Brumlik: "Man muss ja bedenken, dass andere Studienwerke konfessioneller Art wie das Cusanus-Werk, das wird von der Deutschen Bischofskonferenz getragen, das evangelische Studienwerk Villigst von der EKD. Dass sich der Zentralrat, was die Förderung des Studienwerkes angeht, nicht nur großzügig, sondern in gleicher Weise ausreichend verhält wie das die Bischofskonferenz und die EKD tut mit ihren Studienwerken."

Rabbiner Homolka: Viele jüdische Strömungen durch Zentralrat nicht vertreten

Bislang erhält der Zentralrat der Juden als Dachverband der Jüdischen Gemeinden rund 10 Millionen Euro Bundesmittel jährlich für Bildung, Kultur und die Integration jüdischer Einwanderer. Doch nun hat der Potsdamer Rabbiner Walter Homolka für die Konrad Adenauer Stiftung einen Beitrag geschrieben: "Pluralisierung – Chance und Herausforderung. Zur Situation der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland." Darin erklärt er, dass es inzwischen viele jüdische Strömungen und Einrichtungen in der Gesellschaft gebe, die durch den Zentralrat gar nicht mehr vertreten seien, während die Gemeinden schrumpften. Walter Homolka:

"Die Zuwanderung ist seit 2005 im Grunde zum Erliegen gekommen. Die Gemeinden werden jetzt auch wieder langsam kleiner, und darauf hat ja vor allem eine Studie des Moses Mendelssohn Zentrums in Potsdam hingewiesen, dass auch die Zahl der Gemeinden schrumpfen wird, weil die jungen Leute aus den kleinen Städten und Dörfern, aus dem ländlichen Raum wegziehen und dann später in den größeren Ballungsräumen hängen bleiben. Julius Schoeps spricht mittelfristig nur noch von 20 großen jüdischen Gemeinden, augenblicklich haben wir über 120. Da bewegt sich ne Menge. Da darf nicht übersehen werden, dass diese jüdische Zivilgesellschaft auch Förderung braucht, sonst ist das einseitig nur in den jüdischen Gemeinden."

Heute leben mehr als 200.000 Juden in Deutschland, nur etwa die Hälfte von ihnen ist aber in jüdischen Gemeinden organisiert. Längst aber habe sich daneben in Deutschland ein buntes jüdisches Leben von orthodox, konservativ bis liberal und säkular herausgebildet. Wenn der Staat jetzt vielleicht sogar noch mehr Geld gebe, dann müssten auch jüdische Institutionen außerhalb der Gemeinden bedacht werden, fordert Walter Homolka.

"Wenn der Bund einer Anpassung der aktuellen Mittel von 10 Millionen zustimmen würde, es ist eine Summe von 3 Millionen Euro im Raum, dass jedenfalls  bei dieser Neuentscheidung diese Szene der jüdischen Zivilgesellschaft mit berücksichtigt wird. Dazu zählt zum Beispiel Limmud, eine ganz erfolgreiche Studientagung, Lerntagung, da gibt der Zentralrat im Augenblick 40.000 Euro. Das finde ich jetzt für so eine zentrale identitätsstiftende Arbeit durchaus noch ausbaufähig."

Zentralrat: Genug Ausgaben für liberales Judentum

Doch Josef Schuster, amtierender Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, weiß nichts von einer Aufstockung der Bundesmittel. Er kann die Kritik Homolkas nicht nachvollziehen.

"Wenn es zum Beispiel heißt, was der Zentralrat für Limmud gegeben hat, muss man ja bedenken, dass Limmud auch andere Geldgeber hat. Limmud ist keine primär deutsche Institution, sondern eine internationale Organisation, und hier haben wir einen Zuschuss gegeben zu der Veranstaltung."

Auch dass nun für liberale jüdische Einrichtungen zu wenig Geld ausgegeben werde, weist Schuster zurück.

"Und wenn so der Tenor raus kommt, dass wir, der Zentralrat, die liberalen Einrichtungen oder das liberale Judentum nicht ausreichend fördert. In dem Papier selber taucht eine Zahl von 4800 Mitgliedern in den liberalen jüdischen Gemeinden auf, im Papier von Herrn Homolka taucht diese Zahl auf. Wenn Sie mal überlegen was der Zentralrat für das liberale Judentum von den 10 Millionen ausgibt, dann sind das einmal die 375.000 für das Abraham-Geiger-Kolleg, dann noch mal 70.000 separat für die Kantorenausbildung, dann wird erwähnt die Zahl für Union Progressiver Juden 120.000 Euro. Was nicht drin steht, dass die Union progressiver Juden darüber hinaus noch mal einen hohen fünfstelligen Betrag bekommt für Projekte.

Was nicht drin steht, dass die Union progressiver Juden für ihre Jugendleiterstelle die Hälfte vom Zentralrat bezahlt wird. Dass wir für Jung und jüdisch, das ist die Organisation für junge Erwachsener seitens der Union Progressiver Juden separat Mittel ausweisen. Wenn man das alles zusammenzählt kommen wir auf eine Summe zwischen 700.000 und 800.000 Euro, die der Zentralrat aus diesen Mitteln gezielt für liberales Judentum ausgibt. Wenn ich fünf Prozent der Mitglieder vertrete und bekomme hier schon mal sieben bis acht Prozent der Mittel, dann ist das kein schlechter Prozentsatz in meinen Augen."

Nicht zuletzt der Vorwurf Homolkas, der Zentralrat habe widerrechtlich Rücklagen gebildet, lässt Schuster kalt.

"Dass Mittel, die dann nicht verbraucht wurden, mit Wissen des Innenministeriums, also nicht heimlich leise auf ein dunkelschwarzes Konto, sondern mit Wissen des Bundesinnenministeriums zurückgelegt wurden und langsam abgeschmolzen wurden. Es ist ein Rest von etwas mehr als einer Million vorhanden. Aber das ist kein schwarzes Konto, sondern das Bundesinnenministerium bekommt jedes Jahr den Abschluss von uns.

Was die Finanzen des Zentralrats angeht, da sitze ich sowas von entspannt da. Das Problem ist, dass die Mittel des Innenministeriums, die erste Rate erst nach etwa drei Monaten im neuen Jahr fließt und die Zeit müssen wir auch überbrücken und da sind wir heilfroh, dass wir diese Mittel haben und überbrücken können."

Homolka fordert runden Tisch aller Beteiligten

Walter Homolka aber hält an seiner Kritik fest. Die ganze Vielfalt jüdischen Lebens müsste gefördert werden.

"Ich glaube dass alle jüdischen Strömungen durch das ganze Spektrum berücksichtigt werden müssten. Und dazu gehört sicherlich auch Chabad Lubawitsch."

Denn auch die orthodoxe Strömung Chabad Lubawitsch erhält bislang keine finanzielle Förderung seitens des Zentralrates. Von Chabad selber war dazu trotz mehrfacher Nachfrage allerdings keine Stellungnahme zu erhalten. Homolka fordert jetzt auf jeden Fall Gespräche mit dem Zentralrat und einen runden Tisch aller Beteiligten über eine neue Ausgabenpolitik für das plurale Judentum in Deutschland.

"Ich stelle mir das mehr vor wie eine Bundesstiftung 'Judentum in Vielfalt', wo eben alle mit am Tisch sitzen und wo auch der Staat mit am Tisch sitzt, denn der Staat, das gibt das Bundesverfassungsgerichtsurteil von 2009 her, der Staat ist der, der schauen muss, dass die Verteilungsgerechtigkeit da ist."

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