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Vollbild | Beitrag vom 09.06.2018

KolumneTop Five der italienischen Kino-Geschichte

Hartwig Tegeler

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Luchino Visconti schuf 1962 das Filmepos "Il Gattopardi" (Der Leopard) nach dem Roman von Giuseppe Tomasi di Lampedusa; in den Hauptrollen: Alain Delon, Claudia Cardinale und Burt Lancaster (imago/United Archives)
Luchino Visconti schuf 1962 das Filmepos "Il Gattopardi" (Der Leopard) nach dem Roman von Giuseppe Tomasi di Lampedusa; in den Hauptrollen: Alain Delon, Claudia Cardinale und Burt Lancaster (imago/United Archives)

Das Italien-Bild der italienischen Filmemacher war immer schon zutiefst ambivalent. Daraus entstand großes Kino, geradezu monumentales: "Der Leopard" von Luchino Visconti etwa oder "Gomorrha" von Matteo Garrone über die Welt der Mafia in Neapel.

Platz 5

"Der Leopard" von Luchino Visconti (1963)

1860, Italien wird Nationalstaat und konstitutionelle Monarchie und damit einher geht der Sieg des Bürgertums über die Aristokratie. "Wenn wir wünschen, dass die Verhältnisse so bleiben, wie sie sind, müssen gewisse Dinge verändert werden", sagt der verarmte sizilianische Adlige Tancredi – Alain Delon – und formuliert so ein Credo, um dem gesellschaftlichen Wandel Herr werden und aufzusteigen. Elegant und skrupellos. Der alte Fürst – Burt Lancaster – versucht zu folgen, aber Don Fabrizio wird von den Zeiten, die sich ändern, hinweggefegt werden. Ungeheuer, grandios, meisterlich, unfassbar schön, wie sich bei Visconti Kinoschönheit und historische Beschreibung zu drei Stunden magischer Zeit auf der Leinwand verbinden.

Szene aus Federico Fellinis Film "Schiff der Träume" (original: "E la nave va") aus dem Jahr 1983 (imago stock&people)Szene aus Federico Fellinis Film "Schiff der Träume" (original: "E la nave va") aus dem Jahr 1983 (imago stock&people)

Platz 4

"Schiff der Träume" von Federico Fellini (1983)

Ein weiterer Zeitenbruch. 1914. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg. Der Mikrokosmos, den der andere große Meister des italienischen Kinos entwirft, Fellinis Schmelztiegel ist ein Ozeandampfer. Die Asche der größten Operndiva aller Zeiten soll ins Meer geworfen werden. Der Krieg bricht aus, und mit der Asche geht symbolisch auch die alte Welt vor dem Krieg unter. Der Erzähler rudert am Ende allein auf einem Meer von Plastikplanen. Mit ihm im Rettungsboot: ein Nashorn. Der Erzähler klärt auf, dass man Nashorn-Milch auf keinen Fall unterschätzen solle. Wenn nicht nur die italienische Realität so verworren ist, bildet wenigstens der Fellinische (Kino)Traum Halt. Surreal, also nicht ganz von dieser Welt, gut, aber besser als gar nichts.  

Filmszene aus dem Film "Fahrraddiebe" von Vittorio de Sica aus dem Jahr 1948 (Imago / Cola Images)Filmszene aus dem Film "Fahrraddiebe" von Vittorio de Sica aus dem Jahr 1948 (Imago / Cola Images)         
Platz 3

"Fahrraddiebe" von Vittorio De Sica (1948)

Am ersten Tag als Plakatleber wird Antonios Fahrrad gestohlen. Ohne verliert er seinen neuen Job. Also sucht er in ganz Rom nach dem Dieb. Verzweifelt stiehlt Antonio nun selbst ein Fahrrad, wird gestellt, und nur sein kleiner Sohn, der entsetzt das Geschehen beobachtet hat, kann den Besitzer des Fahrrades dazu bringen, auf eine Anzeige zu verzichten. "Fahrraddiebe" ist "das" Masterpiece des italienischen Neorealismus, ein Kino, das Armut, das die Klassengesellschaft, das die Wirklichkeit ungeschminkt darstellte. Wenn Vittorio de Sica seinen Film mit der Hoffnung enden lässt, dass Bruno, Antonios Sohn, in einer Zukunft aufwächst, in der "christliche Solidarität" wieder eine Rolle spiele, wirkt vergangen, altbacken und gleichzeitig aktueller, als wir es denken zu wagen.

Der italienische Filmregisseur und Schauspieler Vittorio De Sica (1902 - 1974) wärmt sich während einer Hafenrundfahrt am 20. März 1962 in Hamburg die Hände an einem Ofen. (picture-alliance / dpa)Der italienische Filmregisseur und Schauspieler Vittorio De Sica (1902 - 1974) wärmt sich während einer Hafenrundfahrt am 20. März 1962 in Hamburg die Hände an einem Ofen. (picture-alliance / dpa)

Platz 2

"Der Italiener" von Nanni Moretti (2006)

Ein Film im Film über Berlusconi und die Schwierigkeiten, einen kritischen Film über den Medienmogul und die Macht, der Berlusconi präsentiert, zu drehen. Nanni Moretti macht es uns mit seinem Entwurf eines Italien-Bildes nicht einfach, weil die Frage, was noch Wirklichkeit, was schon Schein ist, sich als extrem kompliziert erweist. Und auch wenn Berlusconi nicht mehr an der Macht ist, sind andere Verführer an seine Stelle getreten. Denen wird Nanni Moretti hoffentlich filmisch ebenso auf die Pelle rücken.

Szene aus "Der Italiener" von Nanni Moretti aus dem Jahr 2006 (imago/United Archives)Szene aus "Der Italiener" von Nanni Moretti aus dem Jahr 2006 (imago/United Archives)

Platz 1

"Gomorrha" von Matteo Garrone (2008)

Die Welt der Mafia in Neapel. Ordnungsmacht, Staat im Staat. Ein Film als – wie der "L´Espresso" schrieb -, "Analyse der Kriminalität als Existenzform und Lebensweise". Krieg zwischen Mafiaclans, Morde, illegale Entsorgung giftiger Abfälle. Die Schrifttafeln am Ende dieses semidokumentarischen Mafia-Films listen die Toten auf, die die neapolitanische Camorra umgebracht hat. 4000 Morde in den letzten 30 Jahren. Würde man den Müll, den die Clans illegal entsorgen, aufschichten, ist weiter zu lesen, entstünde ein 14.600 Meter hoher Berg, fast doppelt so hoch wie der Mount Everest. In diesem italienischen Mafia-Film nach der Vorlage von Roberto Saviano ist kein Platz für Romantisierung und Mythisierung wie bei Francis Ford Coppolas Mafia-Paten. Das Abknallen der beiden Jungs am Ende ist brutal, mechanisch, hat nichts Opernhaftes. "Gomorrha" ist semidokumentarisch, hässlich, schmutzig, brutal, verstörend. So muss wohl der neorealistische Blick des des italienischen Kinos im 21. Jahrhundert die aktuellen Verhältnisse aussehen.

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