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Mittwoch, 22.11.2017

Buchkritik | Beitrag vom 09.11.2017

Klopfenstein & Ono-Feller: "Haiku"Fantastischer Einblick in Japans bedeutendste Gedichtform

Von André Hatting

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Großes Rezensentenlob für den Band "Haiku": ein beeindruckender Überblick über ein halbes Jahrtausend Haiku-Geschichte in Japan - mit größter Sorgfalt aufbereitet (picture alliance / zb; Reclam)
Großes Rezensentenlob für den Band "Haiku": ein beeindruckender Überblick über ein halbes Jahrtausend Haiku-Geschichte in Japan - mit größter Sorgfalt aufbereitet (picture alliance / zb; Reclam)

Drei Zeilen, siebzehn Silben, ein prägnanter Moment. Das ist ein Haiku. Alles, was man über die japanische Tradition dieser faszinierenden Form des Kurzgedichts wissen muss, steht in dem Band "Haiku - Gedichte aus fünf Jahrhunderten", der meisterlich editiert ist.

Um es gleich vorweg zu sagen, dieser Band ist für Rezensenten wie Weihnachten, Ostern und Geburtstag auf einmal. Endlich kann man mal uneingeschränkt losloben!

Mit dem Haiku-Sammelband präsentieren der Schweizer Japanologe Eduard Klopfenstein und die Übersetzerin Masami Ono-Feller einen fantastischen Einblick in die bedeutendste Gedichtform Nippons. Schätzungen gehe davon aus, dass auch heute noch bis zu zwei Millionen Japanerinnen und Japaner regelmäßig Haikus dichten. Zugleich ist es auch der größte Exportschlager in Sachen Lyrik.

"Regentonnenvariationen" beginnen mit Haikus

Neben dem Sonett, das im 13. Jahrhundert von Italien aus die literarische Welt erobert hat, beweist sich das Haiku bis heute als eine der produktivsten Gedichtformen. Das Titelgedicht der "Regentonnenvariationen" des Büchner-Preisträgers Jan Wagner ist zum Beispiel nichts anderes als eine Aneinanderreihung von Haikus. Vom irischen Lyriker Matthew Sweeny ist gerade ein Band auf Deutsch erschienen, der eine ganzen Haiku-Serie enthält. Und seit 1988 gibt es sogar eine Deutsche Haiku-Gesellschaft. Aber die brauchte es eigentlich gar nicht.

Das Haiku besticht durch ein leicht zu verstehendes Konzept: Drei Zeilen, siebzehn Silben, ein prägnanter Moment. Anders gesagt, die Kunst des Haiku besteht darin, mit einem überschaubaren sprachlichen Aufwand eine große Wirkung zu entfalten. In der japanischen Tradition ist noch ein Hinweis auf die Jahreszeit verpflichtend, in diesen Versen eines der bedeutendsten Haiku-Dichters Matsuo Bashō (1644 – 1694) sind es die Zikaden:

Stille …
das Sirren der Zikaden sickert ein
in den Fels

Diese drei Zeilen machen die Sommerszene sogar jetzt im Spätherbst sofort erlebbar. Das Dauerzirpen der Zikaden wirkt im wörtliche Sinne penetrant, es scheint sogar Gestein zu durchdringen. Beide verschmelzen in den Gedanken des Dichters. Es muss ein verdammt heißer Tag gewesen sein.  

Überblick über ein halbes Jahrtausend Haiku-Geschichte 

Das große Verdienst dieses Auswahlbandes ist, dass er nicht nur einen beeindruckenden Überblick über ein halbes Jahrtausend Haiku-Geschichte in Japan bietet, sondern sie außerdem mit größter Sorgfalt aufbereitet. Alle Gedichte sind dreimal abgedruckt, im japanischen Original, der deutschen Übersetzung und noch als Transliteration, welche die japanischen Schriftzeichen in lateinische Buchstaben überträgt.

Darüber hinaus hat jedes Haiku einen eigenen Kommentar, praktischerweise direkt auf derselben Seite, was nerviges Hin- und Herblättern erspart. Wir erfahren darin etwas über die Entstehung, bekommen ein Interpretationsangebot und erhalten Informationen über die Wirkungsgeschichte. Der Anhang bietet Kurzbiografie der Autoren und Autorinnen mit Hinweisen auf die jeweilige Haiku-Schule, die sie begründet beziehungsweise vertreten haben sowie ein Verzeichnis der Gedichtanfänge und natürlich eines der Forschungsliteratur. Das Ganze kommt in einem feinen Leinenband mit elegantem Prägedruck und Doppellesebändchen daher. Mehr geht nicht.

Eduard Klopfenstein & Masami Ono-Feller (Hg. und Übersetzer): Haiku. Gedichte aus fünf Jahrhunderten. Japanisch-Deutsch.
Reclam, Stuttgart 2017
422 Seiten, 44 Euro

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