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Freitag, 15.12.2017

Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 03.05.2017

Kriegsenkel und NS-VergangenheitDie rote Kiste meines Opas

Von Carolin Pirich

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Eine rote Holzkiste: In ihr liegen Briefe, Zeitungsausschnitte, Fotos. (Deutschlandradio / Carolin Pirich)
Die rote Kiste, in der Hermann Pirich seine Briefe, Texte und Fotos gesammelt hat (Deutschlandradio / Carolin Pirich)

Unsere Autorin Carolin Pirich gehört zu den so genannten Kriegsenkeln, die der NS-Vergangenheit in der eigenen Familie auf den Grund gehen. Ihr Großvater war Journalist - aber auch Mitglied der Waffen-SS. Briefe und Dokumente seines Lebens ruhen in einer roten Kiste.

Eine rote Kiste enthält den Nachlass ihres Großvaters Hermann Pirich, der nach 1949 unter anderem Redakteur beim Berliner Tagesspiegel war. Die Autorin Carolin Pirich gräbt in der Kiste des Mannes, der zuvor - in der NS-Zeit - Mitglied der Waffen-SS war.

"Wochenlang mache ich einen Bogen um die Kiste, aus Angst, dass sie das Bild, das ich von meinem Opa habe, zerstören könnte", beschreibt sie ihr Gefühl. "Ich sitze neben der Kiste und ziehe mit den Händen Gedanken heraus. Und Widersprüche."

Die rote Kiste provoziert die Auseinandersetzung der Enkelin mit der Rolle ihres Großvaters im Zweiten Weltkrieg - und der Frage, wie diese Zeit ein Leben geprägt und überschattet hat.


Manuskript zur Sendung:

Aus Hermann Pirichs Notizen: Auf einen kurzen Nenner gebracht: Ich mache mir Vorwürfe. Denn praktisch lebe ich hier wie der Herrgott in Frankreich. Ich bin wer, und mir fehlt nichts.

Triest im Frühling 1944.

"Inzwischen geht die Welt in Rauch und Trümmern unter. Unrecht geschieht, wohin man auch blickt. Genau besehen ist alles ringsum beschissen. So nichtswürdig, so entsetzlich beschämend! Doch Hand aufs Herz: Kümmert mich das groß?"

Drei Jahrzehnte später. Krefeld, Ende der 70er-Jahre:

Welchen Lauf hätte mein Leben genommen, wenn ich damals zwischen Exil und meiner Frau, mich für das Exil entschieden hätte? Vielleicht wären mir die "Tauchstationen" sowohl im Dritten Reich als auch danach erspart geblieben, und womöglich wäre ich heute ein gefeierter Gesinnungsathlet.

"Doch welche Gesinnung wiegt mehr: die politische, weltanschauliche - oder die zwischen Mensch und Mensch?"

Wolfgang Krüger, Tiefenpsychologe: "Das Problem ist, dass so eine Kiste ein Aufruf ist, dem näher nachzuforschen. Dem folgt eine Reise, die sehr lange dauert."

Jetzt steht in meinem Flur diese rote Kiste. Als mein Onkel sich auf seinen Tod vorbereitete, hatte er mir am Telefon von ihr erzählt. Darin lägen Sachen meines Opas, die ihm wichtig waren. So wichtig, dass mein Opa sie quer durch Mitteleuropa geschleppt hatte: 1941 aus Deutschland raus, 1944 auf der Flucht vor Tito in die Alpen, und dann, ein paar Jahre später, wieder nach Deutschland rein.

Eine rote Holzkiste, Deckel geschlossen (Deutschlandradio / Carolin Pirich)Die rote Holzkiste, in der Hermann Pirich seine Erinnerungen gesammelt hat (Deutschlandradio / Carolin Pirich)

Seit mein Opa gestorben war, 1980, stand die Kiste bei meinem Onkel. Wenn mein Onkel umzog, zog die Kiste mit. Zum Schluss brachte er sie in sein Lager, eine alte Scheune auf dem Land. Da stand sie zwischen ausrangierten Druckern, Sesseln; unter Steuerordnern und Fotoalben. Mein Onkel sagte, von allen Enkeln könne ich vielleicht am meisten mit der Kiste anfangen. Es gäbe doch erstaunliche Parallelen zwischen seinem Vater und mir: Ich bin Journalistin, wie mein Opa Journalist war. Nur lägen mehr als 70 Jahre zwischen uns, und seine Zeit sei eben eine heftige gewesen.  

"Hätte ich aus meiner Einstellung gegen Hitler nicht die Konsequenz ziehen müssen? Unzählige waren doch emigriert, sogar ins Ungewisse."

1932 schrieb mein Opa noch als junger Redaktionsvolontär Glossen für den Simplicissimus. 1933 verlor er seine Anstellung. Aber er emigrierte nicht, sondern wurde vier Jahre später Feuilleton-Redakteur der nationalsozialistischen Zeitung "Der Angriff" und trat bei Kriegsbeginn in die Waffen-SS ein. Als SS-Kriegsreporter berichtete er von Gibraltar bis Leningrad.

"Unheimlich war mir auch bei dem Gedanken, dass ich es unter einem solchen Regime zur persona grata gebracht hatte, obwohl meine politische Vergangenheit keineswegs astrein war. Dabei hatte ich nie Anstalten getroffen, mich etwa in den Sattel zu schwingen. Es hatte mir vollauf genügt, dass man mich in Frieden ließ. Mein Geltungstrieb beschränkte sich auf mein Handwerk. Machtgier war mir fremd."

1945 kam er wenige Monate in britische Kriegsgefangenschaft. Nach der Freilassung zog er in ein österreichisches Bergdorf und baute zwei österreichische Zeitungen auf - ohne je seinen Namen zu nennen. Ab 1949 war er politischer Redakteur bei den Aachener Nachrichten, baute in Köln die "Deutsche Zeitung" auf und war dann  Politikredakteur beim Berliner Tagesspiegel. Und er schrieb Theaterstücke.

Matthias Miller, Historiker. Leiter der Bibliothek im Deutschen Historischen Museum Berlin: "Ich würde sagen, wir bekommen einmal in der Woche einen Anruf, von Menschen die auf dem Dachboden, im Keller, im Altpapier auf der Straße, historisch interessante Dokumente finden.

Es ist im Moment so, dass die Erlebnis-Generation des Dritten Reiches, des Zweiten Weltkriegs, bereits ausstirbt und die Kinder und Enkel Kisten finden mit Büchern und Dokumenten, wo sie die Schriften zum Teil nicht mehr lesen können oder auch zum Teil nichts anfangen können und wollen."

Aus einem Brief von Hermann Pirich:

"Im Osten, den 5. Dezember 1941.

Liebste Gretel!

Der Brief, den ich dir gestern – oder war es schon vorgestern, man hat hier so gar keinen Zeitbegriff – geschrieben habe, ist ein wenig düster und allzu realistisch ausgefallen. Du sollst aber nicht meinen, dass dieser Krieg auch eine Seite hat als die bewusste 'andere'. .. Gestern Abend habe ich wieder meine "Kochkünste" spielen lassen: Es hat ein großes Schmarrn-Fressen gegeben. Nachdem meine Kameraden durch die Bank faule Säue sind - so faul, dass es zum Himmel stinkt, und sogar noch fauler als ich! habe halt ich mich aufgerafft und die Pfanne drohend geschwungen. Du hättest mich in dem Zimmer sehen sollen, wie ich nahezu vier Stunden an dem Benzinkocher stand und Schmarrn verbrach. Denn der erste war wirklich so etwas wie ein Verbrechen. Dick und steif wie ein Abortdeckel. Man hätte mit ihm Diskus werfen können."

Ich hatte gezögert, die Kiste zu uns nach Hause zu holen. Ich habe Familie, Freunde, einen Beruf.  Und unsere Gegenwart ist dramatisch genug: Syrien, die Türkei Trump. Warum sollte ich mich um einen Großvater kümmern, der gar nicht mehr da ist - und um seine Zeit, die lange vorbei ist?

Nein, ich kann nicht anders: Ich muss die Kiste haben

Die Kiste ist aus schwerem Holz und hat Macken. Dort, wo die rote Farbschicht abblättert, zeigt sich das Grün der Offizierskisten aus dem Zweiten Weltkrieg. Hat mein Opa das Militärgrün nicht mehr ausgehalten - und hat sie überstrichen - mit Rot, mit dem größtmöglichen Kontrast?

Wochenlang mache ich einen Bogen um die Kiste, aus Angst, dass sie das Bild, das ich von meinem Opa habe, zerstören könnte. Dass die Vorstellung von einem grummeligen, aber feinsinnigen Mann zerbröselt und stattdessen…

"Was rühre ich da in dem alten Brei? Damit beschäftigt sich wohl nur noch ich."

Ich habe zwei eigene Erinnerungen an meinen Großvater.

In der einen sitzt er auf der Treppe in meinem Elternhaus. Er trägt Anzug und Krawatte. Die Sonne fällt durchs Fenster und lässt seine Manschettenknöpfe glänzen. Er ist groß, schlank; das weiße Haar kämmt er zurück. Mein Bruder rennt an ihm vorbei und versteckt sich unter dem Esstisch.

Ich renne auch an ihm vorbei. Mein Bruder und ich sind Räuber. Unter dem Tisch ist unsere Räuberhöhle.

Mein Opa stützt seine Arme auf den Knien, hakt die Finger ineinander. Er lacht unter seinem struppigen Schnurrbart, der gelblich ist wie die Dose, in der er Kekse für uns aufbewahrt.

Ich erinnere mich, dass er nach Zigaretten riecht. Der Arzt hat noch nicht aufgegeben, ihm vom Rauchen abzuraten.

Die zweite Erinnerung gehört dem Geräusch, das die weiße Rose macht, als ich die Finger öffne und sie auf seinem Holzsarg aufkommt. Das war vor gut 30 Jahren. Ich war knapp drei Jahre alt.

Nun stehe ich mit meinen Kindheitserinnerungen vor dieser Kiste und frage mich, wer der Mann war, den ich kaum mehr kennengelernt habe, aber dessen Enkelin ich bin.

"Lazarett Kainbach, den 19. Dezember 1945

Liebste Gretel!

Heute bin ich mit Schuberts Lied "Dein ist mein ganzes Herz!" aufgewacht.

Das Lied ist von Franz Lehar.

Ich habe es gesummt beim Rasieren, ich habe es gegurgelt beim Zähneputzen, ich habe es gesungen beim Bettmachen, beim Fegen, beim Frühstück, beim Zigarettenwuzzeln, beim Rauchen: "Dein ist mein Herz, Dein ist mein Herz..." Ach, in dieser Melodie ist eine Liebe, die sich förmlich selbst verschwendet. Wer mich gesehen hätte, hätte sich bestimmt totgelacht, vor allem, als ich Deinem Bild ein Ständchen brachte. Ich bin übrigens wieder einmal umgezogen, und zwar in Stube 1, von der man einen schönen, weiten Blick hat, genau in der Richtung, in der Ihr daheim seid. Da zum Fenster habe ich das Schubertlied hinausgejubelt."

Im Laufe meines Erwachsenwerdens habe ich mir ein Bild von meinem Opa gemacht. Es setzt sich aus den Erinnerungen der Anderen zusammen. Der meines Vaters, Onkels und Bruders, der meiner Mutter und meiner älteren Cousinen. Aber es fehlt etwas, es entwischt, wenn ich mir überlege, was es sein könnte.   

Mein Opa sprach deutsch, slowenisch und serbokroatisch. Er sei irgendwie schwerblütig gewesen, sagt mein Vater. Eine meiner Cousinen sagt, sie habe sich immer ein bisschen vor ihm gefürchtet.  Alle erzählen von einer gewissen Traurigkeit, die ihn umwölkt habe.

"Berlin, den 1. Juni 1965

Liebste Gretel, Es ist ein trüber Tag, mit Wind und Sprühregen, und ich habe Heimweh. Obwohl ich so viele Jahre meines Lebens in Berlin zugebracht habe, fühle ich mich jetzt dennoch wie verloren."

Mein Opa hieß Hermann, Jahrgang 1906, geboren zwischen Weinbergen südlich der Alpen. Während er lebte, wechselte das Land drei Mal den Namen. Heute ist es Slowenien.

Er hatte vier Brüder und zwei Schwestern.  

In einer Erinnerung meines Onkels sehe ich Opa an seinem großen Schreibtisch sitzen. Am Fenster rinnen die Tropfen vom niederrheinischen Nieselregen zusammen.

Die langen Finger hacken in die Schreibmaschine. Seine beiden Söhne schickt er weg, sie sollen leise spielen, nach draußen gehen, irgendwas, er muss schreiben, aber es läuft gerade nicht so gut.

In einer anderen Erzählung sehe ich, wie Opa den Lotto-Schein ausfüllt. Einmal gewinnt er sogar und kann sich ein Auto kaufen, einen VW-Käfer.  

Und er hat diese Tätowierung. Als mein Vater mir von ihr erzählte, hat er sich unterhalb der Achselhöhle an die Innenseite des Arms getippt. Es war die Blutgruppenzugehörigkeit, die Mitglieder der Waffen-SS trugen. Opa hat sie nicht mehr weggekriegt. 

"Aachen, den 1. November 1949

Mit der Entnazifizierung ist das so: Mein Akt ist von den Engländern mit dem Vermerk, dass sie nichts gegen mich einzuwenden hätten, am 4. Oktober glücklich endlich zurückgekommen. ... Klar kriegen muss ich die Sache bald, damit es keine Geschichten gibt, sobald ich in die [Redaktion] eintreten soll."

Mein Onkel sprach von Parallelen zwischen mir und meinem Opa, der gestorben ist, als ich fast drei Jahre alt war. Ich bin Journalistin, wie mein Opa Journalist war. Er liebte die Musik, wie ich Musik liebe. Vielleicht sind diese Parallelen zufällig. Aber vielleicht steckt in mir auch etwas vom sozialen Gedächtnis der Familie.

In den letzten Jahren forschen Psychologen und Anthropologen darüber. Hartmut Radebold, Professor in Kassel, hat sich damit beschäftigt, wie Kriegserfahrungen die Kinder und Enkel prägen. Peter Teuschel, Psychiater in München, geht davon aus, dass Erfahrungen vererbt und der "Ahnen-Faktor" zur Erklärung unseres Denkens und Handelns unterschätzt würden. Und für den Tiefenpsychologen Wolfgang Krüger aus Berlin stehen Enkel vor den unbewältigten Lebensaufgaben der Großeltern und versuchen, sie - meistens unbewusst - zu lösen.

Wolfgang Krüger: "Wir müssen die Großeltern nicht einmal kennengelernt haben. Trotzdem ist es so, dass die traumatischen Ereignisse, die Konflikte, alles, was unsere Großeltern erlebt haben, bestimmen unser Leben." 

Aus Hermann Pirichs Notizen: "Das Schweigen, die Erlebnisse werden wie bei einem Staffelstab weitergegeben."
 
Ausschnitte aus einer Zeitschrift auf einer roten Kiste (Deutschlandradio / Carolin Pirich)Ausgabe der Zeitschrift Simplicissimus in der roten Kisten von Hermann Pirich (Deutschlandradio / Carolin Pirich)

Als ich den Deckel hebe, riecht es süßlich nach altem Papier.

Simplicissimus. 60 Pfennig. 15. Mai 1932. "Heil Preußen!"

"Ein Arbeitsloser singt im Hof
von Heimat, Vater, Mutter Tante, Base.
Ich lieg' im Bett und bohre in der Nase
und fühle mich so ganz als Philosoph.

Das ist auf dem Cover des Simplicissimus zu sehen: Eine Karikatur des künftigen Diktators. Der Kopf ein orangefarbener Luftballon mit angeklatschtem Haar. Hakenkreuze in den Augen. Dahinter der Alte Fritz: "In Meinem Staate kann jeder nur nach Meiner Façon selig werden." 

Es liegt ein eigentümliches Vergnügen
darin, wenn man mit seinem Leide prunkt.
Man fühlt sich allzugern als Mittelpunkt
und kann von sich genug nur selten kriegen."

Mein Opa hat die Simplicissiumus-Texte rot angestrichen, die von ihm stammen. Das Papier klebt aneinander, hinterlässt ein stumpfes Gefühl auf den Fingerkuppen. Er hat einige Ausgaben vom Simplicissimus aufgehoben. Kurz nachdem Hitler an die Macht gekommen war,  am 5. Februar 1933, schreibt er:

"Drum les ich jetzt am liebsten Todesanzeigen. Was soll man auch sonst machen?"

Ich spüre Zufriedenheit. Es ist der "Simplicissimus" vor dem Frühjahr 1933, bevor er mit dem Austausch seines Chefredakteurs die Richtung änderte. Als die Presse  "gleichgeschaltet" wurde. 

Ich staple das Papier. Stoße auf weitere Zeitschriften:

"Deutsche Front"

"Deutsche Revolution"

"Der junge Nationalsozialist"

Hakenkreuze auf den Titeln.

Ist sein Name in diesen Blättern zu finden? Nein!

Aber warum hat er sie in seine Kiste gelegt? Es ist ein eigenartiges Gefühl, in einer solchen Nachlasskiste zu wühlen und zu hoffen, nichts darin zu finden. Nichts Verstörendes.

Peter Teuschel: "Bei vielen Menschen, die sich ihren Ahnen annähern, erkenne ich eine große Angst. Werde ich hier auf düstere Geheimnisse stoßen, die mir meine Vorfahren in einem schlechten Licht präsentieren? Trage ich vielleicht das Erbe eines Verbrechers in mir?"

Peter Teuschel, Psychiater in München. Autor des Buches: "Der Ahnen-Faktor. Das emotionale Familien-Erbe als Auftrag und Chance".

Wolfgang Benz: "Man musste von dem strikten Willen durchdrungen sein, nichts zu sehen, damit man nichts sah. Man konnte sich vielleicht nach den ersten Tagen und Wochen nach dem Machterhalt noch sagen, ja, das sind die Rabauken von der SA, jetzt sind die in Siegesstimmung. Jetzt hauen die um sich. Das kann ja nicht lange andauern. So wie wir denken, der Trump, der muss ja auch in die Normalität finden."

Wolfgang Benz, Historiker mit NS-Schwerpunkt.

"Es war immer eine Selbstbeschwichtigung. Es wird schon nicht ärger werden. Der Judenboykott im April ´33 bekam eine ungeheuer schlechte Presse weltweit. Nichts gewusst haben, das ging nicht. Nichts wahrgenommen haben wollen, das geht..."

Ein Brief vom 17. Januar 1941. Mit der Schreibmaschine geschrieben: An den Hauptsturmführer der Kriegsberichterkompanie. Offenbar hat er den Durchschlag verschickt und das Original behalten.

"Mit der Zeit neigt bekanntlich auch der Widerspenstigste dazu, selber schließlich das zu glauben, was man ihm hartnäckig und ohne müde zu werden vorerzählt. ... Es ist ja alles so erbärmlich."

Mein Opa war impulsiv, sagte mein Vater. Aber was hat er gesehen, dass er alle Vorsicht vergaß?

War er tatsächlich einmal so offen regimekritisch?

Mein Großvater schrieb in der NS-Zeit nicht vor allem über Politik. Er war Feuilletonredakteur des Angriff , ging ins Theater, verfasste Kunstkritiken. Er unterhielt die Leser mit Kurzgeschichten. Ab 1940  stellte er sich der Waffen-SS als Kriegsberichter zur Verfügung. Aber selbst von der Front klangen seine Artikel mehr nach Stücken fürs unterhaltende Feuilleton als nach. Kriegsberichterstattung. Er schrieb über Konversationsschwierigkeiten zwischen einem Bayern und einem Franzosen. Über einen Besuch in einer Sauna südlich von Leningrad. Über die Helden an der Front, die nun kochen, waschen, bügeln.

In meiner Schulzeit haben wir drei Mal ein Konzentrationslager besucht. Ignatz Bubis, damals Vorsitzender des Zentralrats der Juden,  kam in unsere Schule. Wir lasen das Tagebuch der Anne Frank. Wir gingen mit der Deutschlehrerin ins Kino und sahen Schindlers Liste, zwei Mal.

In den Nächten wachte ich auf. Ich sah Augen in tiefen Höhlen und  ausgezehrte Körper an der Wand in meinem Kinderzimmer. Wenn wir im Urlaub waren, wollte ich, dass meine Eltern und mein Bruder leise sprachen. Niemand sollte gleich erkennen, dass wir aus Deutschland sind.

Damals fragte ich meinen Vater, auf welcher Seite mein Opa stand, was er erlebt, gesehen, was er gemacht habe. Ich fragte, als gäbe es Schwarz oder Weiß. Als hätten seine Erlebnisse Einfluss auf mich. Als stünde ich durch das, was mein Opa getan hat, auf einer hellen oder einer finsteren Seite.

Mein Vater sagte, mein Opa habe sich nach dem Krieg mehr mit seiner Schreibmaschine beschäftigt als mit ihm. Antisemit? Rassist? Nein, sagte er, er sei gebildet gewesen, feinfühlig.

Mich beruhigte damals der Gedanke, dass mein Opa gar nicht aus Deutschland kam, dass er jugoslawischer Staatsbürger war.

Ich beruhigte mich damit, dass er Kriegsberichterstatter war. Ein Mann des Worts wird nicht ein Mann der Waffe sein!

Hätte er auf die Fragen geantwortet?

Hätte ich meinem Opa damals die Fragen überhaupt gestellt?

"Aachen, den 1.9.1949

Irgendwie habe ich um mich, ohne mir dessen bewusst zu sein, eine unsichtbare Mauer aufgerichtet. Bis zu zwei Metern kommt man an mich heran, so ungefähr, aber dann ist da irgendein Wall, den ich mir zwar wegwünsche, aber ohne einen Finger zu rühren."

Nun ist mein Opa zu Besuch, in Form dieser Kiste. Es ist, als hockte der Mensch, der gestorben ist, als ich ein kleines Kind war, aber ohne den ich nicht hier säße und schriebe, neben mir auf dem Boden im Flur unserer Wohnung. Ich krame in der Kiste und vergleiche sein Leben mit meinem.

Als ich 27 Jahre alt war, habe ich in München angefangen, als Journalistin zu arbeiten. 2005. Als er 27 war, arbeitete er als Zeitungredakteur in München und wurde von zwei Gestapo-Männern aus der Redaktion abgeführt. 1933.

Als ich 35 war, war ich Mutter und arbeite als freie Autorin in Berlin. 2013. Als er 35 war, hatte er zwei Kinder und war - nach vier Jahren prekärer Beschäftigung - Redakteur der nationalsozialistischen Tageszeitung "Der Angriff". Und schließlich Kriegsreporter.

In der Kiste liegt eine Zeitungsseite des "Angriff" von 1938. Herausgeber: Joseph Goebbels. Die Redaktionsmitglieder stellen sich den Lesern vor. Ein kleines Foto zeigt meinen Opa. Er schreibt:

Hermann Pirich, Steiermärker. Ich bin nicht so bös wie ich hier ausseh'. Ich bin zuständig für Kurzgeschichten und Romane und könnte Ihnen auch selber welche schreiben. Leider ist hier kein Platz mehr dafür.

Warum ist er damals nicht an den Ort zurückgekehrt, wo er geboren wurde, nach Pettau an der Drau? Von dort aus hätte er doch schreiben können, was er wollte.

Blieb er in Deutschland, weil er verliebt war?

Und wenn ihm die Nazi-Ideologie zu platt war, warum ist er dann in die Waffen-SS eingetreten? Weil er hoffte, dadurch die Aussicht auf einen Job und eine Wohnung für sich und seine Verlobte zu bekommen? München, 1934:

"So trieb ich weinend mein Pegasuspferdchen zur Futterkrippe voll Honorar, und meiner Geschichte - der wuchs ein Bärtchen aus fein gesponnenem Engelshaar."

Was hätte ich an seiner Stelle getan?

Ich krame mehr Papier hervor. Kriegsberichte. Unterzeichnet von SS-Kriegsberichter Hermann Pirich. Aus Weißrussland. Frankreich. Aus Gibraltar. Seine Texte sind in der Regel unterhaltendes Feuilleton.

Wolfgang Benz, Historiker, langjähriger Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung in Berlin: Als Kriegsberichter konnte man schon damit rechnen, dass man nicht schießt, sondern dass man sich verteidigen können muss, aber dass man psychologischen Krieg führt und die Heimat davon unterrichtet.

Im Bundesarchiv in Berlin-Lichterfelde liegen die "Personenbezogenen Akten" der Mitglieder der SS. Das, was die Nazis gesammelt haben. Ich erfahre:

Hermann Pirich wollte 1936 heiraten, trat 1937 in die NSDAP ein, er war Kriegsberichterstatter in der SS-Standarte Kurt Eggers.

Ich finde auch Eckdaten einer Laufbahn als Journalist in der NS-Zeit. Viel mehr finde ich nicht.

Ich packe die rote Kiste weiter aus.

Eine Landkarte um das Gebiet von Charkow. Zweitgrößte Stadt der Ukraine.

Rot für die Linien der 6. Armee. Schwarz für die SS-Truppen.

Eine Kesselführung.

Im Zweiten Weltkrieg gab es mehrere Schlachten bei Charkow, aber die Kiste erzählt, dass mein Großvater im Januar 1943 an die Ostfront strafversetzt und im Juli verwundet wurde, doppelter Kniedurchschuss. Danach musste er nicht mehr ins Feld zurück, der Marschbefehl lautete, in Triest eine Zeitung aufzubauen: Die "Deutsche-Adria-Zeitung". Bis April 1945 war er deren Chefredakteur.

Dann die Briefe in der Kiste. Dutzende. In Päckchen zusammengebunden. Gefütterte Umschläge, Seidenpapier. Die bewundernswert gleichmäßige Sütterlin-Schrift meines Opas. Die schwungvolle seiner Frau. Briefe aus vier Jahrzehnten, von 1929 bis 1968.

In den 50-er, 60er-Jahren, schreiben meine Großeltern einander auf der Schreibmaschine. Sie leben nach dem Krieg aus beruflichen Gründen an unterschiedlichen Orten, er in West-Berlin, sie am Niederrhein.

Handschriftliche Briefe, gestapelt, auf einer roten Holzkiste (Deutschlandradio / Carolin Pirich)Briefe ihres Großvaters Hermann Pirich auf der roten Kiste (Deutschlandradio / Carolin Pirich)

"Nun aber, Allerliebste, für heute genug, damit der Brief noch mitgeht. Alles Liebe den Kindern - und vor allem an Dich. Dein Dich innig liebender Hermann

Aachen, 14. Juni 1949."

1968 zieht sie zu ihm nach Berlin. Ein Jahr wohnen sie zusammen. Im Januar 1969 stirbt sie an Krebs. 

Erinnern heißt auswählen. Das schrieb einmal Günter Grass, Schriftsteller, ehemals Mitglied der Waffen-SS. Erinnern heißt auswählen.

Mir kommt es gerade so vor: Mein Opa hat ausgewählt, woran er einmal erinnern wollte.  Ich sitze neben der Kiste und ziehe mit den Händen Gedanken heraus. Und Widersprüche. Er ist Jugoslawe, will aber Deutscher sein. Er studiert Jura, wird aber Journalist. Er bewundert die Deutschen für ihre Kultur, beklagt aber die Abwesenheit von Fingerspitzengefühl. Er arbeitet für den demokratischen "Simplicissimus", dann aber für den nationalsozialistischen "Angriff". In einem unveröffentlichten Manuskript bezeichnet er Hitler als "Zerrbild eines Politikers" mit "Sinn für theatralische Gesten" - aber er wird Mitglied der SS.

Mein Großvater war nicht der Außenseiter im Reich der Verbrecher, den ich mir als Schülerin gewünscht hatte. Er war kein Held. Er lavierte sich so durch. Diesen Eindruck gewinne ich beim Kramen in der Kiste. Soll ich diesen Eindruck gewinnen? Was heißt das: in einem Nachlass zu wühlen und auf das angewiesen zu sein, was jemand der Nachwelt zum Lesen überlassen hat?

Matthias Miller, Leiter der Bibliothek im Deutschen Historischen Museum Berlin: "Als ich die rote Kiste gesehen hab, hab ich sofort gedacht, wenn ich die aufklappe und ich sehe darin massenweise Briefe und alte Zeitungen und so..."

Das ist wie das Öffnen einer Zeitkapsel, und diese Zeitkapsel war jetzt wahrscheinlich 60 bis 70 Jahre geschlossen. Wir öffnen das jetzt und bekommen einen unmittelbaren Einblick in die Lebenswelt und die Lebensumstände dieser Menschen, die das vor dieser langen Zeit in diese rote Kiste gepackt haben. Und wenn man eine solche Zeitkapsel in Form einer roten Kiste öffnet, hat man den unmittelbaren Einblick in die Zeit. Denn die Dokumente, die sich darin befinden, sind zum Zeitpunkt des Erlebens entstanden und viel näher am Geschehen dran, als wenn der Mensch 60, 70 Jahre später davon berichtet.

Eine Zeitkapsel. Als mein Opa vor mehr als 30 Jahren gestorben ist, hat er eine Zeitkapsel in die Zukunft geschickt. Vielleicht kam er nicht mehr dazu, sie selbst zu sichten. Vielleicht aber sollte sie erzählen, wovon er nicht sprechen konnte.

Und was erzählt sie nicht?

Es kommt mir so vor, als habe er die Papiere auch für jemanden wie mich in die Kiste gelegt. Damit wir sein Tun und Lassen nachvollziehen können. Bis zu seinem Lebensende haderte er mit sich.

"Allein, dass ich nie zum Vieh geworden bin, ist kein Verdienst. Schon gar keins, auf das man stolz sein kann."

Erhellend ist ein Stapel zusammengehefteter Blätter. Meine Cousine hat sie gefunden, als sie das Lager meines Onkels besuchte, am Abend, bevor der Entrümpler kam. Ende der 70er Jahre schrieb mein Opa sein Leben auf.  

Über die nächsten Runden meiner Gewissenskonflikte war ich dann gekommen mit Hilfe des in Mode gekommenen Stichworts von der "inneren Emigration", bis mir diese Beschönigung meiner Situation, diese faule Ausrede bald zum Halse raushing. Schließlich war ich zu Kreuze - zum Hakenkreuz!- gekrochen. Und das wurde ich zeitlebens nicht los.

Wolfgang Krüger, Tiefenpsychologe, Autor des Buches "Die Geheimnisse der Großeltern": "Die gesamte Ideologie des NS war zum Teil unerträglich platt. Es gibt Menschen, wo man sagen kann, die waren mit dieser dumpfen Ideologie eins. Aber wenn man eine gewisse Intellektualität hatte als Journalist, der muss innerlich zerrissen gewesen sein bei dem, was er schrieb.

Da muss jemand unter Schamgefühlen gelitten haben, und Schamgefühle sind für die Selbstachtung das schlimmste, was es gibt, in dem Augenblick, wo ich Schamgefühle habe, wo ich eigentlich am liebsten verstecken würde – das ist etwas, was das eigene Leben innerlich zerstört."

Die rote Offizierskiste meines Opas wiegt 40 Kilo. Ich blättere mich durch Hirn und Herz eines Menschen von 74 Jahren, der journalistisch gearbeitet hat wie ich, aber unter grundlegend verschiedenen Verhältnissen.

Aus Hermann Pirichs Notizen: "Die Zeit heilt alle Wunden, heißt es. Komisch, bei mir scheint das nicht zuzutreffen."

Am 4. Oktober 1980 ist Hermann Pirich gestorben.

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