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Studio 9 | Beitrag vom 23.05.2015

KonvertitenAus Abolfazl wird Alex

Von Susanne Arlt

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Gottesdienst in der Evangelisch-Lutherischen Dreieinigkeitskirche in Berlin-Steglitz, in der neue Gemeindemitglieder aus Iran und Afghanistan getauft werden. (dpa / picture alliance / Lukas Schulze)
Taufgottesdienst für Iraner und Afghanen (dpa / picture alliance / Lukas Schulze)

In den vergangenen Jahren sind Tausende Iraner nach Deutschland geflohen. Immer mehr von ihnen wollen Christen werden. In der Dreieinigkeitskirche in Berlin-Steglitz werden inzwischen fast jede Woche Konvertiten getauft. Alex Amya ist einer von ihnen.

Die Begrüßung fällt sehr herzlich aus: Pfarrer Gottfried Martens drückt Alex Amya fest an seine Brust, klopft ihm auf die Schulter. Für einen kurzen Moment halten beide inne. Alex heißt mit Vornamen eigentlich Abolfazl. So steht es in seinem iranischen Pass. Aber diesen Namen möchte der 29-Jährige nicht länger tragen.

"Ich mag diesen Namen nicht! Es ist ein arabischer Name, den hat mir meine Familie gegeben. Dieser Vorname, Abolfazl, er ist ein Symbol für den Islam. Er steht für einen Glauben, an den ich nicht mehr glaube. Und darum will ich meinen Vornamen ändern, wenn ich jetzt ein Christ werde. Ich will dann doch keinen muslimischen Namen mehr tragen."

Alex Amya, sechs Frauen und weitere acht Männer aus dem Iran sitzen an zwei langen Tischreihen im Gemeindesaal der Dreieinigkeitskirche in Berlin-Steglitz. Der abgedunkelte Raum ist so unscheinbar wie der ganze Kirchenbau aus den 20er Jahren. Doch die triste Einrichtung stört die 15 muslimischen Frauen und Männer nicht. Sie fühlen sich wohl hier. In zwei Tagen wollen sie dem Islam abschwören und sich stattdessen zum Christentum bekennen. Heute absolvieren sie die letzte Stunde ihres dreimonatigen Taufunterrichts.

Bereits mehr als 500 Muslime getauft

Am Kopfende der beiden Tischreihen steht Pfarrer Martens. Er gehört der selbstständigen evangelisch-lutherischen Kirche an, einer konservativen Strömung des deutschen Protestantismus. Hinter ihm an der Wand hängt ein gekreuzigter Jesus, darüber ein Plakat mit der Aufschrift: Orientierung geben.

Dass sich in den vergangenen Jahren mehr als 500 Muslime in seiner Kirche taufen ließen, findet er wunderbar. Dass es Flüchtlinge sind, die in Deutschland um Asyl suchen, stört ihn nicht. Die wenigsten ließen sich taufen, um sich dadurch Vorteile zu verschaffen, glaubt Martens.

"Das ist völlig klar, das ist auch etwas, was ich sehr offen thematisiere. Ich versuche dem natürlich zu begegnen. Vor allem, wenn dann Leute ankommen, die schon durchgefallen sind durchs Asylverfahren und dann sagen, jetzt will ich Christ werden. Dann sage ich auch selber, also Leute, dass müsst ihr mir wirklich jetzt erst einmal zeigen, dass ihr auch wirklich das ernst nehmt und dass ihr das nicht nur instrumentalisiert."

Pastor Gottfried Martens segnet in der Evangelisch-Lutherischen Dreieinigkeitskirche in Berlin-Steglitz die kleine Meliza vor ihrer Taufe. (dpa / picture alliance / Lukas Schulze)Pastor Gottfried Martens segnet in der Evangelisch-Lutherischen Dreieinigkeitskirche in Berlin-Steglitz die kleine Meliza vor ihrer Taufe. (dpa / picture alliance / Lukas Schulze)

Er habe auch schon Taufbewerber abgelehnt, sagt er. Aber diese Sorge müssen die 15 Frauen und Männer an diesem Abend nicht haben.

"Ja, ich freue mich, dass ihr alle gekommen seid ... Ich teile jetzt erst einmal das erste Blatt aus, wo der Ablauf beschrieben ist..."

Sein iranischer Helfer Benjamin übersetzt, wie das Bekenntnis am Sonntag vonstatten geht. Auch das Glaubensbekenntnis wird geprobt – allerdings auf Persisch. Viele der 15 Anwärter lesen vom Blatt ab. Alex aber spricht frei. Das Bekenntnis kann der 29-Jährige längst auswendig.

Nach iranischem Recht darf er gar nicht zum Christentum konvertieren, darauf steht die Todesstrafe. Trotzdem hat er immer wieder an geheimen Gottesdiensten in Wohnungen teilgenommen. Bis sich schließlich der Geheimdienst nach ihm erkundigte. Alex bekam es mit der Angst zu tun. Wenn der 29-Jährige über seinen Glauben spricht, dann macht er das lieber auf Farsi, seiner Muttersprache.

"Im Iran mussten wir unsere Gottesdienste heimlich abhalten"

"Im Iran kann man sich nicht taufen lassen! Man kann dort nur vom Herzen her Christ sein, aber man darf diese Religion weder öffentlich praktizieren noch kommunizieren. Unsere Gottesdienste mussten wir darum immer heimlich abhalten. Und viele unserer Pastoren wurden inhaftiert. Keiner von uns weiß, was mit ihnen geschehen ist."

Der junge, hübsche Mann lächelt oft, er ist ein höflicher Mensch. Doch seine braunen Augen erzählen etwas Anderes. Im Januar ist der studierte Agarökonom nach Deutschland geflüchtet. Aber ist das wirklich ein gutes Leben, wenn man seinen wahren Glauben verheimlichen muss, fragt er. Auch vor der eigenen muslimischen Familie? Die ist streng gläubig. Seine Mutter kann seinen Wunsch zur Konversion nicht verstehen.

"Also das hat mehrere Gründe. Einer der einfachsten Gründe ist, dass es im Islam sehr viele Regeln gibt, aber keiner sich daran hält. Und der andere Grund ist, dass es im Islam sehr viel Groll gibt, und vieles versucht man, mit Gewalt durchzusetzen. 

Die islamischen Führer, 'die Mullahs' sagen, der Islam sei die beste, die perfekte Religion auf der Welt. Sie wollen uns vorschreiben, was wir zu tun haben und berufen sich dabei auf den Koran. Aber sie selber halten sich nicht an diese Vorschriften, das sieht man ja in der Gesellschaft. Für mich ist das keine perfekte, keine richtige Religion, darum kann ich sie auch nicht weiter praktizieren."

Lossagen vom Satan, dann vom Islam

Zwei Tage später steht Alex Amya im Kirchensaal. Er trägt ein blau-weiß gestreiftes Hemd und eine dunkle Jeans. Er unterhält sich leise mit Tobias Janzen. Seinem Taufpaten. Den Hilfspastor kennt er aus seinem Flüchtlingsheim im brandenburgischen Brück.

"Ich habe ihn einfach als ganz, ganz lieben Kerl kennengelernt. Und wir arbeiten zusammen, wir essen zusammen und wir grillen zusammen, und ich habe ihn einfach schätzen und lieben gelernt. Und jetzt freue ich mich auf den Tag heute."

Die Taufzeremonie dauert eine Stunde. Alex Amya ist als Vorletzter dran. Die Letzten werden die Ersten sein, steht in der Bibel. Mit ernster Miene sagt er sich los. Erst vom Satan, dann vom Islam.

Dreimal gießt Pfarrer Martens Taufwasser über seinen Kopf. Dann ist aus Abolfazl Alex Amya geworden. Ein Christ.

 

Mehr zum Thema:

Religionen vom 5. April 2014
(Deutschlandradio Kultur, Religionen, 05.04.2014)

Der Übertritt in eine andere Religion
(Deutschlandfunk, Kultur heute, 13.05.2013)

Konvertiten droht Todesstrafe im Iran
(Deutschlandradio Kultur, Interview, 29.02.2012)

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