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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 15.02.2017

Klimawandel in den AlpenDer Kampf um den Schnee

Von Tobias Krone und Michael Watzke

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Panorama von der Zugspitze (Deutschlandradio Kultur / Nana Brink)
Panorama von der Zugspitze (Deutschlandradio Kultur / Nana Brink)

Auf gute Schneeverhältnisse müssen Skifans in den bayerischen Alpen immer häufiger verzichten. Wegen des Klimawandels gibt es statt schneebedeckter Hänge nur Wiesen und Äcker zu sehen. Mit Schneekanonen wird nachgeholfen, was für Probleme sorgt.

Anfang Februar auf dem Gipfel der Zugspitze. Es ist ein geradezu milder Morgen.

"Heute haben wir minus 9 Grad. Das ist moderat, würde ich sagen. Geht noch kälter."

Verena Lothes hat hier oben schon bei minus 30 Grad gearbeitet. Die Pressesprecherin der Bayerischen Zugspitzbahn AG will uns Deutschlands höchstgelegene Baustelle zeigen.

"Die Baustelle zur neuen Seilbahn Zugspitze. Wir haben einen Baukran vor uns stehen. Der überragt momentan das Gipfelkreuz der Zugspitze um 25 Meter. Also Deutschlands höchster Punkt ist derzeit tatsächlich ein Baukran."

Deutschlands höchste Baustelle

Mit einem Kranführer in genau 2987 Metern Höhe. Bevor der morgens mit der Arbeit beginnen kann, muss sein Kollege erstmal mit einem Flammenwerfer eine zentimeterdicke Eisschicht abschmelzen.

Dann seilen sich drei Bauarbeiter in Bergsteiger-Ausrüstung an der senkrechten Wand ab. In der Luft schwebend schweißen sie Eisenbahnschienen-dicke Stahlträger zusammen. Bei 30 km/h Wind keine leichte Aufgabe. Die Bahn soll möglichst schnell fertig werden, damit keine lange Unterbrechung entsteht. Zeit ist Geld.

"Wir sind im finalen Baujahr für unsere Seilbahn, die im Dezember 2017 in Betrieb gehen wird. Dementsprechend laufen die Arbeiten auf Hochtouren. Wir sehen hier Monteure, die momentan schon die Seilbahntechnik montieren. Das da vorn ist der Tragseilschuh, über den zukünftig das Seil führt."

Dieser Tragseilschuh ragt wie eine gigantische Gabel über den Abgrund. Seine meterlangen Stahlfinger zeigen hinunter auf die Talstation am Eibsee – in fast vier Kilometern Entfernung. Dazwischen wird nur ein Mast stehen – mit 127 Metern fast so hoch wie der Kölner Dom, schwärmt Pressesprecherin Lothes.

"Wir haben drei Weltrekorde. Einer ist die weltweit höchste Seilbahnstütze. Der zweite ist der Gesamt-Höhenunterschied mit fast 2000 Metern. Und dann haben wir das längste Spannfeld in einer Sektion. Und somit ist die Bahn unvergleichlich."

Doch diese Rekorde sind für den Bauherrn, die Zugspitzbahn Aktiengesellschaft, nur zweitrangig. Entscheidend ist die Transport-Kapazität. Die neue Eibsee-Bahn soll im Viertelstundentakt 120 Menschen auf den Zugspitzgipfel bringen. Fast dreimal so viele wie bisher.

"An Schönwettertagen haben wir oft bis zu zwei Stunden Wartezeit an der bestehenden Eibsee-Seilbahn. Diese Thematik soll mit der neuen Seilbahn der Vergangenheit angehören."

Derzeit besuchen jedes Jahr eine halbe Million Menschen den Gipfel der Zugspitze. Drei Viertel von ihnen fahren ohne Skiausrüstung hinauf, wie Marie und Claude aus Luxemburg.

"Es ist ein Panorama – einmalig. Und das Wetter heute – wie im Bilderbuch! Wir sind auf der Spitze. Da ist das Kreuz. Man kann in die Schweiz sehen. Die höchsten Berge. Unglaublich!"

Neben den beiden fotografiert sich eine arabische Großfamilie. Ausgelassen bewerfen sich die vollverschleierten Frauen mit Schneebällen – zum ersten Mal in ihrem Leben. Nur ein paar Meter entfernt steigen Svenja und Sören in die Gondel, zwei Skifahrer aus Dortmund.

"Der Blick ist schon Rakete, echt! Da wir mit dem Wohnwagen unterwegs sind, sind wir sehr spontan und haben das kurzfristig entschieden. Wir haben letzte Woche geguckt: liegt Schnee, liegt kein Schnee? Es lag Schnee, und dann sind wir einfach los."

Der Gletscher schmilzt

Auf der Zugspitze liegt immer Schnee. Dank des Schneeferners, des einzigen nennenswerten Gletschers in Deutschland. Er bedeckt ein Hochplateau unterhalb des Gipfels.  Aber selbst dieser Gletscher in 2600 Metern Höhe schmilzt unaufhörlich. Sein südlicher Ausläufer ist durch den Klimawandel bereits auf fünf Hektar geschrumpft – gerade noch sieben Fußballfelder groß. In den vergangenen Jahren deckte die Zugspitzbahn AG einen Teil des Gletschers im Sommer mit Plastikplanen ab. Auf diese Weise wollte man die Skifahr-Saison verlängern. Sinnlos, sagen Wissenschaftler wie  Hans-Peter Schmid vom Karlsruher Institut für Technologie.

"Dieses Eis wird langsam aufgetaut. Das Gestein wird lockerer. Bedeutet, dass es mehr Felsstürze gibt. Das hat direkte Folgen, wenn man vom Felssturz betroffen wird. Gleichzeitig werden viele Wege schwieriger begehbar."

Der Gletscherforscher Schmid, dessen Institut neben der Zugspitze eine Klima-Forschungsstation betreibt, misst regelmäßig den Abfluss des Gletscher-Wassers. Der Schneeferner ist für ihn schon gar kein Gletscher mehr.

"Das bezeichnet man als Toteis. Das ist ein Rest. Und das schmilzt jetzt vor sich hin. An einem Tag kann etwa so viel schmelzen, dass man etwa zehn große Schwimmbäder damit füllen könnte. Olympische Schwimmbäder. Das ist viel – und das kommt auch nicht mehr zurück."

Klimawandel bedroht Skigebiete

Die Wissenschaftler des KIT betrachten den Skitourismus rund um die Zugspitze skeptisch. Ihr Klimaforschungs-Institut ist das schlechte Gewissen Garmisch-Partenkirchens. Es sei absolut klar, sagt etwa Klimaforscher Stephan Thiel, dass die Region in Zukunft mit etwas anderem Geld verdienen müsse als mit Skisport. Vorerst investieren die Lift-Betreiber 50 Millionen Euro in die neue Bergbahn. Klimawandel hin oder her. Aber lohnen sich solche Investitionen auch in anderen Skigebieten in Bayern? Und vor allem: wer bezahlt am Ende dafür? Die Natur?

Das Riedberger Horn im Allgäu ist ein Paradies für Birkhühner. Die schwarzen Vögel mit der roten Augenbraue leben hier, auf 1500 Metern Höhe, in einer der größten Populationen im Alpenraum, sagt der Ornithologe Henning Werth vom bayerischen Landesbund für Vogelschutz.

"Die sind hier in einem idealen Lebensraum. Also nicht zu geschlossen. Hier ist offenes Moor. Da gibt’s auch was zu fressen für die Tiere. In den Randbereichen gibt es Heidelbeeren. Das ist deren bevorzugte Nahrung."

Sessellift contra Naturschutz

Bisher, sagt der Vogelforscher, konnten sich die Birkhühner am Riedberger Horn ziemlich sicher fühlen. Denn der Berg liegt in der Schutzzone C des sogenannten Alpenplans. Das ist eine mehr als 50 Jahre alte, völkerrechtliche Umwelt-Vereinbarung. Schutzzone C besagt: hier darf man kein Skigebiet errichten. Konrad Kienle möchte trotzdem einen Sessellift auf das Riedberger Horn bauen. Eine sogenannte Skischaukel.

"Man kann nicht nur schwarzweiß sehen. Man kann nicht sagen: weil wir jetzt hier was machen, sind wir keine Naturschützer. Im Gegenteil. Da würden Sie mich sehr beleidigen, wenn Sie mich anders sehen würden denn als Naturschützer."

Man möchte Konrad Kienle auf keinen Fall beleidigen. Schon deshalb nicht, weil der Bürgermeister von Balderschwang ein kräftiger Mann mit riesigen Händen und einem eindrucksvollen Schnurrbart ist. Außerdem hat Kienle mächtige Freunde. Zum Beispiel Markus Söder, den bayerischen Finanz- und Heimatminister. Der ist für die Baupläne am Riedberger Horn zuständig. Neulich hat er den Berg im Allgäu besucht:

"Ich finde die Debatten, die wir in München darüber führen, zum Teil ein bisschen überzogen. Die wenigsten, die in München darüber reden, waren hier schon mal vor Ort und kennen die Lage. Und ich finde, Bayern ist ein Land mit einer wundervollen Heimat. Wir erhalten die Natur – wir schaffen aber auch Lebensraum für die Menschen. Diese Balance macht das ganze so spannend."

Spannend ist die Debatte auch deshalb, weil das Riedberger Horn für viele Umweltschützer in ganz Deutschland zu einem Symbol geworden ist. Sie fürchten – wie Thomas Frey vom BUND Naturschutz – einen Präzedenzfall.

"weil der nächste Liftbetreiber auf der anderen Seite, der sagt dann natürlich: wir wollen das auch. Nur in diesem kleinen Bereich. Das ist doch nicht so schlimm. Und dann hat es seine Wirksamkeit verloren. Der einzige Zweck dieses Ruhezonen-Plans ist ja, genau diese Berge vor einer Erschließung zu schützen."

Die Einwohner von Balderschwang und Obermaiselstein, den beiden Dörfern am Fuße des Riedberger Horns, haben sich in einem Bürgerentscheid mit großer Mehrheit für die Skischaukel ausgesprochen. Aber darf ihr Votum wirklich den Alpenplan aushebeln? Ja, findet Peter Stehle, der Bürgermeister von Obermaiselstein.

"Wir müssen hier das Weiterleben unserer jungen Leute, die hier aufwachsen, die hier ihr Geld verdienen und ihrem Beruf nachgehen wollen, sichern. Das muss man auch sehen. Und da muss man einfach einen gewissen Kompromiss finden, dass die auch in zehn, zwanzig, dreißig Jahren vom Tourismus leben und überleben."

Den Kampf um die Skischaukel am Riedberger Horn werden am Ende die Gerichte entscheiden. Im Ostallgäu, am Fuße der bayerischen Alpen, entzweit der Streit jetzt schon die Bevölkerung. Dafür oder dagegen – einen Mittelweg scheint es nicht zu geben.

So war das auch in Sachrang, einem idyllischen Alpendorf 150 Kilometer weiter östlich. Anfang der 80er Jahre wollte Sachrang eine Skischaukel bauen, um gemeinsam mit der Nachbargemeinde Schleching ein neues Skigebiet zu erschließen, erzählt Bürgermeister Peter Solnar.

Gütesiegel "Bergsteigerdorf"

"Das hat man damals gestoppt. Und seit 25 Jahren haben wir das Naturschutzgebiet Geigelstein.  Letztes Jahr haben wir Jubiläum gefeiert. Im Nachhinein war das ein Erfolgsmodell. Es würde sicher anders aussehen, wenn damals die Skischaukel entstanden wäre."

Peter Solnar sagt, er wolle den Bürgern von Balderschwang keine Ratschläge erteilen. Man könne den hiesigen Geigelstein nicht mit dem Riedberger Horn vergleichen. Dennoch: In Sachrang sind sie einen anderen Weg gegangen. Seit wenigen Wochen darf sich der Ort im Chiemgau offiziell "Bergsteigerdorf" nennen.

"Die Kriterien sind ein zufriedenes Leben in einem kleinen Ort in den Alpen. Mit hoher Lebensqualität und nachhaltigem Tourismus. Und das ist in Sachrang und Schleching – wir haben uns ja gemeinsam beworben und haben den Titel gemeinsam bekommen – gegeben. Das Leben ist hier so, dass es auch anderen Orten als Beispiel dienen kann, wie es funktioniert: Nachhaltigkeit und sanften Tourismus in Verbindung bringen."

Das Prädikat "Bergsteigerdorf" verleiht  der Deutsche Alpenverein. Sachrang ist nach Ramsau bei Berchtesgaden erst der zweite Ort in Deutschland, der den Titel führen darf. Und am meisten gefreut hat sich wahrscheinlich Ursula Havel, die Betreiberin des Dorfladens von Sachrang.

"Ja! Weil es uns eine gewisse Sicherheit gibt. Denn Bergsteigerdorf ohne Dorfladen geht nicht. Dorfladen muss da sein, damit wir das Prädikat ‚Bergsteigerdorf‘ behalten."

Ein Dorfladen ist in einem 600-Einwohner-Dorf keine Selbstverständlichkeit. In Sachrang sorgt eine Genossenschaft mit 180 stillen Teilhabern dafür, dass der Laden läuft. Und die Touristen. Ohne die wäre Ursula Havel aufgeschmissen.

"Nein, das würden wir nicht durchhalten, weil hier zu wenig Einwohner sind. Das hat nichts damit zu tun, dass die Einheimischen nicht hier einkaufen – es sind einfach zu wenige. Die Touristen brauchen wir – und auch die Zweitwohnungsbesitzer. Darf man nicht unterschätzen, die unterstützen uns sehr. Wir freuen uns immer, wenn das Wetter so schön ist wie heute. Weil dann kommen sie nach dem Skilaufen zum Kaffeetrinken oder nehmen sich noch ein paar Sachen mit."

Auch Wolfgang Moser hat im Dorfladen eingekauft. Während sich seine Familie gerade mit dem örtlichen Schlepplift auf 800 Meter Höhe ziehen lässt.

Sanfter Skitourismus

"Meine Tochter mit drei Jahren fährt auch mit. Die hat heuer in Sachrang zum ersten Mal das Skifahren angefangen. Es ist sehr familienfreundlich. Klein und perfekt zum Anfangen für Kinder. Aber auch mal so für eine halbe Stunde zum Fahren. Wunderbar."

Wobei das Skigebiet von Sachrang ziemlich schnell erklärt ist:

"Zwei Lifte auf der einen Seite und einer auf der anderen. Man findet sich immer wieder."

Der Lift auf der anderen Straßenseite heißt Kaiserblick-Schlepper. Er bietet einen schönen Blick auf das Kaiser-Massiv, eine gemütliche Hütte zum Einkehren und einen freundlichen Lift-Betreiber.

"Wir haben einen 600-Meter-Schlepper, tolle Pistenverhältnisse, hervorragendes Wetter und heute das Abschlussrennen eines Kindergartens, was natürlich immer ein Highlight für die Eltern ist."

Manfred Danner, 48 Jahre alt, ist Biolandwirt in Sachrang. Er bewirtschaftet den Ertlhof, ist Vorsitzender der Bergbauern-Vereinigung und betreibt nebenher den Schlepplift. Die laufende Ski-Saison war wieder mal durchwachsen.

"Dezember war’s natürlich witterungstechnisch schwierig. Wir hatten auf Schnee gehofft. Aber wie die letzten Jahre war’s nicht möglich. Gottseidank hat uns der tolle Januar positiv überrascht."

Danner betreibt den Lift seit 21 Jahren. Er hat eingeheiratet. Mit den Jahren ist er zum Zweck-Optimisten geworden. So ein Lift ist wie eine Ehe, sagt er: es geht rauf und runter. Leichter wird es nicht. Auch Manfred Danner denkt darüber nach, künstlich zu beschneien – Bürgermeister Solnar ist da anderer Meinung. Auch wenn er das nicht so deutlich sagt, weil er im Dorf keine Unruhe stiften will.

"Mei, meine Meinung ist: man soll nicht krampfhaft versuchen, zu jeder Jahreszeit an jedem Ort alles anbieten zu können. Das funktioniert nicht. Man muss es so annehmen, wie die Natur ist. Wenn eben das Skifahren mal nicht geht, weil im Winter wenig Schnee ist, dann muss man halt auch nicht Skifahren."

Und die Touristen? Kommen die ohne Schnee und Lifte auch nach Sachrang? Ins "Bergsteigerdorf"? Nein, sagt ein örtlicher Hotelier. Doch, sagt Ursula Havel.

"Wir hatten ja hier auch im Dezember und an Weihnachten so gut wie keinen Schnee. Trotzdem war der Ort mit Urlaubern voll. Und die sahen nicht griesgrämig aus. Die machen halt das Beste draus."

Der Ort Sachrang könnte in den nächsten Jahren in den endgültigen Après-Ski-Modus umschalten. Doch generell kann es sich der Tourismus, in Bayern ein mächtiger Industriezweig, gar nicht leisten, auf den Wintersport zu verzichten. Dafür ist es einfach immer noch zu kalt im Winter auf über 1500 Meter. Noch lässt sich genug Geld mit dem Schnee verdienen.

Vor der Saison, Anfang Dezember. Die bayerische Tourismusbranche trifft sich in einer Augsburger Messehalle. Der Trend in der Vermarktung von Destinationen geht zur Virtual Reality-Brille. Mit dem elektronischen Gerät kann man sich auch vom heimischen Sofa aus in der Bergwelt umschauen. Virtuell sind die Schneekappen auf Bäumen und Almhütten sehr üppig. Auch die Prognosen der Geschäftsleute klingen positiv. Bernhard Joachim vom Tourismusverband Allgäu-Bayerisch-Schwaben ist ein Mann mit randloser Brille und einem zweckoptimistischen Lächeln.

"Schneehöhe am Fellhorn dürfte so ungefähr 50 Zentimeter sein, aufgebessert durch Maschinenschnee, den der Herr Holle hat schneien lassen. Und am besten ist, wenn Herr Holle und Frau Holle in guter Koalition zusammenarbeiten und es dann gemeinsam schneit."

Etwas nüchterner liest sich der natürliche Schneepegel des Fellhorns nahe Oberstdorf. Bei Albert Rinn am Stand des IT-Dienstleisters Outdoor Active kann man ihn online checken.

"Heute haben wir ein Zentimeter Schneehöhe im Tal und 15 Zentimeter Schneehöhe am Berg. Da wird das mit dem Skifahren noch nicht so richtig. Es werden mir alle Skigebiete als geschlossen angezeigt."

15 Zentimeter Anfang Dezember – und das auf immerhin knapp 2000 Metern. Alarmierend. Auch in den letzten Wintern waren die Schneeverhältnisse schon schwierig. Auf den Klimawandel will es Geschäftsmann Bernhard Joachim nicht schieben. Nicht die Wärme war das Problem, sondern Schneearmut.

"Zwischen Weihnachten und Drei-Königen ist bei uns immer absolute Hochsaison, ist jedes Bett belegt. Das Allgäu hatte wenig Schnee, Oberbayern hatte wenig Schnee, Österreich hatte wenig Schnee. Alle hatten keinen Schnee. Die Gäste waren da, wir hatten hervorragendes Wetter, es war kalt. Die Optik hat gestimmt. Es war schon Schnee in den Bergen, also die Leute haben kein Schmuddelwetter gehabt, wie sie das vielleicht von zu Hause aus sehen. Und die Leute waren überaus glücklich."

Schwer zu glauben, aber trotz der Schneearmut 2016 stieg das Geschäft mit dem Wintertourismus im Allgäu ordentlich an. Bernhard Joachim spricht von zehn Prozent mehr Gästen als im Vorjahr. Aber warum? – Der Kollege der Nachbarregion Oberbayern, Oswald Pehel, weiß, dass die Bretter in Bayern nicht alles bedeuten.

"Der Wintergast bei uns bucht jetzt nicht eine Woche reinen Skiurlaub. Sondern er ist eher so multioptional wie man ja so neudeutsch sagt. Da ist mal ein halber Tag auf Skiern mit dabei, Skischule… Dann ist auch mal das Thema Ski nordisch, dann natürlich auch das Thema Städte im Winter, also gerade Kultur im Winter ist ein starkes Thema. Und genauso auch das Thema Kulinarik, und so weiter. Und das heißt, wenn man sich so einen Urlaub bildlich vorstellt, sind das ganz viele kleine Mosaiksteine. Und eines davon ist das Thema Ski alpin."

Bayern, das sind eben auch die Kunstmuseen in München und eine zünftige Schweinshaxe im Dorfwirtshaus. Und dennoch: Auch im multioptionalen Wintertourismus-Portfolio spielt der Wintersport weiterhin eine zentrale Rolle, auch für Fußgänger. Das beobachtet der Allgäuer Bernhard Joachim.

"Sie können ja auf die Sonnenterrassen in den Bergrestaurants gehen. Da gibt’s viele Leute, viele Gäste, die mit einem kompletten Winter- und Skioutfit kommen aber die auch wieder ohne Ski mit der Gondel nach unten fahren, aber sie wollen Teil dieser Szenerie sein. Und die Skifahrer geben auch den Flair für die Region, das gehört halt auch mit dazu."

Ein Winteridyll in den Alpen. Abends, wenn die Sonne hinter den Bergwänden versunken ist, wird es still überm Dorfplatz von Bayrischzell. Vereinzelt kriechen kleine gelbe Lichtkegel über die Almen. Während die Skitouristen in ihren Hotelbetten schlummern, sind Thomas Reiß und seine fünf Kollegen in ihren Pistenraupen unterwegs auf dem Sudelfeld, flächenmäßig Bayerns größtem Skigebiet.

Im Führerhaus der Pistenraupe dröhnt und rüttelt es. Stundenlang zieht die Maschine auf den Hängen ihre Spuren – eine gute Piste ist flach und hat Rillen wie ein riesiges Feinrippunterhemd. Pistenpflege ist harte Nachtarbeit. Vor allem an diesem Morgen. Ein paar Zentimeter Neuschnee sind gefallen. Das ist tückisch. Beim Verteilen des Schnees darf Thomas Reiß die Schaufel vorne an der Raupe nicht zu tief stellen – denn die Schnee-Unterlage Anfang Februar ist dünn.

"Jetzt siehst du’s selber, jetzt hat’s ein paar Zentimeter draufgeschneit. Jetzt ist es natürlich äußerst kritisch, dass man weiß, wo man fährt. Dass man da nicht mit dem Schild, mit dem Almschild nicht zu tief wird, dass man da nicht was aufschiebt und in den Dreck reinkommt."

Braune Hügel, grüne Wiesen

Der "Dreck" ist der Feind der Skifahrer. Das Geröll unter dem Schnee hinterlässt hässliche Kratzer auf Skiern und Urlaubserinnerungen. Anfang Februar – und die Temperatur ist auch in der Morgendämmerung nur knapp unter dem Gefrierpunkt. In den letzten Tagen hat die Sonne einiges weggeschmolzen. An diesem Pistenstück können die Männer noch nicht mit Schneekanonen nachhelfen. Und Naturschnee hat sowieso seine Tücken. Auch für Skifahrer. Davon ist Egid Stadler überzeugt, der Chef der Liftbetriebe Sudelfeld.

"Die glauben das zwar nicht so, oder wissen nicht, warum das so ist, aber Naturschnee – der ist einfach weicher, mit viel Luft. Und der ist nach zwei drei Stunden, wenn da 1000 Skifahrer drüberfahren. Dann gibt es da nur noch Haufen. Und dann heißt es, ja gut, es ist schlecht präpariert. Im Endeffekt, bei der Maschinenschneepiste hält der Schnee, weil der Schnee viel griffiger und kompakter ist. Und das ist dann die gut präparierte Piste. Meiner Meinung nach kann man ein Skigebiet professionell nur noch mit einer guten Beschneiung betreiben."

Egid Stadler, grünes Holzfällerhemd, hochgekrempelte Ärmel, Smartphone auf dem Tisch. Der Landwirt ist einer von mehreren Betreibern des Skigebiets. Er hat in den vergangenen Jahren viel erreicht. Das Sudelfeld ist ein Hausberg der Münchner, Generationen haben hier ihre ersten Pflugbögen gemacht. Ein Skigebiet mit Tradition und einigen geschichtsträchtigen Schleppliften. Diese genügen heutigen Ansprüchen allerdings kaum noch. 2005 wäre hier beinahe Schluss gewesen.

"Und das haben wir halt gemerkt, dass die letzten Jahre dann einfach die Gäste weniger geworden sind, weil unsere Mitbewerber ganz in der Nähe sehr stark aufrüsten. Und dann hat man einfach die Entscheidung treffen müssen: Lässt man das Skigebiet auslaufen oder modernisiert man, und da heißt es natürlich zuerst, die Schneesicherheit herzustellen mit Beschneiung und dann in Sessellifte investieren, so wie wir’s jetzt machen."

Im nahen Tirol schweben Wintersportler längst in schnellen Sechsersesselliften mit Sitzheizung nach oben. Auch in Bayrischzell hat man inzwischen für mehr Komfort gesorgt. Zwei große Sesselbahnen führen hinauf. Einen weiteren Achtersessel wollen sie diesen Sommer bauen. Die Wende ist geschafft. Die Gäste kommen wieder. Trotz der hässlichen Bilder im Sommer 2014. Um künstlich beschneien zu können, gruben Bagger damals einen Speichersee auf einer Alm – 150.000 Kubikmeter Wasser können die Liftbetreiber darin speichern, um im wasserarmen Winter genug Munition für die Schneekanonen zu haben. Auch in den benachbarten Skigebieten sind solche Speicherseen entstanden. Doch wegen der kleinteiligen Besitzerstruktur bekam das Sudelfeld für den umstrittenen Eingriff in die Natur zusätzlich Subventionen vom Staat. Der Bund Naturschutz und der Deutsche Alpenverein klagten dagegen. Tobias Hipp, Naturschutzexperte des DAV.

"Solange die Erschließung innerhalb der bestehenden Grenzen erfolgt, sehen wir das weniger kritisch. In dem Fall ging es aber vielmehr um die sag ich einmal großen Investitionen, die großen technischen Maßnahmen mit der Beschneiung und mit der sehr großen Unsicherheitsperspektive, was Klimawandel angeht."

Bis 2030 wird der Winter im Schnitt ein bis 1,5 Grad wärmer sein, so sagen es Wissenschaftler voraus. Noch ein halbes Grad mehr – und das Sudelfeld müsste zumachen. Die Klage konnten die Liftbetreiber abwehren. Doch wie nachhaltig es ist, Wasserleitungen unter Almwiesen zu verlegen und Schneekanonen aufzustellen, kann auch Egid Stadler nicht sagen.

"Laut den Untersuchungen, die uns vorliegen, kann man in 20 Jahren, mit Beschneiung vorausgesetzt natürlich, auch am Sudelfeld auch in 20 Jahren noch skifahren. Ob das so ist, wer kann in die Zukunft schauen? Wenn Sie heute bei BMW oder bei Mercedes fragen: Mit welchem Treibstoff fahren die Autos in 20 Jahren? Ich glaube, dass Sie dann keine konkrete Antwort kriegen. Ich kann nicht in die Zukunft schauen, ich muss jetzt schauen: Was ist möglich in der jetzigen Zeit, was ist machbar?"

Für Stadler und seine Kollegen am Sudelfeld zählen die nächsten 15 bis 20 Winter, das ist der Investitionshorizont. In der Region spricht man von einem Schlüsselprojekt. Das Skigebiet ist in dem engen Bergtal ein bedeutender Arbeitgeber. 36 Menschen sind hier im Winter festangestellt: Zimmerleute beispielsweise, die mit der Arbeit an den Liften über die Wintermonate kommen. Unter ihnen ist man sich einig: Es wäre schade gewesen, das Sudelfeld sterben zu lassen. Wo es doch einmal da ist. Egid Stadler:

"Wir haben den Weg so gewählt, weil das Skigebiet und die Infrastruktur schon da war. Da geht eine Straße rauf bis auf 1500 Meter, da sind alle Wasserleitungen, Abwasserleitungen drin, da sind Stromleitungen drin, das ist alles schon vorhanden gewesen, seit Jahrzehnten. Wir haben also eigentlich nur die Infrastruktur erneuert und den Speichersee dazu gebaut, mehr haben wir nicht gemacht. Ich wäre absolut dagegen gewesen, irgendwo am Wendelstein, ich sag jetzt mal an der Rotwand oder irgendwo da ein Skigebiet aufzumachen. Das wäre für uns kein Thema gewesen."

In Bayrischzell hegt man keine Expansionsgedanken wie im Allgäu am Riedberger Horn. Das Familienskigebiet Sudelfeld ist nicht weltbekannt, so wie die Zugspitze, auf der sich Jahr für Jahr mehr internationale Touristen tummeln. Und dennoch soll man auch hier in den nächsten Wintern ordentlich Skifahren können. Bis in 30 Jahren der Klimawandel auch Bayrischzell dazu zwingen könnte, ein reines Bergsteigerdorf zu werden.  

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