Seit 17:30 Uhr Tacheles
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 17:30 Uhr Tacheles
 
 

Interview | Beitrag vom 23.03.2017

Konversationslexikon von Gerhard Polt Freude an Sprache als Musik

Gerhard Polt im Gespräch mit Korbinian Frenzel

Podcast abonnieren
Der Schauspieler Gerhard Polt (als Hans Pospiech), aufgenommen am 14.02.2013 in Freilassing (Bayern) bei einem Presse- und Set-Termin zum Film "und Äktschn!". Der Kabarettist Polt spielt bei dem Film eine Hauptrolle und ist Drehbuchautor. (picture alliance / dpa / Tobias Hase)
Der Kabarettist und Schauspieler Gerhard Polt hat ein Buch geschrieben, das selbst Gedachtes in neue Begriffe kleiden soll (picture alliance / dpa / Tobias Hase)

Gerhard Polt ist nicht nur großer Kabarettist und Schauspieler, er ist auch ein Wortfinder und Welterklärer. In seinem Konversationslexikon "Der große Polt" beschäftigt er sich mit Begriffen, die die Realität vermummen.

In seinem Konversationslexikon "Der große Polt" erläutert der bayerische Satiriker Gerhard Polt die Welt, wie sie nun mal ist. In diesem Wörterbuch finden sich die zentralen Begriffe seiner praktizierbaren Alltagsphilosophie. "Es geht in dem Buch nur darum, dass ich versucht habe, mit Ausdrücken und mit Definitionen und mit Beschreibungen Menschen zu stimulieren, selber mehr Begriffe zu kreieren", sagte Polt im Deutschlandradio Kultur.

Bis zum Etikettenschwindel

 Es gebe viele Begriffe, die die Wirklichkeit verschleiern. "Wenn man versucht, einem Patienten nicht die nackte Wahrheit zu sagen, sondern dafür, ich sage jetzt einmal: Ersatzbegriffe verwendet, um den Stier nicht bei den Hörnern zu nehmen, sondern dass man halt sich irgendwie herumdrückt." Das gehe bis zum Etikettenschwindel, sagte der Kabarettist.  


Das Interview im Wortlaut:

Korbinian Frenzel: Heute startet die Leipziger Buchmesse – Zeit, über Bücher zu reden, aber auch sicher Zeit für jede Menge Smalltalk, für Konversation. Dafür gibt uns Gerhard Polt jetzt ein ganzes Lexikon an die Hand, von A wie Abwend bis Z wie Zwischenwirt, und dazwischen allerlei Wortfindungen und Beobachtungen, die dahinterstecken. Ich habe den Kabarettisten am Abend getroffen, kurz vor seinem Auftritt im Berliner Ensemble, wo er diese Woche zu Gast ist, ein Gespräch auf der Bühne des Brecht-Theaters. Der Vorhang war noch offen, und so offen war für mich die Frage an Gerhard Polt und sein neues Buch, sein Konversationslexikon "Der große Polt": Wie fangen wir denn diese Konversation gut an?

Gerhard Polt: Ja, "Konversationslexikon" ist natürlich ein bisschen übertrieben. Es geht in dem Buch nur darum, dass ich versucht habe, mit Ausdrücken und mit Definitionen und mit Beschreibungen Menschen zu stimulieren, selber mehr Begriffe zu kreieren. Also, dass man schöpferisch tätig ist und sich Wörter selber ausdenkt für Situationen oder für Begebenheiten aller Art. Wenn man Dinge, die einfach so in die Welt gesetzt sind und die oft wirklich plump sind und auch zum Teil wirklich öde, dass man da selber was entgegensetzt.

Frenzel: Ich bin über einen Begriff in Ihrem Lexikon in diesem Sinne gestolpert: Begriffsvermummung. Ich vermute mal, damit sagen Sie, dass wir Begriffe haben, die letztendlich die Sprache verschleiern, oder wie muss ich das verstehen?

Polt: Ja, eigentlich die Wirklichkeit verschleiern oder Begriffe, die eigentlich zu euphemistisch sind, also Begriffe aus der Politik, in der Medizin. Wenn man versucht, einem Patienten nicht die nackte Wahrheit zu sagen, sondern dafür, ich sage jetzt einmal: Ersatzbegriffe verwendet, um den Stier nicht bei den Hörnern zu nehmen, sondern dass man halt sich irgendwie herumdrückt. Das geht bis zum Etikettenschwindel und so weiter.

Von Mindestlohn keine Spur

Frenzel: Sie haben ein Wort aufgeführt, ein bekanntes Wort: Asylanten. Ihre Erklärung dazu ist: Kolonialwaren von heute.

Polt: Ja, ich stehe zu diesem Begriff, weil ich selber erfahren habe, wie viele von diesen Menschen im Grunde, ich sage jetzt einmal: halb in die Sklaverei geraten, weil sie eben ausgebeutet werden. Also, von Mindestlohn keine Spur, zum Teil nicht einmal die Hälfte, sondern weil viele Leute, die hierherkommen, halt hilflos sind und froh sind, wenn sie irgendwas kriegen, ein paar Brosamen, und in eine Art, ja, könnte man sagen, fast schon Sklaverei oder zumindest  in, nehmen Sie das alte Wort, Leibeigenschaft oder so was kommen.

Frenzel: Wir erleben ja so eine Art Neusprech gerade, auf ganz seriöser, politischer Ebene. Ich sage nur: alternative Fakten. Was macht denn das Kabarett, wenn die Politiker die Sprache ad absurdum führen? Noch absurder werden oder seriöser?

Polt: Kommt darauf an. Ich glaube, man muss immer alert bleiben und sich überlegen eben, die sogenannte Alternative zu finden. Und die findet sich auch. Und das ist das, warum ich das Buch – oder Büchlein, es ist ja kein großes Buch – verfasst habe, weil ich der Meinung bin, dass es eben Spaß macht, zu entwischen und vielleicht sogar was Neues hinzustellen.

Frenzel: Donald Trump hat es ja auch in Ihr Lexikon geschafft: einitrumpen

Polt: Ja. Also, auf Bayerisch würde man sagen: einitrumpen , hineingetrumpt.

Frenzel: Und was heißt das?

Polt: Ja, ins Fettnäpfchen … im Fettnäpfchen sich zu befinden.

Eine Prise Skepsis tut gut

Frenzel: Sie haben ja sehr häufig in Ihren Rollen den etwas einfältigen, engstirnigen, nicht übermäßig, sagen wir mal, toleranten Bürger dargestellt. Wenn wir uns jetzt die Realitäten anschauen: Haben Sie manchmal Angst, wie viel politische Wirkungsmacht in den letzten politischen Ereignissen genau diese Art Bürger gewonnen hat? Ich nenne den Brexit, wir haben über Trump gesprochen, man könnte Marine Le Pen nennen, die AfD hier bei uns zu Lande.

Polt: Wenn man ein bisschen in die Vergangenheit zurückschaut, dann, glaube ich, ist einfach dieses Phänomen, dass Menschen, sei es, dass sie paniken oder überstürzt handeln, dass es diese Phänomene gibt, aus Angst, aus verschiedensten Motiven heraus, dass Menschen einfach auch vielleicht an bestimmten Visionen festhalten und dass sie auch benutzbar sind, dass sie instrumentierbar sind. Das ist ein Phänomen, das ist ja nichts Neues. Ich meine, der Begriff Demagoge ist aus der Antike. Aber natürlich gibt es dann eben Argumente, die manchmal eben versuchen, zeitgerecht zu sein, mit denen man Menschen übertölpeln will. Ich sage einmal, eine Prise Skepsis tut, glaube ich, keinem Menschen Schaden.

Frenzel: Sie haben über die Sprache gesprochen und dass Sie damit, mit diesem kleinen Büchlein, das Sie geschrieben haben, Menschen animieren wollen, kreativer mit Sprache umzugehen. Wo findet das denn statt am besten, wo finden Sie Ihre Inspiration? Im Wirtshaus?

Polt: Na, überall, im öffentlichen Raum ganz einfach. Weil, wenn Sie Menschen gern mögen, dann hören Sie auch gern zu. Und wenn Sie gern zuhören, dann finden Sie, dass sie manchmal in der Lage sind, manchmal freiwillig, manchmal unfreiwillig zu Formulierungen zu kommen, die wirklich ganz erstaunlich sind.

Dialekte wie kleine Bäche

Frenzel: Funktioniert das eigentlich nur mit Dialekt? Wenn ich auf Ihre Begriffe stoße, dann stoße ich immer auf eine ordentliche Portion Bayerisch oder letztendlich zumindest eine Verbindung, wo ich mich frage: Geht das ohne Dialekt?

Polt: Ich glaube, schon. Die Hochsprache ist eigentlich groß, deshalb nicht zuletzt auch, weil die vielen Dialekte sie speisen, verstehen Sie, wie kleine Bäche, wo von überall was herkommt. Und wenn Sie gerne so was mögen, wenn Sie Sprache als Musik bezeichnen, wenn Sie Freude haben eben an Ausdrucksmöglichkeiten, auch von mir aus an der Lust, Sprache zu verkürzen oder die Sprache zu verunstalten, auch das ist möglich, man kann auch daran von mir aus eine Freude haben … Also, Sie fühlen sich bereichert.

Frenzel: Ich bin noch mal auf ein paar Worte bei Ihnen gestoßen, zum Beispiel herumschildkröteln. Was ist das?

Polt: Ja, herumschildkröteln … Wenn sie eine Schildkröte betrachten und diese unglaubliche erstaunliche und faszinierende Langsamkeit dieses Viechs, wie und wann die ein Salatblatt zu sich nimmt, das hat mich fasziniert, verstehen Sie, dieser Stillstand.

Frenzel: Was ist Ihnen die liebste Form des Ausdrucks? Wir haben jetzt viel über Ihr Büchlein geredet. Die Bühne – am Ende doch der beste Ort?

Polt: Na ja, das kann man schwer vergleichen. Ich hätte das Büchlein nie geschrieben, wenn ich nicht selber Freude daran hätte. Ich bin natürlich auch dazu inspiriert worden, aber ich habe selber wirklich eine Freude gehabt und bin überzeugt, dass so ein Stimulans Menschen Freude machen kann, wirklich selber formulieren, selber Gedachtes neu einkleiden in neue Begriffe. Und das tun sie auch. Ich meine, beim Berlinern kennen Sie es genauso. Wenn Sie einfach vor sich hinsingen, können Sie auch auf erstaunliche, ich nenne es mal: Klangkörper kommen, die Sie dann … benannen und so weiter.

Frenzel: Gerhard Polt, vielen Dank!

Polt: Danke schön!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Gerhard Polt und Claudia Pichler:"Der grosse Polt. Ein Konversationslexikon von Gerhard Polt"
Kein & Aber Verlag 2017, 12 Euro

Weitere Audiobeiträge:

Aufbruch oder Kritik - was soll eine konservative 'Basisbewegung' der CDU?

Mehr zum Thema

Gerhard Polt und Die Well-Brüder aus'm Biermoos - Die bayerischen Musikkabarettisten zu Gast in Österreich
(Deutschlandradio Kultur, In Concert, 27.03.2017)

Reise-Hörbuch von Gerhard Polt - Menschenfleisch statt Kaiserschmarrn
(Deutschlandradio Kultur, Lesart, 15.06.2015)

Neu im Kino - Bissige Satire vom Altmeister
(Deutschlandradio Kultur, Fazit, 05.02.2014)

Interview

ArchitekturpsychologieBesser arbeiten in der Hängematte?
Ein Mitarbeiter im Moskauer Büro des Internetdienstleisters Yandex liegt mit Laptop in einer orangefarbenen Hängematte. (imago)

Eine Gondel als Konferenzraum oder Arbeiten in der Hängematte: Firmen wie Google, Instagram oder Airbnb haben oft ungewöhnliche Bürokonzepte. Aber lässt sich in solchem Ambiente wirklich besser arbeiten? Das haben wir den Psychologen Riklef Rambow gefragt.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur