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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 28.03.2018

Koloniale Verantwortung DeutschlandsDas Erinnern an Kolonialismus-Verbrechen wirkt allmählich

Von Arlette-Louise Ndakoze

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Vertreter der afrikanischen Volksgruppen Herero und Nama stehen am 12.10.2017 bei einer Anhörung im Verfahren gegen die Bundesregierung wegen des Völkermords im heutigen Namibia vor dem US-District Court in New York (USA). (picture alliance / dpa / Johannes Schmitt-Tegge)
Vertreter der Herero und Nama bei einer Anhörung im Verfahren gegen die Bundesregierung vor dem US-District Court in New York (picture alliance / dpa / Johannes Schmitt-Tegge)

Der neue schwarz-rote Koalitionsvertrag thematisiert koloniale Verantwortung. Da verändere sich politisch etwas, meint die Journalistin Arlette-Louise Ndakoze. Aber nur, weil Nachfahren der Opfer nicht locker ließen - und der Nachbar Frankreich das deutsche Schweigen erschwere.

Den deutschen Kolonialismus vergisst man nicht. Man verschweigt ihn bestenfalls. Und der deutsche Staat ist darin Meister. 100 Jahre lang ist es ihm gelungen, diesen Teil seiner Geschichte aus dem deutschen Alltag zu tilgen.

Konsequent verschwiegen wurden die ehemaligen deutschen Kolonien im heutigen Namibia, in Kamerun, Togo, im heutigen Tansania, Ruanda, Burundi, Papua-Neuguinea, auf den Marshall-Inseln, auf Mikronesien, Westsamoa und in einem Teil des heutigen Chinas.

Aufarbeitung des Kolonialismus im Koalitionsvertrag

Politisch ändert sich jetzt etwas: Der Koalitionsvertrag, der kürzlich in Kraft getreten ist, spricht von einer Aufarbeitung des deutschen Kolonialismus.

Allerdings: Wenn die Bundesregierung jetzt an den deutschen Kolonialismus erinnern will, dann vor allem aus einem Grund: Sie wird daran erinnert. Und das seit Dekaden: Von den Nachfahren all jener geschätzt 300.000 Widerständigen aus dem heutigen Tansania, die das deutsche Kaiserreich umbringen ließ, von den Hinterbliebenen der rund 75 000 Ovaherero und Nama, die von deutschen Offizieren umgebracht wurden. Von denen, die ihre Ahnen heute in Deutschland suchen – unter den Tausenden Schädeln, die in den Depots deutscher Museen lagern.

Der deutsche Kolonialismus war ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Dass ihn Deutschland bis heute nicht politisch aufgearbeitet hat, hängt genau damit zusammen. Erst seit 2015 befasst sich die deutsche Regierung mit dem Genozid an den Ovaherero und Nama. Eine offizielle Entschuldigung und Reparationsleistungen blieben bisher aus. Vertreter der ermordeten Völkergruppen blieben standhaft. Vergangenes Jahr reichten sie eine Klage gegen die deutsche Bundesregierung ein. Der Prozess dauert an.

Druck kommt aus Frankreich

Neuerdings macht Frankreich das Schweigen über koloniale Verantwortung für seinen Nachbarn ungemütlich. Emmanuel Macron will in seiner Amtszeit Voraussetzungen dafür schaffen, die einst nach Frankreich entführte afrikanische Raubkunst zurückzugeben. Sein Vorhaben machte er vor kurzem konkret und wählte Berater für die Restitution der Raubgüter aus.

Demonstranten auf dem Gedenkmarsch "Kolonialgeschichte Deutschlands" mit Schildern um den Hals. (imago stock&people)Demonstranten beim Gedenkmarsch "Kolonialgeschichte Deutschlands" (imago stock&people)

Über den deutschen Kolonialismus weiter zu schweigen, hätte sich die deutsche Regierung angesichts solcher Entwicklungen nicht leisten können. Allerdings geht es im Koalitionsvertrag nur beiläufig einmal um die Aufarbeitung der "deutschen Kolonialgeschichte" und ein anderes Mal um die "Aufarbeitung des Kolonialismus". Wie und was genau aufgearbeitet werden soll, erspart man sich. Denn man weiß, will man an den deutschen Kolonialismus erinnern, muss man an ihn umfassend erinnern: Das heißt, an die Morde, die Genozide, die sozialen Spaltungen in kolonisierten Kulturen.

Der Kolonialismus ist nicht vorbei

Wenn der deutsche Kolonialismus bis heute nicht aufgearbeitet wurde, dann auch deshalb, weil er immer noch besteht. Sein Imperialismus findet heute Ausdruck in der Globalisierung, im Neoliberalismus, im Rassismus. Das kürzlich beendete "Afrika-Jahr" der Bundesregierung belebte das, was man geschichtlich den "Wettlauf um Afrika" nennt. Neue Handelswege erkunden, sich lebenswichtige Ressourcen billig zu eigen machen, seine Präsenz in der Welt stärken.

Den deutschen Kolonialismus vergisst man nicht. Man kämpft bestenfalls gegen seine Erwähnung an. Warum ist er bis heute nicht Teil der deutschen Erinnerungskultur? Weil er Deutschlands politische, ökonomische und kulturelle Stellung infrage stellt. Weil der deutsche Kolonialismus auf den rassistischen Theorien deutscher Denker wie Hegel und Kant aufbaut. Weil im deutschen Kolonialismus sogenannte "Rassenforschung" betrieben wurde. Weil der deutsche Kolonialismus den Nationalsozialismus vorbereitete.

Das Vorhaben seiner Aufarbeitung ist eine Wende in der deutschen Geschichte. Sie wird noch lange andauern. Mit oder ohne politischen Willen.

Arlette-Louise Ndakoze, 1983 in Burundi geboren – mit einem ruandesischen Pass, studierte Frankreichwissenschaften in Berlin und Ruanda und arbeitet derzeit als freie Journalistin für Deutschlandradio und den Berliner Radiosender 88,4.  (Clara Morales Benito)Arlette-Louise Ndakoze (Clara Morales Benito)Arlette-Louise Ndakoze, 1983 in Burundi geboren, studierte Frankreichwissenschaften in Berlin und Ruanda und lebt und arbeitet als freie Journalistin in Berlin.




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