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Nachspiel | Beitrag vom 03.06.2018

Kraulen will gelernt seinImmer weniger Deutsche können schwimmen

Von Fritz Schütte

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Zweitklässler von zwei Neuköllner Schulen rutschen am 03.06.2015 im Kombibad in Gropiusstadt in Berlin eine Wasserrutsche hinunter. Rund 70 Kinder eröffneten zuvor mit einem Sprung in Wasser das Pilotprojekt "Neuköllner Schwimmbär" zum Angstabbau vor Wasser und einer optimalen Vorbereitung auf dem Schwimmunterricht in der Schule. (Stephanie Pilick/dpa)
Keine Angst vor Wasser! - Zweitklässler machen beim Projekt "Neuköllner Schwimmbär" in Berlin mit. (Stephanie Pilick/dpa)

Am Ende der dritten Klasse sollen Kinder schwimmen können. So der Anspruch. Aber nur 40 Prozent erwerben das Schwimmabzeichen in Bronze, können also 200 Meter weit schwimmen. In Berlin soll unter anderem das Projekt "Neuköllner Schwimmbär" Abhilfe schaffen.

"Ich habe immer wieder so Phasen gehabt, wo ich Menschen beneidet habe, die schwimmen können, und gedacht habe: Ach, das ist doch was Tolles, und ich kann das nicht. Ich hatte Angst einfach", erzählt Schwimmschülerin Helen.

"Ich wusste ja, wie es geht. Ich hätte mich auf einen Stuhl legen können oder auf den Boden", sagt Dieter. "Aber da war einfach dieses Erlebnis: Ich gehe unter, wenn ich im Wasser bin. Und das hat sich so stark verankert, dass es sich jedes Mal wieder bestätigt hat. Also, ich bin ja jedes Mal abgesoffen, bin dann wieder hoch gekommen und habe gemerkt: Das fühlt sich einfach blöd an, das ganze Wasser in der Nase, im Mund oder noch im Hals zu haben, im Wasser dann zu husten. Und dann wusste ich: Das geht einfach nicht." Dieses Nicht-Schimmen habe sein Leben lange Zeit erheblich beeinflusst. "Ich konnte viele Sachen nicht machen, die für andere selbstverständlich gewesen sind."

 "Ich sehe manchmal, wenn ich im Schwimmbad bin, die Menschen schwimmen, so wie ein Frosch mit den Bein- und Händebewegungen", sagt Schwimmschüler Erzin. "Ich habe gedacht, so will ich auch mal schwimmen. Wenn man nicht schwimmen kann, ist das nicht schön." 

Viele Kinder waren noch nie in einem Schwimmbad

In Deutschland sollen die Kinder am Ende der dritten Grundschulklasse schwimmen können. So der Anspruch. Aber nur 40 Prozent erwerben das Schwimmabzeichen in Bronze, das heißt, sie können 200 Meter weit schwimmen und brauchen dafür höchstens fünfzehn Minuten.

Im Berliner Stadtteil Neukölln blieben trotz Schwimmunterricht vier von zehn Kindern Nichtschwimmer. Viele lassen vor lauter Angst während des gesamten Schwimmunterrichts den Beckenrand nicht los. Einer der Gründe: Die meisten waren vorher noch nie in einem Schwimmbad.

Um dem Trend entgegenzusteuern, wurde vor vier Jahren das Projekt "Neuköllner Schwimmbär" ins Leben gerufen, ein fünftägiger Wassergewöhnungskurs für Zweitklässler.

"Herzlich willkommen heute Morgen hier in unserem wunderschönen Schwimmbad in der Gropiusstadt", sagt Karin Korte. Zum Saisonauftakt des Schwimmbären hat die Schul- und Sportstadträtin ins Café Wasserfloh eingeladen. "Ich begrüße hier mit mir am Tisch Frau Daniela von Hörschelmann, die Vorstandsvorsitzende und Schwimmtrainerin vom Schwimmbär e.V. ist, die auch die Idee für dieses Projekt hatte."

Durch hohe Glasscheiben fällt der Blick ins Schwimmbad. In den kommenden acht Wochen werden hier 2700 Kinder ins Wasser steigen, die Hälfte aller Zweitklässler in Berlin-Neukölln. 21 Grundschulen nehmen am Schwimmbär teil.

Die Nichtschwimmerquote halbiert

"Als wir angefangen haben, war die Nichtschwimmerquote der Neuköllner Kinder in der dritten Klasse bei 42 Prozent", erzählt Karin Korte. "Nach drei Mal Schwimmbär konnte diese Quote gesenkt werden auf 22 Prozent, und das ist ein Wahnsinnserfolg."
 
"Wir fangen immer an mit: Blubbern ins Wasser, Gesicht-Nassmachen, Untertauchen", sagt Trainerin Daniela von Hörschelmann. "Und nachher geht es aber auch darum: auf den Rücken legen, schweben, und ganz am Schluss steht immer der Sprung. Das Leben ist leider nicht so, dass man immer mit dem Kopf über Wasser bleibt. Manchmal geht man auch unter, und dann muss man eben sehen, wie man wieder hoch kommt."

Auf der Bank am Fenster sitzen jetzt Kinder aus der "Grundschule am Fliederbusch". "Ich kann nicht ohne Schwimmflügel schwimmen", sagt eines. "Ich kann gar nicht schwimmen." – Ich kann auch nicht schwimmen."
 
"Okay, guten Morgen", begrüßt Schwimmlehrerin Hörschelmann die Schüler. "Wir heißen euch herzlich willkommen zum Neuköllner Schwimmbär, und wir gehen heute mit euch ins Wasser. Jeder bekommt so einen Schlori umgebunden." – Schlori steht für "schwimmen lernen ohne Risiko". Die Schwimmkissen sehen bei den Kindern aus wie Flügel.

"Ich war nur ein einziges Mal in meinem Leben schwimmen. Das war aber nicht so tief", meint eines der Kinder. Das Besondere am Schwimmbär ist, dass es gleich ins tiefe Wasser geht. Vier Betreuer steigen mit ins Becken. Kinder, die schon schwimmen können, dürfen auf eine Extrabahn. Für Kinder, die Angst haben, liegen zusätzlich Schwimmnudeln aus Schaumstoff bereit.

"Ich konnte vorher noch nicht schwimmen. Diese Woche war ich zum ersten Mal im Schwimmbad. Aber im Sommer gehe ich bei meiner Oma. Die wohnt in Thüringen."

"Also ich wohne beim Buckower Damm, und da gehe ich immer Schwimmen mit meiner Familie."

Kein Geld fürs Schwimmbad

"Wenn, dann musste man ja für Unterricht immer bezahlen, und das Geld hatten meine Eltern nicht", erzählt Dieter. "Und wer – auch wenn das vielleicht so nicht ausgesprochen wurde… Aber wer zu blöd ist zum Schwimmen, ist selber schuld." Dieter ist Heilpraktiker, joggt, geht ins Fitnessstudio und fährt Motorrad. Kein ängstlicher Mensch. Aber Schwimmen? Er gehört zu den Menschen, die es als Kind nicht gelernt haben. "Meine Geschwister konnten schwimmen. Ich weiß ich aber gar nicht genau, woher – weil: Wir waren ja nie zusammen schwimmen."

Dass viele Kinder in Neukölln noch kein Schwimmbad von innen gesehen haben, mag daran liegen, dass die Eltern sparen müssen. Aber es gibt noch einen weiteren wichtigen Grund, sagt Matthias Oloew von den Berliner Bäder-Betrieben. "Wir zum Beispiel hier in Berlin haben fast ausschließlich Hallenbäder, die in den 60er-, 70er-Jahren gebaut worden sind: ein sportliches Schwimmbecken, 25 oder 50 Meter, ein Sprungbecken und ein ebenso quadratisches Nichtschwimmerbecken. Das ist zum Beispiel für Familien, die mit ihren Kindern planschen wollen, relativ unattraktiv."

In Freibädern sieht es besser aus, aber die haben den Nachteil, dass sie die Hälfte des Jahres geschlossen sind. "Das besucherstärkste Schwimmbad, das wir in Berlin haben unter den Hallenbädern, ist das Stadtbad Schöneberg in der Hauptstraße." Ein Bad mit 25-Meter-Becken, Sprungturm, Nichtschwimmerbecken. "Aber es bietet auch Whirlpools, ein Kleinkindplanschbecken, eine Rutsche. Es bietet ein Ganzjahresaußenbecken. Das heißt, da ist für jeden etwas dabei." Davon gebe es aber viel zu wenig in der Stadt. "Tatsächlich ist dieses Bad das einzige, das diese Kriterien voll erfüllt, und das ist für eine Stadt von fast 3,6 Millionen Einwohnern viel zu wenig."

"Ich gehe auch ins Fitnessstudio zwei Mal in der Woche, aber ich möchte auch schwimmen können. Sehr schöner Sport, finde ich, Schwimmen. Ich möchte schwimmen lernen." -  Katriye zieht zusammen mit anderen Schwimmschülern ihre Bahnen im Stadtbad Schöneberg. Sie hat die Arme auf ein Schwimmbrett gestützt und versucht, sich mit den Beinen abzustoßen.

"Irgendwann möchte ich richtig schwimmen lernen" 

Schwimmlehrer Mike Strempel weiß, dass es einige seiner Schützlinge Überwindung kostet, den Kopf unter Wasser zu halten.

"So noch einmal eine Ausatemübung. Kompletter Kopf unter Wasser. Unter Wasser ausatmen! Im Kopf bis drei zählen!", weist sie ihre Schüler an. "Noch mal ausatmen und dann erst wieder hoch kommen! Die Hände bleiben die ganze Zeit am Beckenrand. Also, festhalten! Denkt dran, auspusten, im Kopf bis drei zählen, noch mal auspusten und dann wieder hochkommen."
 
Schwimmkurse für Erwachsene werden in fast allen Bädern angeboten. Im Stadtbad Schöneberg kostet ein Kurs, zehn mal 45 Minuten, 95 Euro. "Als Kind habe ich es mir selber beigebracht. Ich habe meinen Hund imitiert, wie er schwimmt", erzählt Tang. "Und da bin ich geschwommen wie ein Hund. Und alle Erwachsenen haben gesagt: Wie schwimmst du denn? Und jeder hat mir etwas beigebracht. Aber das war nicht richtig. Und irgendwann möchte ich doch richtig schwimmen lernen." 
 
Tang ist in Vietnam aufgewachsen und hat als Kind den Schwimmkurs abgebrochen, weil sie Angst vor dem Trainer hatte, der mit einem Megaphon am Beckenrand auf- und ablief.

Erzin stammt aus der Türkei. "Ich bin mit vierzehn Jahren nach Deutschland gekommen vom Schwarzen Meer", erzählt er. "Ich kann ein bisschen schwimmen. Ich kann mich über Wasser halten, aber Hin- und Zurückkommen ist schwierig. Wir gehen manchmal am Meer in Urlaub, und ich habe immer diese Schwimmweste. Dann sieht das peinlich aus. Und deswegen hat sich meine Frau angemeldet und dann – Überraschung – hat sie mich auch angemeldet."

Helen hat ihre Kindheit in Schlesien verbracht, ist aber, wie sie sagt, irgendwie um das Schwimmenlernen herumgekommen, "obwohl ich auf dem Land aufgewachsen bin und schon mit Wasser konfrontiert war, wir hatten schon da so ein Teich gehabt, in dem wir geplantscht haben."

"Wir haben immer Angst gehabt"

"Meine Kinder sind ja hier aufgewachsen und haben das schon in der dritten Klasse gelernt", sagt Schwimmschüler Erzin. "Wir konnten nicht schwimmen. Wir haben immer Angst gehabt. Ich weiß nicht. Hier sollen wir zehn Unterrichtsstunden haben, aber ich glaube nicht, dass wir da vorankommen."

"Mit 28 habe ich auch gesagt: Ja, ich mache einen Schwimmkurs für erwachsene Anfänger – und habe dann das nach drei-, vier Mal einfach abgebrochen, weil ich fürchterliche Angst hatte", sagt Helen. "Irgendwie passte das vielleicht auch nicht von der Gruppe oder vom Schwimmlehrer. Ja, und jetzt habe ich so ein Ziel und versuche da jetzt dran zu bleiben, auch wenn ich noch fürchterliche Angst habe."

"Es ist für mich auch wieder eine neue Erfahrung, mich auszuprobieren und mich darauf einzulassen", sagt Dieter. "Ich glaube, das ist eine Wahnsinnserfahrung, dass ich das in meinem Alter noch lernen kann." Er ist Anfang sechzig. Die Angst vor tiefem Wasser hat seine Jugend mitgeprägt, denn es gab immer wieder Gelegenheit, bei denen er ihr ausgesetzt war.

"Das Peinliche war natürlich Schulschwimmen. Da gab es den einen Lehrer, und dann war da noch jemand vom Personal vom Schwimmbad, und die haben eine lange Stange gehabt, an der vorne so ein Metallring befestigt ist. Und dann sollten wir ins Wasser gehen, und sie haben den Ring über uns gelegt, und wir sollten dann in dem Ring schwimmen. Aber das hat nicht funktioniert. Also, entweder bin ich herausgefallen, oder ich habe einfach Panik gehabt. Sobald ich keinen Boden unter den Füßen hatte, hat das alles nicht hingehauen. Dann gab es mehrere Anläufe, und dann hat, glaube ich, unser Turnlehrer oder Schwimmlehrer entnervt aufgegeben, und es hieß dann eben: Nichtschwimmer gehen jetzt ins Planschbecken, weil alles andere war eben tabu. Und deswegen war Schwimmsport jedes Mal für mich wie eine Erniedrigung."

"Es ist ja nicht nur Überleben, es ist Teilhabe"

"Jeder muss schwimmen lernen. Das finde ich ganz, ganz wichtig", sagt Astrid Touray. "Es ist ja nicht nur Überleben, es ist wirklich ganz klar Teilhabe." Sie ist beim Landessportbund Bremen zuständig für Integrationsarbeit. Zusammen mit DLRG und Bremer Sportvereinen organisiert sie Schwimmkurse für Geflüchtete, eine Bevölkerungsgruppe, in der Schwimmkenntnisse nicht besonders verbreitet.

"Es gibt ja auch Länder, wo das sogar tabuisiert wird, weil die am Atlantik liegen, da sind die Strömungen so gefährlich, dass die Kinder aufwachsen mit: Da sind Geister im Wasser. Da darfst du nicht rein. Und auf diese Menschen treffen wir jetzt. Ich bin mal mit einer Gruppe afrikanischer junger Menschen schwimmen gegangen, die mir alle sagten, dass sie schwimmen können, und dann habe ich das erlebt, wie die mit Hundepaddeln vorwärtskommen, und ich habe gedacht: Oh Gott, ich kann die gar nicht alle retten."

Der Landesportbund mietet die Trainingszeiten in den Bädern und ist auf die Mithilfe von DLRG und Sportvereinen angewiesen, denn die Geflüchteten können die Kurse nicht selber bezahlen.

"In den letzten drei, vier Jahren bin ich sehr stolz auf den Bremer Sport. Also was die Vereine geleistet haben, hat mich wirklich schon auch glücklich gemacht", sagt Astrit Touray. "Jetzt haben wir vielleicht so fünfhundert Jugendliche in unseren Kursen gehabt, aber wir haben ja Tausende, die hierhergekommen sind. Also, das ist Arbeit für Jahre."

"Mustafa, ohne Pause!", ruft Fadi Alahmad Alhaj Khalifa und geht am Beckenrand auf und ab. Er war in Syrien Schwimmtrainer und ist nach Deutschland geflüchtet. Der 13-jährige Mustafa hat hier im Hansewellenbad in Bremen das Schwimmen erlernt und legt jetzt seine erste Prüfung ab: "Acht Bahnen muss er schwimmen unter 15 Minuten und auch ein bisschen tauchen und einmal springen für Bronze."

Ein weiterer Schüler schwimmt auf der gleichen Bahn, kann den Kopf aber knapp über Wasser halten. Er heiße Hassan, erzählt er. "Ich komme aus Syrien und bin zwölf Jahre alt. Drei Mal, vier Mal war ich hier. Also, ich bin neu hier."

"Und Arme jetzt, Arme und Beine, und Kopf über Wasser bleiben. Okay. Jetzt muss er probieren, auf dem Rücken zu schwimmen mit Schwimmnudel zwei Bahnen und danach ohne Schwimmnudel", sagt Schwimmlehrer Fadi.

Zwei Freundinnen sind noch mit Schwimmnudeln unterwegs. Mozhgan und Zhenos kommen aus Afghanistan: "Jetzt ich lerne. Das erste Mal lerne ich Schwimmen. Ich komme sechs oder sieben Mal hierher. Ich kann ein bisschen, und ich habe keine Angst." Mozghan hält sich oft am Beckenrand fest, obwohl es aussieht, als könne sie schon schwimmen. "Ja, ich kann, aber ich habe so viel Angst. Ja, ich weiß nicht, mal gehe ich ins Wasser, dann kann ich nicht schwimmen."

Brustschwimmen ist nicht so einfach

"Das Brustschwimmen ist ja die technisch schwerste Schwimmlage", sagt Hans Stünker, Abteilungsleiter Schwimmen beim Bremer Sport Club.  "Rücken und Kraul ist natürlich einfacher. Da bewegst du halt nur die Beine, Strampelbeine sagen wir dazu. Und diese Koordination beim Brustschwimmen ist nicht so einfach. Es gibt Kinder, denen erzählst du das einmal, und dann machen die das. Es gibt aber auch Kinder, da dauert das halt seine Zeit."

Im Westbad trainieren Jugendliche fürs Schwimmabzeichen. Sie sind Anfang 20 und nach Deutschland geflüchtet. "Der Fortgeschrittenenkurs ist das. Wir üben gerade das Tauchen, weil das fürs Bronze ja auch wichtig ist. Der Rest läuft schon ganz gut, nur beim langen und tiefen Tauchen gibt es noch immer ein paar Probleme."

Felix Mildt absolviert das Bundesfreiwilligenjahr bei der DLRG und leitet den Kurs zusammen mit Montran Szameitat. "Unsere Teilnehmer haben in kürzester Zeit das Schwimmen erlernt. Manche konnten gar nicht schwimmen, hatten Angst, überhaupt ins Wasser zu gehen, und haben es in kürzester Zeit geschafft, jetzt sogar ein Abzeichen zu machen."

Die Schüler des folgenden Kurses sind Anfänger. Junge Männer, die allesamt ziemlich gut trainiert aussehen. "Ich heiße Ibrahima und komme aus Guinea in Westafrika", stellt sich einer von ihnen vor. "Ich habe nie geschwommen dort. Weil ich auch Angst hatte vor den Krokodilen."

"Ich heiße Mohammed Hawali und komme auf Afghanistan", erzählt ein anderer. "Ich wollte früher schwimmen lernen in meinem Land. Aber ich konnte nicht, leider. Eintauchen konnte ich nicht. Deswegen bin ich hier. In meinem Dorf gab es einen Fluss, und wir haben Ausflüge mit unserer Familie gemacht."

"In unserem Land ist es nicht so wie hier. Wir lernen nicht Schwimmen in der Schule. Wir müssen es selber lernen. Ich kann schwimmen, aber nicht so gut. Deswegen bin ich auch zum Schwimmen gekommen." 
 
Der Anfängerkurs zieht ins Nichtschwimmerbecken um: "Auseinander- und zusammenführen die Arme und kräftig nach vorne wieder! Immer schön zusammen! Handflächen zusammen! Okay?" - Je älter man wird, umso schwieriger wird es offenbar, Schwimmen zu lernen, und es dauert länger. Das gilt ja auch für Lesen- und Schreiben lernen. Nur dass man dabei nicht auch noch Ängste überwinden muss.

"Das sieht für den ersten Tag schon ganz gut aus", meint Schwimmlehrer Felix Mildt. "Die meisten kamen hierher und haben erst mal ein bisschen Muffe gehabt. Also, es ist selten, dass jemand hierher kommt und sagt: ich springe direkt rein." Im Trainingsbecken ist das Wasser 1, 20 Meter tief. Der Boden kann aber abgesenkt werden. Alle zehn Schwimmschüler bekommen ein Schwimmbrett aus Schaumstoff. 

"Wir nehmen das Brett. Vorne haltet ihr das so fest. Schön lang gestreckt lassen! Und nur die Beinarbeit machen! Konzentriert euch nur auf die Beine: Wie eine Froschbewegung. Dass ihr die dann einfach angewinkelt, kräftig auseinander stößt und wieder zusammen. So weit, wie ihr kommt." - Das Schwimmbrett sorgt dafür, dass der Oberkörper Auftrieb bekommt und Anfänger den Kopf über Wasser halten können.

"Klar, es ist das Problem, dass viele erst mal absacken, und dann muss natürlich der Rumpf nach oben gebracht werden, damit dann die Schubkraft dementsprechend wirkt, dass man dann nach vorne schwimmt."

Über die Gründung des DLRG

"In meinen 42 Jahren habe ich schon einige Leute aus dem Wasser gezogen", sagt Frank Villmov. Er ist seit seiner Jugend Rettungsschwimmer und jetzt Landeseinsatzleiter der DLRG. Die mit 550.000 Mitgliedern größte freiwillige Wasserrettungsorganisation der Welt wurde vor mehr als 100 Jahren gegründet. "Einer der Gründe war, dass Anfang des letzten Jahrhunderts nur fünf Prozent der deutschen Bevölkerung schwimmen konnte."

Die Einsatzleitstelle der DLRG liegt an der Scharfen Lanke, einer Havelbucht in Berlin Spandau. Das Haus hat eine Dreiecksform und sieht aus wie ein Segel. Es beherbergt den Tauchturm, in dem Tiefenrausch simuliert werden kann. Ein Tor zur Havel kann geöffnet werden, um Boote in der Halle zu reparieren. Das Haus war Anfang der 70er-Jahre eine architektonische Sensation und steht unter Denkmalschutz.

"Das Haus ist ja von den bekannten Architekten Ludwig Leo gebaut worden, er war Schüler von Walter Gropius. Er wollte damals ein Schiff auf Land bauen und deswegen befinden wir uns hier im Prinzip auf der Kommandobrücke, auf der Einsatzleitstelle." 

Wenn Sportboote oder Segler kentern, sind Einsatzboote der DLRG in einigen Minuten zur Stelle. Nichtschwimmer haben oft Respekt vor Wasser. Riskant wird es, wenn er fehlt.
 
"Wir haben immer wieder Leute, die unbedingt über den See schwimmen müssen, der dann vier-, fünf-, achthundert Meter breit ist. Und wenn sie drüben mit Mühe ankommen und schon leicht ausgekühlt sind, müssen sie die achthundert Meter ja wieder zurückschwimmen. Ich meine, wenn einer im See schwimmen will, kann er ja auch parallel zum Ufer schwimmen. Dann sind es nur fünfzig Meter bis zum Ufer. Das ist genauso schön und genauso lange. Das hat man immer wieder, dass Leute sich überschätzen. Und gerade im Wasser kann man Entfernungen sehr, sehr schwer einschätzen. Also, wir haben hier, wenn Sie jetzt hier rausgucken, fünf-, sechshundert Meter bis zur anderen Uferseite, und das unterschätzen eben gerade Ältere, weil sie sagen: Das haben wir immer gemacht, wir sind da immer über den See geschwommen." 

"Wenn wir irgendwo hingefahren sind zum Schwimmen, konnte ich nie ins Wasser, oder wenn, dann nur mit den Füßen rein", sagt Dieter. "Und ich habe das natürlich versucht, so gut es ging, zu verbergen, wenn wir dann, als ich schon erwachsen war, an irgendwelche Seen gefahren sind. Ich denke, die anderen werden das schon gemerkt haben, dass ich da nicht reingegangen bin, aber, ja: Es ging nicht."

Dieters Angst vor tiefem Wasser hat seine Ursache in einem Erlebnis in der Kindheit. "Ich muss sieben oder acht Jahre alt gewesen sein", erzählt er. "Da waren wir in einem Freibad. Und da gab es ein Schwimmerbecken mit einer Wasserrutsche, und ich wollte unbedingt auf diese Wasserrutsche. Aber die Voraussetzung war: Man musste schwimmen können. Dann war mein Vater hinter mir. Ich weiß aber nur noch, dass er mir einen Schubs gegeben und gesagt hat: Wenn du reinfällst, kannst du schwimmen! Das hat aber nicht funktioniert. Also, ich bin dann ins Wasser gefallen, aber bin einfach, wie es sich für einen Stein gehört, untergegangen und habe ziemlich viel Wasser geschluckt, und weiß dann, dass mein Vater mich herausgezogen hat aus dem Wasser. Und meine Mutter hat mit ihm geschimpft: Du kannst doch den Jungen nicht ins Wasser schmeißen! Der kann doch noch gar nicht schwimmen! Mein Vater hat aber nur gesagt: Ich dachte, der lernt das dann. Ja, und das hat mich dann viele Jahre begleitet."

"Jetzt ist kein Angstkind mehr dabei"

Vor dem Schwimmbad in der Neuköllner Gropiusstadt treffen die Zweitklässler aus der "Grundschule am Fliederbusch" ein. Heute ist der dritte Tag "Schwimmbär".

"Wie läuft es mit Schwimmen?" – "Gut. Wir springen heute vom Dreier. Wer will. Wer es sich zutraut." –"Tag drei ist doch schon etwas anderes", sagt die Schwimmlehrerin. "Sie war zum Beispiel nicht alleine unterwegs bis jetzt. Und jetzt ist sie alleine unterwegs. Sonst musste man sie die ganze Zeit noch festhalten."

Nicole Hilarius stützt sich auf den Beckenrand. Sie hat den "Neuköllner Schwimmbären" mit ins Leben gerufen und blickt stolz auf die Kinder, die hinter einem Schwimmtrainer herschwimmen. Es sieht aus wie eine Entenfamilie: "Jetzt ist kein Angstkind mehr dabei. Alle bewegen sich frei im Wasser, und alle haben jetzt die Chance schwimmen zu lernen, wenn nicht bei uns, dann in Klasse drei."

Am Anfang des Schuljahrs stellt Nicole Hilarius den "Schwimmbären" auf Elternversammlungen vor. Denn, was hier passiert, ist ungewöhnlich. Die Wassergewöhnung findet in tiefem Wasser statt. Die Trainer nehmen auch Kinder, die sich nicht trauen mit ins Becken: freiwilliger Zwang, wie Nicole Hilarius das nennt.

"Der war völlig panisch, völlig steif, völlig hysterisch"

"Damit ich die Chance habe, ihnen zu zeigen, dass das nicht schlimm ist, muss ich sie halt auch manchmal kurzfristig überzeugen, dass sie jetzt reinkommen. Das können Lehrer nicht tun. Lehrer dürfen ein Kind nicht ins Wasser holen. Lehrer gehen nicht ins Wasser. Und wie soll ich ein Angstkind überzeugen, dass es keine Angst haben braucht. Und das können Lehrer nicht machen. Die haben ja gar nicht die Chance. Die stehen mit zwölf, fünfzehn Kindern am Beckenrand. Wie sollen sie sich darum Kinder kümmern, die nicht reingehen? – Also, wir haben hier schon die schärfsten Sachen erlebt, dass Geschwister gesagt haben: Da ertrinkst du auf jeden Fall. Jetzt ist er ein Superschwimmer geworden. Aber der hat es echt schwer gehabt, weil ihm immer von seinen lieben Geschwistern – das war Gemeinheit natürlich – erklärt worden ist: Hier ertrinkt er, das überlebt er nicht. Und so ist der schon zu uns gekommen. Der war völlig panisch, völlig steif, völlig hysterisch. Wir hatten richtig blaue Flecken an den Armen. Der ließ sich nicht überzeugen, weil seine Geschwister gesagt haben: hier stirbt er."

"Ich konnte die ganze Zeit eben nicht schwimmen und habe auch nicht damit gerechnet, dass ich jemals Schwimmen könnte in meinem Leben", erzählt Dieter. Hoffnung kam auf, als er zusammen mit seiner Freundin in Urlaub fuhr, und sie Rast an einem Bergsee machten, der höchstens einen Meter tief war.  "Und dann hatte sie gemeint: Hier kannst du jetzt schwimmen lernen. Sie hat also ihre Hand unter meinen Bauch gehalten und sagte: So, jetzt machst du die Bewegung! Ich kannte das ja auch alles, aber es hatte ja noch nie funktioniert. Deswegen dachte ich, das müsste ich eigentlich nicht machen, weil es ja sonst auch nie funktioniert hat. Aber ich habe dann die Bewegung gemacht, und dann hat sie zwischendurch den Arm auch mal weggenommen und einfach gesagt: Ja, siehst du, jetzt schwimmst du. Ich sagte: Ja. Aber es ist ganz schön anstrengend. Ich gehe ja immer unter. – Ja, das liegt daran, weil es nur einen Meter tief ist. Und wenn es tiefer ist, dann kannst du auch richtig schwimmen.’"

Im darauffolgenden Jahr hatte die Freundin gewechselt. Reiseziel war die zerklüftete Küste Sardiniens, die wegen der smaragdgrünen Farbe des Wasser Costa Smeralda heißt. "Das Wasser war phänomenal, aber es war auch sehr tief. Und ich hatte nur im Ohr, dass sie gesagt hatte, also die Freundin davor: Du kannst ja jetzt schwimmen. – Ja, und dann habe ich den Jumper gemacht, bin also richtig aus mehreren Metern Höhe runter in dieses wunderbare klare Wasser, und dann bin ich geschwommen, habe auch probiert, mich auf den Rücken zu drehen, auf dem Rücken zu schwimmen, hat auch funktioniert. Ein paar Tage später kam dann aber schon ziemlicher Wellengang, war aber warm und ich bin dann auch ins Wasser, habe aber dann schon gemerkt, wie viel Kraft dieses Wasser hat. Gut, das hat mich dann noch eine Weile begleitet, aber diese, ich sage jetzt mal, neunzigprozentige Sicherheit, die hat mich nicht mehr verlassen seitdem. Aber ich habe trotzdem großen Respekt vor Wasser."

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