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Lesart / Archiv | Beitrag vom 14.01.2017

Kristin Dombek: "Die Selbstsucht der anderen"Narzissmus - eine erfundene Epidemie?

Von Martin Tschechne

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Ein Mädchen sitzt in seinem Zimmer auf dem Boden und macht Selfies. (imago / Felix Jason)
Selfie als Symptom: Die Selbstverliebtheit grassiert, heißt es. (imago / Felix Jason)

Der Narzissmus ist zur Seuche unserer Zeit geworden, klagen Psychologen und Feuilletonisten. Die New Yorker Autorin Kristin Dombek hat das angebliche Zeitgeistphänomen Selfiness untersucht – und dabei völlig Unerwartetes gefunden.

Wir lernen Allison kennen. Sie gehört zur Generation der Millenials, geboren im letzten Jahrzehnt vor der Jahrtausendwende. Ein typisches Exemplar eigentlich: Ihren 16. Geburtstag feierte sie vor den Kameras von MTV als Gast einer Reality Show über diese selbstverliebte Kohorte. Eine Riesenparty musste es sein, die Straßen gesperrt für eine Parade mitten durch die Stadt. Dass dabei auch die Zufahrt zum Krankenhaus blockiert wurde – so what! "Mein Geburtstag ist ja wohl wichtiger als das, wo die alle hinwollen!" erwiderte das Mädchen auf den Einwand, dass vielleicht Kranke eilig in die Notaufnahme gebracht werden müssten.

Wir lernen Manipulations-Akrobaten kennen, Verführerinnen, Heuchler, Moralapostel. 

Auch Donald Trump wird erwähnt, aber den braucht es schon kaum noch, um die Verbreitung eines Syndroms zu belegen, das die halbe Welt ergriffen zu haben scheint: Narzissmus, diese flächendeckende Kälte, diese gnadenlose Eitelkeit aus innerer Leere, benannt nach Narziss, dem Jüngling in der griechischen Mythologie, der sich in sein eigenes Spiegelbild verliebt. Heute sprechen Sozialforscher und Zeitkritiker von einer regelrechten Epidemie, die seinen Namen trägt. Hauptsache Applaus, Hauptsache Aufmerksamkeit, und sei ihr Ausdruck auch nur blankes Entsetzen.

Ein Hochseilakt der Argumentation

Die New Yorker Autorin Kristin Dombek aber schafft in ihrem Essay ein kleines Kunststück, einen Hochseilakt der Argumentation, indem sie nämlich diesen grassierenden Narzissmus beschreibt und analysiert – und ihn zugleich widerlegt. Ihn bloßstellt als eine Erfindung, die den Medien und der Forschung immer wieder den Stoff liefert für hochwichtige Projekte, skeptische Feuilletons und wohlfeile Empörung.

"Wie viel positives Selbstbild ist normal, wie viel ungesund oder gar bösartig? Soll man sich, wenn jemand sich aufführt wie ein Sechsjähriger, in seine Perspektive auf die Realität einfühlen oder doch eher versuchen, diese Perspektive zu korrigieren? Wenn jemand nicht mit einem reden oder sich partout nicht in einen verlieben will, ab welchem Punkt liegt das dann daran, dass er ganz grundsätzlich ein Arschloch ist?"

Hartes Urteil über die Psychologie

Cover - Kristin Dombek: "Die Selbstsucht der anderen" (Suhrkamp Verlag)Cover - Kristin Dombek: "Die Selbstsucht der anderen" (Suhrkamp Verlag)Der Ton ist deftig, der Humor manchmal bitter. Und so klar Dombeks Urteil ist über die Karrieristen und Poseure, die Gefühlskrüppel und Superstars, die Plapperer und Hetzer, im schlimmsten Fall über Leute wie den Massenmörder Anders Breivik – so schlecht kommt auch die Wissenschaft weg: die Psychoanalyse, die Neuroforschung, vor allem aber die empirische Psychologie mit ihren plumpen Fragebögen und den kunstvollen Statistiken. Am Ende kommt immer heraus, was vorher eh' schon klar war.

Vor mehr als hundert Jahren erkannte Sigmund Freud den Narzissmus als Menetekel einer dekadenten Gesellschaft. Seither menetekelt es munter weiter. Kürzlich setzten zwei amerikanische Psychologen noch eins drauf und erklärten das Phänomen zur Seuche unserer Kultur. Und doch wirft Dombek ihnen vor – nein, sie weist ihnen nach, dass der Gegenstand ihrer Forschung, nämlich Selfiness, die Selbstbespiegelung des Narzissten, und die Methode ihrer Arbeit im Grunde ein und dasselbe egozentrische Weltbild reflektieren:

"Diese ganze Wörterzählerei ist vollkommen für den Arsch"

"Twenge und Campbell fanden, wonach sie suchten: Seit 1960 hat der Gebrauch der Wörter 'ich' und 'mein' in US-amerikanischen Romanen und Sachbüchern um 42 Prozent zugenommen. Sie fanden ebenfalls heraus, dass sich der Gebrauch von 'du' und 'dein' vervierfacht hat. Aber statt diesen Befund als Beleg für Außenfokussiertheit zu werten, war die Tendenz, den Leser direkt zu adressieren, für die Autoren lediglich ein – Zitat: 'weiterer Individualismus-Indikator'. Wenn aber schon der bloße Versuch, Empathie, Mitgefühl und Sozialverhalten an den Tag zu legen, ein Symptom für das pathologische Bedürfnis sein soll, die eigene Selfiness zu schützen, und wenn es stimmt, dass man 'wir' schreibt, weil man aus purer Eitelkeit darum bemüht ist, ein Bild der Gemeinsamkeit abzugeben – dann wäre diese ganze Wörterzählerei, kurz gesagt, vollkommen für den Arsch."

Viel knapper lässt sich ein Forschungs-Paradigma, ja, eine ganze Wissenschaft kaum vorführen. Immerhin, so argumentiert Dombek, könnte sich hinter all den Strichlisten genauso gut eine ganz andere Haltung verbergen. Das Wörtchen "ich" definiert ja auch Sätze wie: Ich fühle mich zuständig. Ich übernehme Verantwortung. Ich tu' was.

Eine vermeintlich verlorene Gesellschaft

Irgendwann tritt auch Allison wieder auf, und es wirkt zunächst wie ein Witz, dass die junge Frau inzwischen ausgerechnet Psychologie studiert. Aber nein, Paartherapeutin möchte sie werden, weil sie Menschen helfen will, sich auf ein Gegenüber einzulassen. Und spätestens hier wird auch klar, warum die Autorin auf ihren Streifzügen durch eine vermeintlich verlorene Gesellschaft immer wieder und wie nebenbei auf das Wetter zu sprechen kommt, auf Schneestürme, Kältewellen, auf eine drohende Klimakatastrophe. Weil hinter alledem persönliche Entscheidung steckt. Genau das ist Kristin Dombeks Botschaft: Wie das Klima zwischen den Menschen, so ist auch das zwischen den Polkappen ein Produkt des Narzissmus – also all der Gedankenlosigkeit, der Bosheit, Eitelkeit und Gier im Umgang miteinander. 

"Ich schnippe eine Zigarette in eine Schneewehe. Sie bohrt ein glühendes Loch und verschwindet. Jetzt liegt sie hinter mir, aber vor jemand anderem. Mein Egoismus fühlt sich nach Abwesenheit an: Mein eigenes Leben ist in dem Müll, den ich zurücklasse abwesend, wird aber durch diesen Müll zu der Struktur, in der andere leben müssen – gebrochene Herzen, erwärmtes Klima, steigender Meeresspiegel. Alles, wofür ich kein Gefühl mehr habe, wird für andere zur Gestalt ihrer Welt."

Kristin Dombek: Die Selbstsucht der anderen. Ein Essay über den Narzissmus
Edition Suhrkamp, Berlin 2016
174 Seiten, 16 Euro

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