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Sonntag, 19.11.2017

Politisches Feuilleton | Beitrag vom 02.11.2017

Kritik am "Ganzjahreskapitalismus"Feste lassen sich nicht kaufen!

Von Philip Kovce

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Weihnachtsmänner aus Schokolade stehen in einem Kaufhaus. (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)
"Wenn nicht Ostern ist, ist Weihnachten", kritisiert Philip Kovce. (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)

Es ist eindeutig ein Osterhase-Weihnachtsmann-Zyklus, meint der Wirtschaftsphilosoph Philip Kovce: Das eine wechselt sich mit dem anderen ab, noch bevor wir das eine so richtig verdaut haben. Er sorgt sich: Weil wir so viel mit Konsumieren beschäftigt sind, verlernen wir darüber das Feiern.

Während das bescheidene Haltbarkeitsdatum so mancher Schoko-Osterhasen noch gar nicht abgelaufen ist, sind inzwischen schon längst die schokoladenen Weihnachtsmänner samt Spekulatius, Dominosteinen und anderen Weihnachtsleckereien in den Warenhäusern zu finden.

Die Lichterketten sind installiert, es laufen im Hintergrund Weihnachtsschnulzen und der plastikverkleidete Maskottchen-Weihnachtsmann verteilt Süßigkeiten, um die frühweihnachtliche Shoppingtour zum Konsum-Event zu machen. Wohlgemerkt: Es ist Herbst.

Wer sich an den christlichen Jahresfesten orientiert, der bemerkt sogleich, dass es für den Kapitalismus als Religion hierzulande nur zwei Jahreszeiten gibt. Wenn nicht Ostern ist, ist Weihnachten; wenn nicht Weihnachten ist, ist Ostern. Das ist der Osterhase-Weihnachtsmann-Zyklus. Entsprechend werden die Produkte platziert, die Kunden animiert. Und warum? Weil uns diese Feste noch irgendwas bedeuten.

Feste werden nicht gekauft, sondern gefeiert

Doch machen wir uns nichts vor: Der Kaufrauschkapitalismus schert sich nicht um religiöse Feste. Ja, Feste sind ihm grundsätzlich unzugänglich. Was sich vermarkten und vertreiben lässt, ist das Event. Events lassen sich kaufen, Feste nicht. Feste werden nicht gekauft, sondern gefeiert.

Der Ganzjahreskapitalismus dieser Tage kennt weder Winterschlaf noch Frühjahrsmüdigkeit. Also verkauft er auch an Weihnachten und Ostern. So weit, so gut. Wenn er allerdings beginnt, die Feste selber zu verkaufen, ja, wenn wir beginnen, Feste als solche für käuflich zu halten, dann verarmen wir nicht nur finanziell, sondern auch kulturell.

Wer ein Fest feiert, der lässt den Alltag hinter sich. Er widmet sich ganz der Besonderheit der Feierlichkeit. Beispiel Weihnachten: ein Gott wird als Mensch geboren. Beispiel Ostern: ein Gott stirbt als Mensch – und ersteht wieder auf. An Weihnachten und Ostern geht es um Leben und Tod. Daran muss niemand glauben, vielmehr lädt der eigene Nachvollzug dieser Zusammenhänge dazu ein, das Wesen des Christentums zu begreifen.

Echte Feste kann man kaum planen 

Wer diese Herausforderung annimmt, der versteht nicht nur besser, worauf sich das vielbeschworene Abendland gründet, sondern er nimmt zugleich die Gelegenheit war, eine innere Topographie, eine vielgestaltige Seelenlandschaft auszubilden. Denn genau dies liegt jedem Fest zugrunde: ein Geschehen, das derart ergreifend ist, dass es mich verwandeln kann.

Der Volksmund rät, man solle die Feste feiern, wie sie fallen. Ich weiß von einem befreundeten Ehepaar, das seine Hochzeit, anders als geplant, nicht mehr gesondert zelebrierte, weil sich die Geschehnisse am Tage der standesamtlichen Trauung als derart feierlich herausstellten, dass gerade sie sich als Hoch-Zeit erwiesen.

Womit wir bei den Festen der Zukunft wären: Sie lassen sich nicht wie Ostern oder Weihnachten erinnern und erwarten. Nein, bestenfalls bemerken wir sie, wenn sie sich ereignen. Wer sich selbst oder einem anderen, der Natur oder einem Kunstwerk wirklich begegnet, der erlebt einen feierlichen Augenblick, welcher die Zeit zu einer Hoch-Zeit erhebt.

Wenn wir nicht nur alljährliche Jubiläen – welcher Religion, Nation oder Person auch immer – bedenken, sondern außerdem ein Gespür für die Feierlichkeiten entwickeln, welche den Alltag immer wieder aufhellen, dann gewinnen wir Hoch-Zeiten des Lebens, und die käuflichen Festattrappen des unterhaltungsindustriellen Eventkapitalismus verlieren an Gewicht.

Philip Kovce - 1986 in Göttingen geboren, lebt als freier Autor in Berlin. Er ist Mitbegründer des Basler Philosophicums, Mitarbeiter des Lehrstuhls für Volkswirtschaftslehre und Philosophie an der Universität Witten/Herdecke sowie Mitglied des Think Tank 30 des Club of Rome. Veröffentlichungen (Auswahl): Der freie Fall des Menschen ist der Einzelfall. Aphorismen (Futurum Verlag); An die Freude. Friedrich Schiller in Briefen und Dichtungen (hrsg., AQUINarte Kunst- und Literaturpresse); Die Aufgabe der Bildung. Aussichten der Universität (hrsg. mit Birger P. Priddat, Metropolis Verlag). (Ralph Boes)Philip Kovce (Ralph Boes)Philip Kovce, 1986 geboren, forscht am Basler Philosophicum sowie an der Seniorprofessur für Wirtschaft und Philosophie der Universität Witten/Herdecke. Außerdem lehrt er im Studium Generale der Berliner Universität der Künste und gehört dem Think Tank 30 des Club of Rome an.

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